Auslandsstudium in Catania (Sizilien)


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Zusammenfassung:
Es gibt tatsächlich Leute, die nach dem Trägheitsprinzip ( = geringste Bewebung) arbeiten. Aber natürlich kann man an seine Unterlagen kommen - vorausgesetzt, man kennt die sizilianische Höflichkeit! Vulkanausbrüche des Ätna und Wutausbrüche von mir haben eins gemeinsam: Sie kommen selten, sind dann aber umso unangenehmer für alle Beteiligten.

Die sizilianische Bürokratie - der nackte Terror

Nach dem, was ich in Catania erlebt habe, kann ich nur ein Loblied singen auf die deutsche Bürokratie. Zwar wird man hierzulande vielleicht manchmal etwas unpersönlich abgefertigt; das heißt aber im Gegenzug nichts anderes, als daß man unabhängig von Aussehen und Herkunft gleich behandelt wird. Daß eine willkürliche Bürokratie, in der die Menschen je nach Lust und Laune empfangen werden, der nackte Terror ist, habe ich selbst erleben müssen. Am schmerzlichsten vermißt habe ich dabei zwei Dinge: Daß ich zu keinem Zeitpunkt offiziell willkommen war und daß keiner meinen Namen richtig schreiben konnte. Um das ins rechte Licht zu rücken: Es hätte mir schon gereicht, wenn mir die Leute nicht ständig das Gefühl gegeben hätten, daß sie mich am liebsten direkt rausschmeißen würden aus Sizilien, man mich aber aufgrund des Austauschprogrammes leider nicht so schnell loswerden könne. Was den Namen betrifft, so erwarte ich (in Ländern mit entsprechenden Sprachen), daß Leute in offiziellen Büros und Ämtern einen in lateinischen Blockbuchstaben gedruckten Namen ohne Sonderzeichen abschreiben können. Das hat leider nicht ein einziges Mal geklappt. Selbst die Konzentration, zwei Wörter korrekt zu übertragen, war schon zuviel verlangt. Bei keiner anderen Gelegenheit wurde mir all diese Dinge so klar wie am Ende meines Aufenthaltes, als ich einen offiziellen Nachweis über mein Studium besorgen mußte.

Im Sekretariat meiner Fakultät war natürlich die zuständige Person nicht da; daher bat man mich darum, doch bitte meinen Studentenausweis dazulassen, da dieser für die Ausstellung der Unterlagen benötigt wurde. Ich machte dem Mitarbeiter klar, daß ich als nichttouristischer Ausländer ohne diesen Ausweis praktisch vogelfrei wäre und die üblichen Polizeikontrollen dann doch unangenehm werden könnten. Darauf wußte er kein Gegenargument mehr und mit lautem Wehklagen ob der nun erfolgenden Anstrengung drehte er sich um 90 Grad, legte meinen Ausweis auf den Kopierer und machte eine Kopie. Das Leben ist schon hart...

Am nächsten Tag sollte ich wiederkommen. Die diesmal anwesende Angestellte übergab mir kurz und bündig ein Dokument, das meinen Aufenthalt bescheinigte. Entscheidender Schönheitsfehler: Der angegebene Zeitraum stimmte nicht; er umfaßte nur die Vorlesungszeit, während ich länger, nämlich volle zehn Monate dagewesen war (und auch dagewesen sein sollte). Zur Erinnerung: Der Nachweis über zehn Monate war deswegen so wichtig, weil ich ohne ihn das Stipendium (über 3000 DM) hätte zurückzahlen müssen! Meine Hinweise darauf, daß der Studentenausweis ja im September 1999 ausgestellt worden sei und wir nun Juli 2000 hätten, stieß auf taube Ohren. Nein, das hätte ich eben gestern schon sagen müssen, daß ich das so bräuchte, da könnten sie jetzt nichts mehr ändern. Die freundliche, ruhige, zivilisierte Vorgehensweise hatte endgültig versagt. Nie zuvor war ich aber so in Bedrängnis gewesen; und nie während meiner Zeit in Catania war mir alles so egal wie damals. Mir gingen in etwa folgende Überlegungen durch den Kopf:

