Zusammenfassung:
Zwangsweise ohne Vorbereitung nach Catania - ein echtes Abenteuer! Im Dschungel der Behörden lauert so mancher Papiertiger auf ahnungslose Reisende. Dreistigkeit und Galgenhumor sind der beste Freund des Ausländers auf Sizilien.
Es war einmal vor kurzer Zeit auf einer Insel weit, weit entfernt...
Es ist eine Zeit des Studentenaustausches. Viele Studierende werden in diesen
Tagen in den entferntesten Winkeln der Erde von Kulturschocks
erschuettert. Weit abgelegen vom Zentrum der Organisation auf Coruscant, aeh,
Paderborn, liegt die Insel Sizilien, auf der bald einige Ereignisse namens
"Auslandsstudium" ihren Lauf nehmen sollen.
Da offenbar keine Kommunikation mit dem Akademischen Auslandsamt in Italien
moeglich und nicht einmal eine aktuell gueltige Adresse in Paderborn
verfuegbar ist, reist der Yedi-Ritter, aeh, Student Gunnar Fischer nach
Catania, um dort selbst nach dem rechten zu sehen und sich zur Not auf
eigene Faust durchzuschlagen...
KRIEG DER NERVEN
Episode 1: Die Phantom-Organisation
Zum Teil war es so, wie ich es schon von meinen Aufenthalten in Norditalien
her kannte - relativ chaotisch; zum Teil war es allerdings auch neu, naemlich
voellig chaotisch. Das gilt insbesondere die Organisation des Austausches,
will sagen, fuer das Ufficio Relazioni Internazionali (U.R.I.). Die dort
arbeitende Mitarbeiterin ist entweder ueberarbeitet oder unfaehig oder
ersteres, weil letzteres. Irgendwie mangelt es an allem, z.B. musste ich eine
schlechte Kopie des Austauschformulars vom letzten Jahr ausfuellen, die
neuen sind noch nicht fertig bzw. existieren gar nicht; es dauerte fuenf
Minuten, um Klebe aufzutreiben und mein Foto aufzukleben. Wichtig scheint es
zu sein, der dort arbeitenden Frau auf die Nerven zu gehen bzw. laestig zu
werden, dann tut sie alles, um einen wieder loszuwerden. Bei meinem ersten
Besuch scheiterte die Ausstellung eines Studentenausweises einfach daran,
dass ich nicht zwei Passfotos zur Hand hatte. Wie ich spaeter heraufand,
waere der naechste Automat keine zehn Minuten Fussweg entfernt gewesen. Das
bedeutete fuer mich, statt in die Mensa zu gehen, mich zwei Tage lang von
Knaeckebrot und Aldischoko zu ernaehren, was auch an der teuren Unterbringung
in den ersten drei Tagen und meiner daraus resultierenden Geldnot lag. Denn
da ich - aus auch im nachhinein nicht ersichtlichen Gruenden - nicht sofort
einfach zumindest vorruebergehend ein Zimmer im Wohnheim "Centro" bekommen
konnte, schickte man mich zu einem Hotel. Wie sich nach zwei Stunden
Fussmarsch in der mittaeglichen Hitze (September in Catania entspricht
Hochsommer in Deutschland) mit dreissig Kilo Gepaeck herausstellte, war die
angegebene Adresse falsch und das Hotel lag ganz woanders. Am Ende meiner
geistigen und koerperlichen Kraefte angelangt, schleppte ich mich in die
zweite angegebene Pension. Dort wusste man von nichts (man hatte mir
versprochen, 50% der Unterbringung dort zu bezahlen), aber dank meines
Bargeldes bekam ich fuer 60 DM pro Nacht ein kleines, aber sauberes Zimmer
mit Dusche und WC. Am Mittwoch hatte das U.R.I. offiziel zu - in Wirklichkeit
ist nur dann kein Publikumsverkehr, ich haette da also ruhig reingehen und
mal Dampf machen koennen. Also verschob ich das auf Donnerstag, an dem man
mich auf Freitag vertroestete.
Episode 4: Neue Hoffnung
Aber dank richtiger Vorbereitung bekam ich endlich einen Studentenausweis,
mit dem ich angeblich auch die Mensa benutzen konnte. Also am Mittag nichts
wie hin zur via Guglielmo Oberdan, in der sich das Studentenwohnheim
angeblich befinden sollte. Doch irgendwie war weit und breit nichts zu sehen.
Ich wollte schon beinahe umkehren, als ich mehrere junge Italiener
verdaechtig vor einem Gebaeude herumhaengen sah. Das musste es sein! Und
wirklich, es war so. Ich ging also hinein und sprach einen wie eine
verantwortliche Person herumstehenden Italiener an, der mich zu einem Buero
im Gebaeude fuehrte. Hier zeigte ich meinen Ausweis vor und erzaehlte, man
habe mich hierher geschickt und wuesste ansonsten von nichts, was ja sogar
der Wahrheit entsprach. Sichtlich "erfreut" ueber die Vorgehensweise des
U.R.I., aber nicht veraergert ueber mich, da ich mich ja glaubwuerdig als
Opfer hatte darstellen koennen, stellte man mir einen Mensaausweis aus und
liess mich einige Formulare ausfuellen. Nun kam ich in den Genuss eines
hervorragenden italienischen Mensaessens!
