Myroslaw Marynowytsch
(Institut für Religion und Gesellschaft an der Ukrainischen
Griechisch-Katholischen Theologischen Akademie Lwiw Ukraine)
1. Historische Analyse und Zukunftsperspektiven
Die heutigen Ukrainer haben in bezug auf die Erscheinung und den Begriff des Ökumenismus eine sehr differenzierte Einstellung, die geschichtlich belastet ist. Die Wissenschaftler vertreten einhellig die Meinung, dass der Terminus «ökumenische Bewegung» in der Ukraine eine Verbindung gegensätzlicher Begriffe hervorruft, wobei das Wort «Ökumenismus» bei vielen Menschen dieses Landes Angst und Misstrauen weckt. Unter den Gründen dieser ablehnenden Haltung möchte ich einige nennen, die mir als die wichtigsten erscheinen.
a) Im Gedächtnis der älteren Generation (insbesondere der gläubigen Menschen) ist der Begriff der Ökumene mit der internationalen Nachkriegspolitik des Kremls eng verknüpft. Im Rahmen der sogenannten «Friedenspolitik» war es der Sowjetunion gelungen, sich die internationalen christlichen Organisationen gefügig zu machen und ihr Bestreben nach der Verwirklichung eines christlichen Friedens in Europa und der Welt gewissermaßen zu manipulieren. Unter dem Einfluss des Kremls wurde während der Sitzungen der christlichen Friedenskonferenz und des Weltkirchenrates mehr über die Aufstellung von Mittelstreckenraketen als von der Verteidigung der Glaubensfreiheit in der Sowjetunion selbst sowie über die offizielle religionsfeindliche Politik in den sozialistischen Staaten diskutiert. Ein Ökumenismus dieser Art konnte nur den Beigeschmack großer Verlogenheit hervorrufen, wie übrigens auch anderes, was mit der Großpolitik des Kremls zusammenhing. Dass der sowjetische Okumenismus einen utalitaristischen Charakter besass, hat 1995 offiziell Metropolit Kyrill (Gundjaew), ein unmittelbarer Teilnehmer einstiger und heutiger ökumenischer Konferenzen, zugegeben. Somit assoziieren viele Ukrainer immer noch den Begriff des Ökumenismus mit der «Moskauer Intrigenpolitik».
b) Bekanntlich ist nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil insbesondere die Katholische Kirche zur führenden Kraft der ökumenischen Bestrebungen geworden. Ihr Ökumenismus-Modell, welches das Primat des Papstes voraussetzte, unterschied sich von dem der orthodox-evangelischen Länder, die vom Weltkirchenrat repräsentiert wurden. Das hatte nun die antikatholisch eingestellten Ukrainer veranlasst, dieses Modell als «Intrige des Vatikans» zu bezeichnen. Diese Einstellung verstärkte sich insbesondere nach dem Zerfall der Sowjetunion, als eine Umverteilung der Einflusssphären der verschiedenen Kirchen einsetzte.
Die ökumenische Politik des Vatikans rief auch unter den prokatholisch eingestellten Ukrainern Kritik hervor (besonders in den Diasporagemeinden), zumal die Ostpolitik des Vatikans, die die Grundlage seiner ökumenischen Initiativen bildete, den Ukrainern viel zu moskaufreundlich erschien, um als rein ökumenisch zu gelten.
c) Die 1990er Jahre standen unter dem Zeichen einer ökumenischen Krise. Es hatte sich nämlich herausgestellt, dass, abgesehen von den konkreten Einstellungen jeder Seite, der Zerfall des sozialistischen Blocks und der Sowjetunion eine allzu große Abhängigkeit des Ökumenismus der 1960-80er Jahre vom geopolitischen Status quo offengelegt hatte. Bereits die Veränderung des geopolitischen Kräfteverhältnisses hatte gereicht, um einzelne Punktsiege, die beständig schienen, in Frage zu stellen. Dabei wurde besonders der politische Hintergrund einzelner Kontakte offengelegt. Dies hatte zur Folge, dass sich bei den skeptisch eingestellten Ukrainern das Gefühl des Misstrauens gegenüber der ökumenischen Bewegung erheblich verstärkte. Was eine Versöhnung unter den Christen werden sollte, entpuppte sich in ihren Augen zu einer gegenseitigen Vereinbarung von Einflusssphären.
