Auslandsstudium in Catania (Sizilien)


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wissen.txt (Dienstag, 28. September 1999)

Zusammenfassung:
Der Kulturschock lauert an jeder Ecke: Organisation, Straßenverkehr, Lärmpegel, Tabakkonsum, Improvisation, Minenspiel, Fremdsprachen... ein Deutscher ist auf Sizilien fern von der Heimat!

WISSENSWERTES UEBER DAS LEBEN IN ITALIEN, SPEZIELL CATANIA

Waehrend man in Deutschland wichtige Dinge plant, tut man das in Italien praktisch nie. Wozu auch: "Das kann man schliesslich dann erledigen, wenn es wirklich akut wird." Diese Vorgehensweise fuehrt dazu, dass gewisse Dinge wie Sprachkurse im September etc. nicht moeglich sind und offizielle Institutionen regelmaessig in ihrer Funktion, Ordnung in das Chaos zu bringen, versagen. Selbst die Spanier, von denen man ja auch einiges in dieser Richtung gewohnt ist, sind entsetzt ueber die hiesigen Verhaeltnisse. Es ist nicht verwunderlich, wie in einer solchen Umgebung die Mafia Fuss fassen konnte. Vielmehr frage ich mich, wieso sie es noch nicht geschafft hat, die gesamte Insel komplett zu uebernehmen! Selbstverstaendlich will niemand fuer die Fehlorganisation verantwortlich sein und deswegen ist es Sitte, entsprechende Ausreden zu erfinden und/oder sich als Zustaendiger ohne Handlungsmoeglichkeit / Entscheidungsgewalt darzustellen. Oft werden Dinge daher von Leuten erledigt, die gar nicht dafuer zustaendig sind bzw. die zustaendige Person regelt die Dinge irgendwie, aber nicht nach dem eigentlichen offiziellen Weg. Durch diese Methode zeigt man hier seinen guten Willen und demonstriert gleichzeitig seine Macht. Als Antragsteller oder Bittender hingegen sollte man nicht darauf hoffen, auf normalem Wege und stets mit Hoeflichkeit Erfolg zu haben. Oft muss man sich aus deutscher Sicht dreist oder unverschaemt verhalten, um zum Ziel zu gelangen.

Allgemein sind Regeln nicht als Vorschriften, sondern eher als Empfehlungen zu sehen, die hoechstens dann einzuhalten sind, wenn jemand darauf besteht. Das gilt auch im Strassenverkehr: Man kann ruhig auch vor den Augen eines Polizisten auf Zebrastreifen parken und ueber rote Ampeln fahren. Solange der seine Autoritaet nicht angegriffen sieht, stoert es ihn nicht. Manchmal regeln einige tatsaechlich den Verkehr, um zu zeigen, dass sie natuerlich nicht nur so rumstehen, sondern auch den ganzen Tag ihre Macht ausueben koennten, wenn sie es wollten und nicht so gnaedig waeren. Warum soll man zudem bei Zebrastreifen anhalten, wenn man so schneller vorankommt und gleichzeitig auch keiner der Fussgaenger, die ueber die Strasse gehen, ueberfahren wird? "Es geht doch auch so!" ist ein weiterer typischer Satz hier in Catania. Generell ist die Vespa das Verkehrsmittel schlechthin, weil man damit zwischen den oft stehenden Autos hindurchhuschen kann. Die Fahrer verhalten sich ungefaehr so wie bei dem Rennen in "Krieg der Sterne Episode I - die dunkle Bedrohung". Das ist kaum eine Uebertreibung; ich bin einmal mitgefahren und weiss, wovon ich rede. Um nicht unnoetig bremsen zu muessen, hupen vorbeifahrende Fahrzeuge aller Art generell fuenf Meter vor Erreichen von kleineren Kreuzungen. Das dient auch sonst zur Verstaendigung, z.B. zur Mitteilung der Botschaft: Hej, mich gibt es auch noch! Da die meisten Autos und Mofas recht laut sind, hat man auch nachts viel von dem Spektakel. Unter dem Motto "Technik, die begeistert" hoert man zudem regelmaessig die Alarmanlage eines Autos oder Motorrads losgehen. Diese sind meistens so fein eingestellt, dass sie schon reagieren, wenn nur jemand daran denkt, vielleicht mal irgendwo ein Kraftfahrzeug zu klauen. Damit auch jeder etwas von dem Spektakel hat, laesst der entsprechende Besitzer mindestens fuenf Minuten auf sich warten. Ein Nachtflugverbot ueber Catania wuerde an Laecherlichkeit grenzen, da man bei diesem Strassenlaerm beim besten Willen kein Flugzeug mehr heraushoeren koennte.

