PHILOSOPHIE

Philosophie am Bildungsort "Schule"

1. Was ist eigentlich Philosophie?

Immer mehr Menschen lassen sich gegenwärtig vom Abenteuer Philosophie faszinieren. Buchhandelsregale quellen über von Neuerscheinungen ("Klassiker der philosophischen Lebenskunst", "Bei Liebeskummer: Schopenhauer"). Nicht nur "Spiegel", "Focus" und "Zeit", sondern auch "Brigitte" und "Elle" berichten über philosophische Cafés, über "Sophies Welt" und philosophische Comics. Der Berliner "Radiophilosoph" Lutz von Werder schließlich schlägt philosophische Runden" in der Familie und philosophische Partys mit Oliven, Wein und Glücksübungen nach dem griechischen Philosophen Epikur (342-270 v. Chr.) vor. "Philosophische Praktiker" empfehlen sich den Sinnsuchenden, vom Schulbuch bis zum Internet vergeht kaum eine Woche ohne neue Angebote.

Was ist eigentlich Philosophie? Philosophie entstammt - dem Wort wie der Sache nach - dem antiken Griechenland und bedeutet "Freude haben" / "Gefallen finden" (philein) an Wissen und Bildung, "Liebe zur Weisheit". Das ist bescheiden gemeint, denn die Betonung liegt auf der "Liebe" zu Orientierung, Erkenntnis und Reflexion, nicht auf deren Besitz. Von Sokrates (469-399 v. Chr.) - einem der ersten Philosophen und zugleich einem der berühmtesten - wird bekanntermaßen gar der Spruch überliefert: "Ich weiß, dass ich nichts weiß". Bei "Weisheit" denkt man an ein abgeklärtes Alter und womöglich ist das Denken (anders als professionelles Fußballspielen) etwas, worin man in zunehmendem Alter immer noch besser werden kann. Aber über sich selbst nachzudenken und sich zur Welt in ein bewusstes Verhältnis zu setzen, dafür ist es nie zu früh und nie zu spät.

 

Beim Stichwort "Philosophie" fallen jungen Leuten spontan folgende Themen bzw. Fragen ein : Was ist der Sinn des Lebens? Warum bin ich? Wer bin ich? Können Tiere denken? Gibt es eine unsterbliche Seele? Was ist Glück? Warum soll ich moralisch sein? Wozu Strafe? Gibt es einen Gott? Was ist Schönheit? Was ist jenseits des Weltalls? Was ist "wirklich"?

Wir können als Menschen gar nicht leben, ohne uns über solche Themen Gedanken zu machen. Jeder trägt im Innersten, in der Schule, in der Ausbildung, im Beruf, in allen Phasen seines Lebens, im Alter seine "Lebensphilosophie" mit sich herum - freilich mehr oder weniger bewusst und explizit. Dies bedeutet nicht im Sinne einer Entleerung des Begriffs zu Gesinnungskundgebung und bloßen vagen Debatten, dass "alles" Philosophie ist, von der "Produkt-Philosophie" aus den medienbekannten Werbewelten, einer "Freizeit-Philosophie" und allen generellen Vorstellungen und Lebenseinschätzungen vom Kleinkind über den oftmalig unbefragten Alltagshedonismus im einschlägigen "Partyalter" bis zu "Freut euch des Lebens, eh' es vergeht" am Stammtisch. Und doch besteht ein Zusammenhang: Diese alltagsweltlichen Situationen artikulieren leichter, was sonst häufig verschüttet ist: die letzte Ebene unserer Auffassungen, die "Grundkoordinaten" unserer Einstellungen und Wertungen, von denen aus wir unser Leben gestalten. Philosophieren bedeutet, den Schritt zur Bewusstheit und zur Prüfung solcher Deutungen zu tun.

In den täglichen Lebensvollzügen und Denkgewohnheiten bleibt das meiste fraglos gültig und selbstverständlich. Durch Erschütterungen, Zweifel, Konflikte, Ängste, Todeserfahrungen, aber auch durch Erfahrungen des Glücks, des Staunens, des Überschwangs und der Liebe wird das Selbstverständliche fragwürdig, befragenswert, wird es hinterfragt, erscheint es in neuem Licht; denn das Bekannte und Gewohnte sind nicht immer auch gleich erkannt und gewollt. Hier beginnt ernsthaftes Philosophieren. Und wenn es auf viele Fragen auch keine endgültige Antwort gibt, ist es nicht sinnvoll, offene Fragen auszuhalten, in der Schwebe zu lassen, die Ahnung einer möglichen Antwort zu bekommen ?

Was können die großen Philosophen uns heute sagen?