Für eine positive Einstellung der Ukrainer zum Ökumenismus ist noch ein anderer Aspekt von Bedeutung. Einerseits beeinflusst die bereits vier Jahrhunderte währende Spaltung der ukrainischen Christen die religiösen Prozesse sowohl innerhalb der ukrainischen Gesellschaft als auch in bezug auf die gesamte Ökumene. In der Ukraine überschneiden sich die Interessen aller drei Weltzentren der Christenheit -- der Orthodoxie, des Katholizismus und des Protestantismus. Die Praxis hat gezeigt, dass gerade diese Region (im weiten Sinne Zentral- und Osteuropa) zu einem gewissen «Versuchsfeld ökumenischer Bestrebungen» unserer Zeit geworden ist, gerade hier wird die Aufrichtigkeit der ökumenischen Erklärungen sowie die Dauerhaftigkeit der erreichten Vereinbarungen auf die Probe gestellt (nehmen wir als Beispiel die vielfachen Erklärungen der Russisch Orthodoxen Kirche darüber, dass ihre Einstellung gegenüber der Katholischen Kirche vom Grad ihrer Unterstützung der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche abhängen würde).
Andererseits sind die ukrainischen Kirchen eher Objekte als Subjekte des ökumenischen Prozesses. Bislang konnten sie nicht über ihr eigenes Schicksal entscheiden, weil sie von fremden kirchlichen Strukturen abhängig waren. Im Verlauf langer Zeit waren die ukrainischen Teile der christlichen Weltreligionen und Kirchen verpflichtet, eher ihre Loyalität gegenüber ihren christlichen Zentren unter Beweis zu stellen, als innerhalb der Ukraine in den Beziehungen zueinander christliche Liebe zu üben oder Wege zur gegenseitigen Versöhnung zu suchen. Ja, viel mehr noch, zuweilen zwang sie die feindselige Haltung unter den «Mächtigen dieser Christenwelt» dazu, sogar jene Kontakte abzubrechen, die bereits in der Ukraine geknüpft worden waren (ein klassisches Beispiel hierfür ist der aufgezwungene Verzicht auf die Versöhnung und den theologischen Dialog zwischen den Unierten und Orthodoxen, die 1680 auf der Synode von Lublin (Colloquium Lubliense) begonnen hatten. Die Arbeit der Synode wurde vor allem wegen der negativen Einstellung des lateinischen Klerus unterbrochen, was auf die Initiative des päpstlichen Nuntius in Polen geschehen war. Es ist verständlich, dass ein solcher untergeordneter Charakter der Beziehungen beim Volk Ärgernis zu erregen vermag, und einer vertrauenswürdigen Einstellung seitens der Ukrainer gegenüber dem ökumenischen Dialog nicht dienlich ist. Zu oft in der Geschichte wurde das Schicksal der Ukrainer ohne sie entschieden, was bei den ukrainischen Christen weder partnerschaftlichen Geist noch Initiative aufkommen lassen konnte.