Die meisten Italiener haben sich daran gewoehnt, dass die Luft durch den Strassenverkehr ziemlich verpestet ist. Was aber tun, wenn mal irgendwo aus Versehen frische Luft uebriggeblieben ist? Klar, die wird weggeraucht! Ich bin mir sicher, dass selbst Schnuller in Italien schon Nikotin enthalten, denn man sieht die Leute hier praktisch ueberall rauchen. Selbst fanatische Gegner von Nichtraucherzonen in Deutschland werden hier zum Gegenteil bekehrt, sofern sie es ueberleben und nicht vorher an Nikotin- oder Rauchvergiftung sterben. Man qualmt hier naemlich mit Vorliebe extrastinkige Glimmstengel.

Oft hat man den Eindruck, dass in Italien alle Leute nur Faulpelze, Nichtstuer und Herumlungerer sind. Das liegt daran, dass - genau wie bei den Deutschen! - das italienische Volk tatsaechlich zu einem gewissen Prozentsatz aus Faulpelzen, Nichtstuern und Herumlungerern besteht. Der Rest hingegen geht in Wahrheit einer wichtigen Aufgabe nach: Da man sich auf offizielle Instanzen nicht verlassen kann und laengerfristige Planung unbekannt ist, muss man seine Dinge anders regeln. Vieles laeuft daher ueber Zufallsbegegnungen auf dem Flur ab. Staendig trifft man Bekannte, mit dem ein Schwaetzchen abgehalten wird, bei dem Informationen ausgetauscht und eventuell Verabredungen getroffen werden. Da versteht man auch, warum jeder ein Handy hat und dieses dauernd klingelt: Jeder ist auf Achse und muss dennoch erreichbar bleiben. Ich habe mal selbst ausprobiert, ob ich meinen naechsten Tag so planen kann und Leute auf diese Weise treffe, indem ich einfach paar Stunden in einer italienischen Bar abhing - es klappt!

Es ist aeusserst wichtig in Italien, staendig zu laecheln. Ein meiner Meinung nach "normaler" Gesichtsausdruck bedeutet, dass man ein chronischer Miesepeter oder extrem suizidgefaehrdet ist. Selbst ein Mafiakiller wird, bevor er einen umpustet, noch ein freundliches Laecheln fuer einen uebrig haben. Auch wenn man ueber Probleme wie organisatorische Katastrophen berichtet, sollte man ein Laecheln aufsetzen. Erzaehlt man in einem in Deutschland fuer diese Anlaesse gewoehnlichen Tonfall, denkt sich der Gespraechspartner: Warum sagt der denn das so wuetend? Es ist doch nicht meine Schuld! Erwaehnt man hingegen ein wenig lachend, was man heute wieder erleben musste, erntet man nicht nur Verstaendnis, sondern Respekt und Anerkennung dafuer, dass man das so hinnimmt und so ruhig und ausgeglichen darueber reden kann. Dadurch unterscheidet man sich naemlich von normalen Touristen. Die Enttaeuschungen und Rueckschlaege des taeglichen Lebens mit einem Laecheln hinzunehmen, das ist eine italienische Tugend. Eine Grundeinstellung ist auch, dass das Leben viel zu traurig ist, um sich darueber auch noch aufzuregen oder zu beklagen; man sollte lieber mit Froehlichkeit die schlechten Momente ueberdecken.

Fremdsprachen sind in Catania nahezu unbekannt. Jeder, der ein paar Brocken Englisch zusammenkratzen kann, gilt praktisch als ausgewiesener Experte fuer Fremdenverkehr. Zudem verstehen es viele Leute nicht, wenn man sie bittet, etwas langsamer zu sprechen. Bei ihnen gibt es nur zwei moeglische Sprachniveaus: muttersprachliche oder ueberhaupt keine Kenntnisse. Im Gespraech wird dabei beliebig umgeschaltet zwischen auf obskurem Wege erlangten, rudimentaeren Englischkenntnissen und fliessendem Italienisch, das sich dadurch auszeichnet, alle Woerter eines Satzes zu einem einzigen langem zu verbinden und entsprechend auszusprechen.


letzte Änderungen: 2003-09-18 (ISO 8601).
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