Zusammenfassung:
Der Kulturschock lauert an jeder Ecke: Organisation, Straßenverkehr, Lärmpegel, Tabakkonsum, Improvisation, Minenspiel, Fremdsprachen... ein Deutscher ist auf Sizilien fern von der Heimat!
WISSENSWERTES UEBER DAS LEBEN IN ITALIEN, SPEZIELL CATANIA
Waehrend man in Deutschland wichtige Dinge plant, tut man das in Italien
praktisch nie. Wozu auch: "Das kann man schliesslich dann erledigen, wenn es
wirklich akut wird." Diese Vorgehensweise fuehrt dazu, dass gewisse Dinge
wie Sprachkurse im September etc. nicht moeglich sind und offizielle
Institutionen regelmaessig in ihrer Funktion, Ordnung in das Chaos zu
bringen, versagen. Selbst die Spanier, von denen man ja auch einiges in
dieser Richtung gewohnt ist, sind entsetzt ueber die hiesigen Verhaeltnisse.
Es ist nicht verwunderlich, wie in einer solchen Umgebung die Mafia Fuss
fassen konnte. Vielmehr frage ich mich, wieso sie es noch nicht geschafft
hat, die gesamte Insel komplett zu uebernehmen! Selbstverstaendlich
will niemand fuer die Fehlorganisation verantwortlich sein und deswegen ist
es Sitte, entsprechende Ausreden zu erfinden und/oder sich als Zustaendiger
ohne Handlungsmoeglichkeit / Entscheidungsgewalt darzustellen. Oft werden
Dinge daher von Leuten erledigt, die gar nicht dafuer zustaendig sind bzw.
die zustaendige Person regelt die Dinge irgendwie, aber nicht nach dem
eigentlichen offiziellen Weg. Durch diese Methode zeigt man hier seinen
guten Willen und demonstriert gleichzeitig seine Macht. Als Antragsteller
oder Bittender hingegen sollte man nicht darauf hoffen, auf normalem Wege
und stets mit Hoeflichkeit Erfolg zu haben. Oft muss man sich aus deutscher
Sicht dreist oder unverschaemt verhalten, um zum Ziel zu gelangen.
Allgemein sind Regeln nicht als Vorschriften, sondern eher als Empfehlungen
zu sehen, die hoechstens dann einzuhalten sind, wenn jemand darauf besteht.
Das gilt auch im Strassenverkehr: Man kann ruhig auch vor den Augen eines
Polizisten auf Zebrastreifen parken und ueber rote Ampeln fahren. Solange der
seine Autoritaet nicht angegriffen sieht, stoert es ihn nicht. Manchmal
regeln einige tatsaechlich den Verkehr, um zu zeigen, dass sie natuerlich
nicht nur so rumstehen, sondern auch den ganzen Tag ihre Macht ausueben
koennten, wenn sie es wollten und nicht so gnaedig waeren. Warum soll man
zudem bei Zebrastreifen anhalten, wenn man so schneller vorankommt und
gleichzeitig auch keiner der Fussgaenger, die ueber die Strasse gehen,
ueberfahren wird? "Es geht doch auch so!" ist ein weiterer typischer Satz
hier in Catania. Generell ist die Vespa das Verkehrsmittel schlechthin, weil
man damit zwischen den oft stehenden Autos hindurchhuschen kann. Die Fahrer
verhalten sich ungefaehr so wie bei dem Rennen in "Krieg der Sterne Episode
I - die dunkle Bedrohung". Das ist kaum eine Uebertreibung; ich bin einmal
mitgefahren und weiss, wovon ich rede. Um nicht unnoetig bremsen zu muessen,
hupen vorbeifahrende Fahrzeuge aller Art generell fuenf Meter vor Erreichen
von kleineren Kreuzungen. Das dient auch sonst zur Verstaendigung, z.B. zur
Mitteilung der Botschaft: Hej, mich gibt es auch noch! Da die meisten Autos
und Mofas recht laut sind, hat man auch nachts viel von dem Spektakel.
Unter dem Motto "Technik, die begeistert" hoert man zudem regelmaessig die
Alarmanlage eines Autos oder Motorrads losgehen. Diese sind meistens so
fein eingestellt, dass sie schon reagieren, wenn nur jemand daran denkt,
vielleicht mal irgendwo ein Kraftfahrzeug zu klauen. Damit auch jeder
etwas von dem Spektakel hat, laesst der entsprechende Besitzer mindestens
fuenf Minuten auf sich warten. Ein Nachtflugverbot ueber Catania wuerde an
Laecherlichkeit grenzen, da man bei diesem Strassenlaerm beim besten Willen
kein Flugzeug mehr heraushoeren koennte.
