Mit Diogenes ins Gespräch kommen ...Die folgende kleine Sequenz kann mit einer Information durch Lehrervortrag, einer Textlektüre nach dem antiken Philosophiehistoriker Diogenes Laertius und/oder einer Auseinandersetzung mit der Zeichnung beginnen.
(Karikatur: Otto Wiezorek)
Über die Gestalt des Diogenes von Sinope (4. Jh. v. Chr.), des legendären Tonnenbewohners, erzählt eine reichhaltige Reihe von Anekdoten. Diogenes´ "kynische" (von gr. kuwn, kýon = Hund, davon Zynismus) Kritik gilt der Philosophie eines Platon ebenso wie der Religion, der Dichtung ebenso wie der Politik. Das Ziel größtmöglicher Unabhängigkeit erringt man durch Verringerung aller Bedürfnisse, etwa indem Diogenes seinen Becher noch fortwirft, als er sieht, wie ein Kind aus der hohlen Hand trinkt. Die wohl berühmteste Anekdote erzählt, er habe dem Makedonenkönig und Welteroberer Alexander dem Großen auf die Frage, ob er einen Wunsch habe (Luxus? Reichtum?), geantwortet: "Geh mir aus der Sonne"
Schülerinnen und Schüler des Faches "Praktische Philosophie" kommen wie folgt mit Diogenes ins Gespräch:
PP´ler(in): Tagchen, wie geht's denn so?
Diogenes: Seid gegrüßt!
PP´ler(in): Sie leben, Herr Philosoph, wie wir gehört haben, völlig unabhängig von Klamotten und Konsum. Das ist schon stark, bloß hätten wir Angst, im Winter frieren zu müssen ...
Diogenes: Nun, das Wetter ist meist recht warm hier in Griechenland. Und dafür lebe ich so, wie und wo es mir gefällt und lass´ mich nicht durch andere beeinflussen!
PP´ler(in): Gegen die Gesellschaft leben - ist das überhaupt möglich?
Diogenes: Der Weise durchschaut die Dinge eben. Er kann die Leute auf das aufmerksam machen, was sie nicht durchschauen. Und eigentlich wissen sie das dann auch zu schätzen.
PP´ler(in): Da muss man schon ein großes Selbstbewusstsein haben und viel Kraft, um gegen den Strom der Gesellschaft zu schwimmen. Oder doch: ein wenig daneben sein, (leise:) ein Penner ...
Diogenes: Ich lebe wie ein Hund und bin stolz darauf! Ich besitze nur mein Gewand, meine Tonne und meinen Kopf. Aber den wirklich. Du dagegen, versklavt von deinen Konsumbedürfnissen: Schau dich doch mal an! Diese Namen auf deinem Pullover, auf deiner Hose, deinen Schuhen - davon bist du doch abhängig! Und nachmittags Fernsehen, Handy wie alle anderen - bleibt da noch was von dir übrig, wenn man diese Dinge alle abzieht?
PP´ler(in): Das ist doch hohl, warum soll ich Pullover und Hose nicht anziehen, wenn mir kalt ist? Außerdem sind sie Ausdruck meines Geschmacks und damit auch ein wenig von mir selbst! Ganz arm kann kein Mensch leben. Aber wirklich wichtig sind mir ganz andere Dinge wie Freunde und Familie und dies ist von Geld und Konsum ganz unabhängig.
Diogenes: Nun, ich hoffe, ich kann dir glauben. Wenn ich dir aber einen Rat geben soll: Werde mehr du selbst und sei weniger ein Produkt. Schwimme in deinem eigenen Fluss!
[...]
PP´ler(in): Kann ich noch irgendetwas für Sie tun?
Diogenes: Geh´ mir aus der Sonne!
Text (Auszug): Britta C., Anne F., Jannis F. und weitere Kursteilnehmer Jahrgangsstufe 9, Schuljahr 2000/01 des Immanuel-Kant-Gymnasiums Münster-Hiltrup.