Das hatte zur Folge, dass ein geschlossener Kreis entstanden war, der sich nicht leicht aufbrechen ließ. Die Meinung der ukrainischen Kirchen gilt heute wenig in der Welt, weil sie durch die gegenseitige Feindschaft geschwächt sind. Hierfür sind die christlichen Zentren dieser Welt dafür verantwortlich, weil sie im Verlauf der Geschichte diese Feindschaft entfacht und genährt haben. Auf diesem Hintergrund ist es nur zu verständlich, dass die ukrainischen Christen vom Gedanken beseelt sind, die getrennten Teile der alten Kiewer Kirche erneut vereint zu wissen. Eine solche Vereinigung würde die ukrainische Kirche zur größten Kirche des christlichen Ostens machen, die Welt überzeugen, ihre Einflusskraft 'anzuerkennen, und sie zu einem entscheidenden Faktor innerhalb der religiösen Prozesse in Osteuropa werden lassen. Angesichts dieser Abwehrreaktionen vermag der Ökumenismus in den Köpfen der Ukrainer nicht weiter zu reichen als nur zum Problem der Wiedervereinigung der getrennten Teile der alten Kiewer Kirche, die sich heute in verschiedenen christlichen Welten befinden. Einen echten ökumenischen Dialog, der allein imstande wäre, zu einem tiefen Umdenken des christlichen Gefühls zu führen und ohne gegenseitige Achtung seiner Teilnehmer undenkbar bleibt, gibt es nicht einmal zwischen der ukrainischen Orthodoxie und dem ukrainischen Katholizismus, geschweige denn von einer Verständigung mit den evangelischen Gruppen. Daher können wir nur zwei Schlussfolgerungen ziehen:
1. Der Ökumenismus wird von den Ukrainern nicht als Grundaufgabe einer zwischenchristlichen Verständigung, sondern als zweitrangiges Problem aufgefasst, dessen Ergebnis die Entstehung einer vereinten ukrainischen Teilkirche sein müsste. Der Ökumenismus interessiert heute die Menschen in dem Maße, als ohne ihn das Problem dieser Eigenständigkeit der Kirche unlösbar erscheint. Daher ist der ukrainische Ökumenismus, wenn man es so formulieren darf, weniger eine Aufgabe einer zwischenchristlichen als vielmehr einer inneren nationalen Verständigung.
2. Der Ökumenismus existiert eher in den menschlichen Köpfen auf der Ebene des politischen Denkens und nicht in ihren Herzen auf der Ebene der christlichen Liebe gegenüber denen, die zwar den gleichen Gott, jedoch ein wenig anders lieben. Zur Motivierung der ökumenischen Bemühungen werden von den meisten Ukrainern geopolitische, nationale, jedenfalls logische Argumente angeführt, wobei die spirituellen Argumente nicht ins Gewicht fallen. Eine solche Politisierung der Logik des Ökumenismus (in Rumänien würde man sagen «lokalen») verwundert nicht angesichts der Politisierung der Logik des Weltökumenismus, von dem bereits oben die Rede war. Das Problem der zwischenchristlichen Versöhnung wird allerdings dadurch keineswegs leichter.
Somit hat sich in der Ukraine infolge der Besonderheiten der ukrainischen Geschichte eine spezifische Einstellung zu den ökumenischen Prozessen herausgebildet. So wurde die in der Welt logische Formel; «vom Weltökumenismus - zu einem lokalen Ökumenismus» in der Ukraine umgekehrt:
«vom lokalen zum Weltökumenismus». Indem wir eine solche Umkehrung der Prioritäten berücksichtigen, sollen zunächst der Stand und die Perspektiven der inneren ukrainischen Versöhnung untersucht werden, um anschließend zu einer Analyse des Standortes der Ukraine in den religiösen Prozessen der Welt überzugehen. Allerdings wird eine solche Abgrenzung nicht immer möglich sein, zumal die Ereignisse in der Ukraine oft den nationalen Rahmen , überschritten und allgemein christliche Bedeutung erhalten hatten.