Die meisten Italiener haben sich daran gewoehnt, dass die Luft durch den
Strassenverkehr ziemlich verpestet ist. Was aber tun, wenn mal irgendwo aus
Versehen frische Luft uebriggeblieben ist? Klar, die wird weggeraucht! Ich
bin mir sicher, dass selbst Schnuller in Italien schon Nikotin enthalten,
denn man sieht die Leute hier praktisch ueberall rauchen. Selbst fanatische
Gegner von Nichtraucherzonen in Deutschland werden hier zum Gegenteil
bekehrt, sofern sie es ueberleben und nicht vorher an Nikotin- oder
Rauchvergiftung sterben. Man qualmt hier naemlich mit Vorliebe extrastinkige
Glimmstengel.
Oft hat man den Eindruck, dass in Italien alle Leute nur Faulpelze,
Nichtstuer und Herumlungerer sind. Das liegt daran, dass - genau wie bei den
Deutschen! - das italienische Volk tatsaechlich zu einem gewissen Prozentsatz
aus Faulpelzen, Nichtstuern und Herumlungerern besteht. Der Rest hingegen
geht in Wahrheit einer wichtigen Aufgabe nach: Da man sich auf offizielle
Instanzen nicht verlassen kann und laengerfristige Planung unbekannt ist,
muss man seine Dinge anders regeln. Vieles laeuft daher ueber
Zufallsbegegnungen auf dem Flur ab. Staendig trifft man Bekannte, mit dem
ein Schwaetzchen abgehalten wird, bei dem Informationen ausgetauscht und
eventuell Verabredungen getroffen werden. Da versteht man auch, warum jeder
ein Handy hat und dieses dauernd klingelt: Jeder ist auf Achse und muss
dennoch erreichbar bleiben. Ich habe mal selbst ausprobiert, ob ich meinen
naechsten Tag so planen kann und Leute auf diese Weise treffe, indem ich
einfach paar Stunden in einer italienischen Bar abhing - es klappt!
Es ist aeusserst wichtig in Italien, staendig zu laecheln. Ein meiner
Meinung nach "normaler" Gesichtsausdruck bedeutet, dass man ein chronischer
Miesepeter oder extrem suizidgefaehrdet ist. Selbst ein Mafiakiller wird,
bevor er einen umpustet, noch ein freundliches Laecheln fuer einen uebrig
haben. Auch wenn man ueber Probleme wie organisatorische Katastrophen
berichtet, sollte man ein Laecheln aufsetzen. Erzaehlt man in einem in
Deutschland fuer diese Anlaesse gewoehnlichen Tonfall, denkt sich der
Gespraechspartner: Warum sagt der denn das so wuetend? Es ist doch nicht
meine Schuld! Erwaehnt man hingegen ein wenig lachend, was man heute wieder
erleben musste, erntet man nicht nur Verstaendnis, sondern Respekt und
Anerkennung dafuer, dass man das so hinnimmt und so ruhig und ausgeglichen
darueber reden kann. Dadurch unterscheidet man sich naemlich von normalen
Touristen. Die Enttaeuschungen und Rueckschlaege des taeglichen Lebens mit
einem Laecheln hinzunehmen, das ist eine italienische Tugend. Eine
Grundeinstellung ist auch, dass das Leben viel zu traurig ist, um sich
darueber auch noch aufzuregen oder zu beklagen; man sollte lieber mit
Froehlichkeit die schlechten Momente ueberdecken.
Fremdsprachen sind in Catania nahezu unbekannt. Jeder, der ein paar Brocken
Englisch zusammenkratzen kann, gilt praktisch als ausgewiesener Experte fuer
Fremdenverkehr. Zudem verstehen es viele Leute nicht, wenn man sie bittet,
etwas langsamer zu sprechen. Bei ihnen gibt es nur zwei moeglische
Sprachniveaus: muttersprachliche oder ueberhaupt keine Kenntnisse. Im
Gespraech wird dabei beliebig umgeschaltet zwischen auf obskurem Wege
erlangten, rudimentaeren Englischkenntnissen und fliessendem Italienisch,
das sich dadurch auszeichnet, alle Woerter eines Satzes zu einem einzigen
langem zu verbinden und entsprechend auszusprechen.