Die Schüler(innen) haben zuvor versucht, in Listen grundlegende Existenzbedürfnisse (Brot, Bett, Heizung usw.) von weitergehenden "Kulturbedürfnissen" (Telefon, Fernsehen, Armbanduhr) und Luxusbedürfnissen zu unterscheiden. Sie stellen am Ende der Unterrichtssequenz: "Ich selbst sein - Selbstbestimmung und Entfremdung in der Konsumgesellschaft" unter anderem fest: Ein "unmanipuliertes" Leben gibt es nicht. Nur im entferntesten Regenwald entkäme man vielleicht den Zwängen von Schule und Arbeit, dem Zugriff von Unterhaltung und Konsum, aber das Leben dort wäre so schwer, dass man es gar nicht führen könnte. Wie Diogenes kann man nicht leben. Konsumwünsche (Beispiele von Jungen vor allem: Unterhaltungselektronik, Computerspiele, Netzwerkparty; Mädchen eher: schicke Kleidung, Handy, Disco; Lehrer: griechisches Spezialitätenrestaurant "Tonne des Diogenes") scheinen legitim. Es ist auch nicht ganz abzustreiten, dass diese Dinge uns "irgendwie ausmachen" - "wir stellen uns selbst durch Kleidung oder Vorlieben (in der Unterhaltungsindustrie) wie Popgruppen, Fußballvereine dar". Aber: Lebensziele wie Freundschaft, Familie, interessanter Beruf - womöglich gar "den Sinn des Lebens finden" - gehen hierüber hinaus und "man kann sich schon darüber klar werden, was vor allem wichtig ist - und was nicht".
An einer Philosophengestalt wie Diogenes eigene Lebenseinstellungen "abzuarbeiten" (und möglichst zugleich neugierig zu werden auf ein Weiterforschen zu den Philosophen) ist einer der Ansätze, auf die man im Unterricht im Fach: "Praktische Philosophie" treffen kann. Andere Möglichkeiten sind: Aufgreifen der nach Aussage der Schülerinnen und Schüler hohen Bedeutung der Popmusik nicht nur in der sozusagen unbewussten Lebensführung, sondern auch für die Momente ihrer Bewusstwerdung. Arbeitsmöglichkeiten mit Interviews, Karikaturen, Comics, Bildmeditationen, Texten und dem interaktiven spielerischen Zugang "Sophies Welt" auf CD-ROM, Internet, Filmen wie "Matrix" und "Gattaca".
Im Unterrichtsgespräch finden Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, sich ihre Lebenseinstellungen bewusst vor Augen zu führen und sie kritisch zu prüfen und zu begründeten und zu verantworteten Eigenentscheidungen zu kommen. Die "Praktische Philosophie" sucht eine Sensibilisierung für Fragen des richtigen Handelns in Gang zu setzen und Hilfestellung zur Orientierung zu geben. Als der Religion verwandtes, Sinnprobleme und Lebensorientierungen diskutierendes Fach kann Praktische Philosophie dabei stets auch die "religiöse Option" offen halten, z. B. dadurch, dass ein Kurs religionsphilosophische Themen vereinbart oder durch Zusammenarbeit mit bzw. Rückverweis auf den Religionsunterricht.
Die bisherige Entwicklung des neuen Faches "Praktische Philosophie" (Sek. I) in Nordrhein-Westfalen gilt, wie vielfach konstatiert, als sehr erfolgreich. Das vorläufige Kerncurriculum hält dazu an, wichtige Fragen aus der Alltags- und Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler aufzunehmen und sie angesichts gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen in hinlänglicher Komplexität zu behandeln. Zugleich vermag die dritte, ideengeschichtliche Perspektive Denkmodelle und Einsichten der Philosophiegeschichte für die jeweilige Orientierung fruchtbar zu machen. Das Kant-Gymnasium hat sich, natürlich auch im Sinne seines Namenspatrons, als eines der ersten in NRW am Schulversuch beteiligt, Schülerinnen und Schüler vom Kant sind mehrfach an Diskussion und Evaluation des Faches beteiligt gewesen.
Für eine umfassendere Version dieses Beitrags (http://www.learn-line.nrw.de/angebote/praktphilo/didaktik/diogenes_gespraech.pdf) mit genaueren Informationen zur Textgrundlage (Diogenes), zur Entwicklung des Faches, Literatur usw. sowie zur offiziellen Internet-Seite des Fachs geht´s hier zum NRW-Bildungsserver www.learn-line.de.
Volker Steenblock
Links: Praktische Philosophie! Ellen Damm, Isabel Freund, Lena Gießler, Miriam Rehbein, Tina Rosenberger, Thomas Polajner
©.2001 Volker Steenblock, Karikatur: Otto Wiezorek, Hi 29.10.2001/6.2002