2. Der Einfluss der protestantischen Kirchen auf die ökumenischen Prozesse in der Ukraine
Hier soll der Standpunkt der lokalen evangelischen Kirchen umrissen werden, die im Verlauf des zu Ende gehenden Jahrhunderts ein gewohnter Teil der religiösen Landschaft der Ukraine geworden sind. Ihr langandauemdes Verweilen auf dem Stand einer religiösen Minderheit, die Verfolgung durch das Sowjetregime haben das Selbstbewusstsein ihrer Gläubigen mitgeprägt, wobei sie zu Selbstisolierung und Misstrauen neigen. Außerdem sind alle Züge, die sich bei den Menschen durch das kommunistische System herausgebildet haben, auch den evangelischen Gläubigen eigen. Das hat dazu geführt, dass die Mentalitätsunterschiede zwischen evangelischen Gläubigen des Ostens und Westens zuweilen größer sind, als die zwischen evangelischen Gläubigen in der Ukraine und den Vertretern anderer Kirchen dieses Landes. Diese Eigentümlichkeiten darf man nicht übersehen, wenn man die Reaktionen der lokalen evangelischen Kirchen auf die ökumenische Herausforderung voraussehen möchte, die aus dem Westen kommt.
Dabei darf eine besondere Eigentümlichkeit der evangelischen Kirchen in der Ukraine nicht übersehen werden - die große Aufmerksamkeit, die diese Kirchen der sozialen Lage der Menschen widmen. Dieser charakteristische Zug der evangelischen Gemeinden wird oft von den Gläubigen, die von orthodoxen oder katholischen Traditionen geprägt wurden, in einem verzerrten Licht gesehen, zumal dann, wenn die Aufrichtigkeit ihrer christlichen Hilfsbereitschaft von den letzten angezweifelt wird. Die soziale Mission der protestantischen Kirchen ist indes nicht nur vom Standpunkt der wirtschaftlichen und sozialen Krise in der heutigen Ukraine von Bedeutung. Eine solche Mission stellt eine Herausforderung für die sogenannten «historischen» Kirchen dar und übt einen stimulierenden Einfluss auf die Verwirklichung ihres eigenen sozialen Programms aus.
Im Zusammenhang mit der Bewertung des ökumenischen Potentials der evangelischen Kirchen in der Ukraine sollte man auch an die Kompliziertheit einer Bewertung des Einflusses des evangelischen Glaubens auf die religiöse Identität der Ukrainer erinnern. Zum Unterschied vom frühen Protestantismus in Westeuropa wurde in der Ukraine weder vom alten noch vom neuen Protestantismus das Prinzip «cuius regio ejus religio» vertreten, das im XVI Jh. die nationalbildenden Bewegungen in Westeuropa maßgebend beeinflusst hat. Der evangelische Glaube in der Ukraine hatte keinerlei Beziehung zur ukrainischen nationalen Selbstbestimmung, da er, wie die Wissenschaftlerin Viktorija Ljubaschtschenko meint, einen eher kulturaufklärerischen Charakter besaß. Daher wurden, im Gegensatz zu den orthodoxen und der griechisch-katholischen Kirche, die Denominationen des evangelischen Glaubens in der Ukraine zu keiner Zeit als nationale Kirchen des ukrainischen Volkes betrachtet. Doch aus dieser Behauptung geht keineswegs hervor, dass die lokalen evangelischen Gemeinden keinen kumulativen Einfluss auf das ukrainische religiöse Bewusstsein und somit auf die ukrainische religiöse Identität gehabt hätten.
Im allgemeinen kann man festhalten, dass die lokalen evangelischen Gemeinden in der Ukraine noch keinen aktiven Faktor der ökumenischen Bewegung darstellen. Gleichzeitig ist die Anwesenheit der evangelischen Kirchen ein außergewöhnlich hemmender Faktor, der es den Staatsfunktionären nicht erlaubt, dahingehend tätig zu werden, die Orientierung auf nur eine einflussreiche Kirche wieder auferstehen zu lassen. Der komulative Einfluss des Protestantismus ist groß genug, dass unter den Bedingungen der Demokratisierung des gesellschaftlichen Lebens - diese Gesellschaft an den Pluralismus der Konfessionen und des Glaubens herangeführt wird.