 

Freilich gibt es genügend Möglichkeiten, in der allseits zitierten "kommerzialisierten Spaßgesellschaft", aber auch in Lebenshektik und Alltagsbelastung vernünftiges Denken beiseite zu schieben oder auch ohne eigene Prüfung simplen Scheinantworten zu verfallen. Aufgabe gemeinsamen Nachdenkens und Diskutierens am "Bildungsort Schule" ist es darum, in eine Dynamik des eigenen Denkens hineinzukommen, dies Denken methodisch zu gestalten und ihm die Fragen und Antwortversuche der Philosophiegeschichte zu vermitteln. Hierzu muss man schon einiges über ihre mehr als zweieinhalbtausend Jahre Geschichte erfahren. Vor allem aber ist Philosophieren eine Einstellung, eine Orientierungsweise. Bedeutung erhalten philosophische Einsichten primär "für" uns, im "existentiellen" Rückbezug an den Philosophierenden. Sinn und Bedeutung kann etwas nur "für mich" haben, es haftet der Sache nicht einfach an. Es ist ein Geschehen, bei dem sozusagen die ganze Person mitschwingt.

 

2. Philosophie in der Sekundarstufe II in der Sekundarstufe II

Folgende Untersuchungsfelder können in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel  in den verschiedenen Jahrgangsstufen gewählt werden:

(11/1) Der Einführungskurs hat zum Ziel, die Schülerinnen und Schüler etwa folgende Einsichten gewinnen zu lassen: Was ist Philosophie? Welche Fragen, welche methodischen Denkansätze sind fachtypisch? Die Texte, an denen solche Fragestellungen untersucht werden, sollten so angelegt sein, daß wichtige inhaltliche Bereiche der Philosophie berührt werden. Hierdurch kann ein erster Einblick in die Philosophie gewonnen werden, damit eine spätere Wahl des Faches nicht ohne Vorkenntnisse getroffen werden muß.

(11/2) Auch in der Interaktion der Fächer führen in der Oberstufe viele Fragestellungen auf die Philosophie hin. Biologie, Ethnologie, Psychologie und andere Fächer etwa fragen, jedes für sich, nach dem, was der Mensch eigentlich ist. Die philosophische Anthropologie versucht, alle diese Hinsichten zu integrieren. Wichtige im Laufe der Geschichte des Nachdenkens vorgeschlagene Charakterisierungen des Menschen sind zum Beispiel: 'Geschöpf und Ebenbild Gottes', 'Krone der Schöpfung', 'Besitzer einer unsterblichen Seele', 'gesellschaftliches Wesen', 'Wolf' des Mitmenschen, 'nicht festgestelltes Tier' usw. Ein vieldiskutiertes Thema ist die Frage nach dem vernünftigen und auf ein soziales Zusammenleben eingestellten oder aber letztlich aggressiven Charakter des Menschen. Diese wichtige Frage zur Bestimmung des Menschen zielt auf den Umgang mit seinesgleichen. Tag für Tag sehen und hören wir in den Nachrichten, was Wesen unserer Gattung zu leisten, aber auch einander anzutun in der Lage sind.

(12/1) Ein weiteres Beispiel: Eine Schülerin setzt sich etwa in der Erziehungswissenschaft mit der Tatsache auseinander, daß von jungen Menschen bei dem Vorgang der Sozialisation erwartet wird, sich bestimmten Normen zu fügen. Dies kann auf eine Diskussion führen, wie ein solcher Anspruch und solche Normen eigentlich überhaupt zu begründen sind, ob sie für alle Menschen gelten oder nicht, schließlich, was überhaupt gut, was böse ist. Diese Fragen gehören dann nicht mehr der Erziehungswissenschaft, sondern der Philosophie an. Die philosophische Ethik fragt dann vor allem in zwei Richtungen. Erstens: wie kann ich gut im Sinne von glücklich leben? Und zweitens: wie kann ich gut im Sinne von: moralisch richtig, anständig leben und handeln? Die Frage nach dem Glück ist zu verschiedenen Zeiten der Geschichte sehr unterschiedlich beantwortet worden. Auch heute unterscheiden sich die Vorstellungen der Mernschen vom Glück sehr Und wie die Philosophie auf jeden Fall kein Fach ist, in dem es fertige Antworten gibt, in dem vielmehr jede Schülerin und jeder Schüler ihre/seine eigenen Antworten finden muß, kann es schon einmal passieren, daß es bei Diskussionen über solche Fragen zu keinem für alle gleich gültigen Ergebnis kommt.