Am Nachmittag gelang es mir, in dem Gebaeude der Fakultaet nicht nur zu einer
E-Postadresse zu gelangen, sondern auch endlich ein paar Nachrichten
abzuschicken. Hier musste ich mit Enttaeuschung feststellen, dass praktisch
kein Student eine Uniadresse hat, sondern fast jeder irgendwo bei Yahoo oder
Hotmail einen Zugang besitzt. Die Rechnerausstattung ist zudem wesentlich
schlechter als bei uns, eine halbe Stunde Internet taeglich ist quasi das
hoechste der Gefuehle.
Episode 5: Das Ufficio schlaegt zurueck
Da ich am Donnerstag zu viele Fragen und Bitten gestellt hatte (z.B. die
Bitte, die aktuelle U.R.I.-Adresse und Tel.nr auch dem Partner in Deutschland
mitzuteilen), wollte man mich am Freitag im U.R.I. endgueltig loswerden und
besorgte mir prompt das erbetene Zimmer im Centro. Als bei diesem Vorgang
meine bisherigen Unterlagen ans Tageslicht befoerdert wurden, sah ich, dass
alle nicht beantworteten Faxe und Briefe, die ich in den letzten Monaten
geschickt hatte, angekommen und einfach abgeheftet worden waren. Aber egal -
jetzt nichts wie raus aus dem Hotel! Um 10.54 bezahlte ich die Rechnung fuer
drei Tage (ab 11.00 Uhr waeren es vier gewesen!) und schleppte den Kram mit
wesentlich mehr Kraft als drei Tage zuvor in Richtung via Oberdan.
Hier wiederholte ich ungefaehr, was ich schon am Vortag gemachte hatte:
Zettel vorzeigen, Unschuldsmiene aufsetzen und abwarten. Nach zehn Minuten
hatte ich mein Zimmer. Den auf dem Tisch liegenden Unterlagen nach zu
urteilen, handelte es sich bei meinem Zimmergenossen um einen Australier, der
aber nur im Rahmen eines Kongresses ueber Vulkanologie hier war. Diese
Vermutung sollte sich spaeter als richtig herausstellen.
Episode 6: Die Rueckkehr der ITI-Ritter
Vergeblich versuchte ich am Vormittag, mit meiner Postbankkarte Geld zu
holen. Um mich auch das Bankenviertel von Catania sehen zu lassen,
akzeptierte die Mitarbeiterin beim Hauptpostamt nicht meine Karte. Angeblich
duerfe sie das nicht mehr, die Deutsche Post AG habe das verboten. Das heisst
auf Italienisch soviel wie: Ich kann es nicht oder habe jetzt keinen Bock,
das zu tun. Wie kannst Du es wagen, mich mit Arbeit zu belaestigen, Du
bloeder Auslaender! Nerv gefaelligst eine Bank mit Deinem Problem! Das tat
ich dann auch gleich bei drei verschiedenen, wobei ich auf immer neue
Raetsel stiess: Wie hatten es die Italiener jemals geschafft, den Eindruck
zu erwecken, fuehrend im Bankwesen zu sein, wenn sie in Wirklichkeit
grottenschlecht darin waren? Keine einzige Bank konnte mit der Karte etwas
anfangen! Wahrscheinlich haette ich mit einem Nylonstrumpf und einer Pistole
in der Hand weniger Aufsehen erregt und die Angestellten weit weniger ins
Schwitzen gebracht.
Bei meinem naechsten Besuch an den Internetrechnern sprachen mich zwei
Italiener auf meinen deutschen Namen an, den ich in der Reservierungsliste
eingetragen hatte. Wie ich erfuhr, waren sie Mitglieder einer Organisation
namens "Itinera", die aus ehemaligen Erasmusteilnehmern aus Catania bestand.
Itinera versucht, die nicht vorhandenen Dienstleistungen des U.R.I. zu
ersetzen und der Galaxis wieder Frieden und Freiheit zurueckzugeben
(letzteres aber eher indirekt). Ich erhielt sofort die Betaversion einer
Broschuere, die fuer ankommende Studenten vorbereitet wurde. Das Deutsch war
zwar nicht ganz korrekt, aber durch das Korrekturlesen konnte ich mich ein
wenig revanchieren fuer die Hilfe. Ab jetzt war ich in sicheren Haenden.
Abends ging ich zuerst mit Alessandro in den an diesem Tag anlaufenden Film
"Guerra stellare - episodio I: La minaccia fantasma". Anschliessend lernte
ich noch eine Menge anderer Leute und den Wert einer italienische Bar kennen.
Der erste Schritt war gemacht! Ab jetzt ging es nur noch bergauf.