  1. Du kannst nicht einen guten Eindruck machen und gut über die Runden kommen. Das hast Du in der Zeit hier gelernt.
  2. Genauer gesagt: Du kannst überhaupt keinen guten Eindruck machen bei diesen Leuten; bei denen hast Du als Deutscher sowieso verloren.
  3. Du bist zehn Monate lang nett und freundlich aufgetreten, und sie haben Dich abweisend und herablassend behandelt. Wieso läßt Du es nicht bleiben?
  4. Wenn man Dich ohnehin schon für einen häßlichen Barbaren ohne Aussicht auf Besserung hält, dann kannst Du Dich ja wenigstens einmal auch wirklich so aufführen und die eventuell daraus resultierenden Vorteile genießen. Wer auf die sanfte deutsche Tour nicht reagiert, der bekommt eben die unsanfte.
  5. Selbst wenn das jetzt noch ein Nachspiel hat - in ein paar Tagen bist Du zu Hause und die können Dir gar nichts mehr.
  6. Du hast Dir doch in all der Zeit hier nichts sehnlicher gewünscht, als diese Leute einmal so richtig anzubrüllen und denen zu zeigen, was ein wirklich unhöflicher Deutscher macht.
  7. Also los!
"WAS??? ICH HABE DIE SCHNAUZE VOLL! JETZT REICHT ES MIR ABER ENDGÜLTIG! ICH HABE (bla usw., ca. eine Minute lang, dabei wild mit den Armen gestikulierend)... Die im gleichen Zimmer Anwesenden erhoben beschwichtigend die Hand und sagten "Pscht!", die Frau unterbrach mich "Aber bitte, Du mußt doch nicht brüllen...". Das war das Stichwort für den nächsten Teil: "WAS, ICH MUSS NICHT BRÜLLEN? ICH HABE MICH HIER ZEHN MONATE LANG FREUNDLICH AUFGEFÜHRT UND NIE ETWAS DAMIT ERREICHT! DIE DEUTSCHE HÖFLICHKEIT FUNKTIONIERT HIER OFFENBAR NICHT! UND JETZT WERDE ICH (usw. blabla, hierbei immer wieder entweder mit den rechten Zeigefinger bedrohlich nach unten oder die rechte Faust auf die freie linke Handfläche schlagend), ... BIS ICH DIESE VERDAMMTE BESCHEINIGUNG SO BEKOMME, WIE ICH SIE WILL! REICHT DAS JETZT? HABE ICH MICH DEUTLICH AUSGEDRÜCKT ODER MUSS ICH NOCH LAUTER SCHREIEN???" Daraufhin fragte mich die Angestellte leise und höflich, was ich denn genau wolle (klar: sie hatte mir nämlich vorher auch gar nicht zugehört). Ich formulierte in kurzen, barsch ausgesprochenen Sätzen, was ich brauchte. Sie öffnete die noch vorhandene Textdatei auf dem Rechner, änderte zwei Angaben, druckte das Ergebnis aus, legte es mir vor und fragte dann kleinlaut, ob das so reiche. Ich wies darauf hin, daß (wie immer) mein Name falsch geschrieben sei, woraufhin sie diesen Fehler sofort korrigierte, nochmal ein Blatt ausdruckte und endlich eine korrekte und brauchbare Version meiner Bescheinigung ablieferte. Die guckte ich mit absichtlich verkniffenem Mund und bedrohlich verengten Augen nochmal durch, ließ diese dann aber (schon wesentlich weniger zornesrot) als in Ordnung durchgehen und abstempeln. Dann verabschiedete ich mich und ging meines Weges.

Ich war nicht nur zufrieden, ich war stolz. Ich ging hocherhobenen Hauptes durch die Straßen, denn ich hatte meine Würde zurückgewonnen. Ich hatte bis zum letzten Blutstropfen gekämpft und den Gegner schließlich vernichtend geschlagen, und das auf seinem eigenen Territorium! Ich hatte den letzten Rest des deutschen Zauderns und Zagens abgelegt und endgültig die sizilianische Verhandlungsweise übernommen. Ich war wie der Ätna: Heiß und feurig und bereit, alles in Schutt und Asche zu legen, um mich durchzusetzen. Damit hatte ich die große Prüfung des Lebens, die mir hier gestellt worden war, bestanden! Ich hatte den größten Triumph meiner Zeit in Catania errungen. Diesen Tag werde ich nie vergessen.


letzte Änderungen: 2006-12-08 (ISO 8601).
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