(12/2) Nicht nur die Politikwissenschaft, sondern auch die Philosophie fragt danach, was unser Zusammenleben in Staat und Gesellschaft eigentlich ausmacht, welche Rechte sie als Ordnungmächte dem Einzelnen gegenüber haben, was der einzelne umgekehrt von ihnen erwarten kann. Die tägliche Begegnung mit dem Staat und die andauernde Diskussion über seine Veränderung legen es nahe, über menschliche Ordnungen überhaupt nachzudenken und Texte zu diesem Problem zu lesen. Ein weiteres mögliches Untersuchungsfeld in der Jahrgangsstufe 12/2 ist die Geschichtsphilosophie. Hier geht es um Fragen wie die folgenden: Wie verorten wir uns im Ganzen der Menschenwelt und im Ablauf der Zeit? In welchem Verhältnis steht meine Geschichte zu der Geschichte, wenn man hiervon überhaupt reden kann? Gibt es Entwicklungsgesetze der Geschichte, was bestimmt ihren Ablauf? Gibt es einen Sinn in der Geschichte?

(13/1 und 13/2) In der Jahrgangsstufe 13 können Kurse ihre Untersuchungsprojekte aus einem weiten Feld von Themen wählen. Die Erkenntnistheorie, die hier als ein Beispiel vorgestellt wird, kann neuerdings auch bereits in 11/2 gewählt werden. Hier kann man sich Fragen wie die folgenden vornehmen: Wir sind im Leben meist vollauf damit beschäftigt, mit unserer Welt zurechtzukommen. Ob diese Welt wirklich so ist, wie wir sie wahrnehmen, kümmert uns dabei zunächst nicht so besonders. Philosophen fragen da prinzipieller. Sie wollen prüfen, ob wir überhaupt eine richtige Vorstellung von der Welt haben. Was Erkenntnis sei, wie sie zustande kommt und wo ihre Grenzen liegen: das ist ein Grundthema der Philosophie von Anfang an. Von Erkenntnis möchte man im allgemeinen verlangen, dass sie 'wahr' bzw. 'zutreffend' ist: eng mit der Erkenntnistheorie verbunden ist darum die Frage, was wir sicher wissen können. Die Erkenntnistheorie stellt also Fragen wie die folgenden: Welches sind die Quellen der menschlichen Erkenntnis? Was können wir überhaupt wissen? Wo liegen die Grenzen unseres Wissens? Wichtige Stationen der Erkenntnistheorie sind vor allem die unterschiedlichen Auffassungen, die der Franzose Descartes und der Engländer Locke entwickelten. Als Höhepunkt der Disziplin jedoch gilt weithin die 'Kritik der reinen Vernunft' von Immanuel Kant.

 

Fachschaft Philosophie
Immanuel-Kant-Gymnasium Münster

Absprachen der Fachkonferenz Philosophie gemäß den neuen Richtlinien Sek. II in Nordrhein-Westfalen ( S. 97) in Kooperation mit dem Kardinal von Galen-Gymnasium (Frau Thalmeier-Warner)
  

Jahrgangsstufe

Obligatorische Inhalte

Zuordnungen im Aufbau von Methodenkompetenz

Mögliche Bezüge zu anderen Fächern

11/1

Einführung in die Philosophie

Textinterpretation I
vgl. Richtl. S. 31

Protokoll

Methodenkompetenzerwerb Deutsch; vgl. z. B.: Texte, Themen und Strukturen (Cornelsen), 97 ff., 103 ff.

11/2

Anthropologie

Recherche (Lexika, Internet)
Referat; pro SchülerIn ein R. in d. Qualifizierungsphas

z. B. biologische Anthropologie,
Biologie

12/1

Ethik

Textinterpretation II

Ethik in der Religion
GenEthik (Biologie)

12/2

Politische Philosophie
oder
Geschichtsphilosophie

Facharbeit

Sozialwissenschaften
Geschichte

13/1

und

13/2

Wahlweise zwei Rahmenthemen aus folgender Liste:

  1. Erkenntnistheorie
  2. Wissenschaftstheorie
  3. Metaphysik/Ontologie
  4. Technikphilosophie
  5. Naturphilosophie
  6. Kulturphilosophie
  7. Ästhetik
  8. Sprachphilosophie
  9. Religionsphilosophie

obligatorische Methoden,Halbjahreszuordnung
(gesamte Oberstufe von 12/1 bis 13/2 fakultativ)
Ganzschrift-Lektüre
Projekt

weitere wünschenswerte Methoden (Halbjahres-Zuordnung fakultativ):
"Realbegegnung"
Essay
Disputation, sokrat. Gespräch
Produktionsorientierte Verfahren

 

 

Evolutionäre Erkenntnisth. (Biologie)
Physik (2) und (4)




Kunst (7)

Religion (9)

 
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© 2001 Ludger Rademacher, Volker Steenblock, zuletzt geändert am 06.11.2001 von Hi