Jacco Pekelder

Geschichtsschreibung über den Kalten Krieg seit 1990

Im niederländischen geschichtswissenschaftlichen Magazin Tijdschrift voor geschiedenis erscheint im Frühjahr 2001 ein Artikel, in dem der Autor eine kurze Übersicht über die Geschichtsschreibung zum Kalten Krieg seit 1990 gibt. - In dieser Zusammenfassung werden knapp die Themen und Thesen vorgestellt, sowie der Bilanzversuch, mit dem der Beitrag endet.

New Cold War History

Die New Cold War History, mit der der Amerikanische Historiker John Lewis Gaddis (Yale University) die neue Historiographie des Ost-West-Konflikts bezeichnet, beruht auf neuen Grundlagen: Mit dem Ende des Kalten Krieges begannen auch die beiden Probleme zu verschwinden, die seiner Erforschung im Weg standen. Erstens befaßten sich die Historiker bereits mit dem Studium des Ost-West-Konfliktes, als dieser sich noch entfaltete. Mittlerweile sind sie jedoch in der Lage, die gesamte Ära zu überblicken, und können daher  auch solche Entwicklungen beurteilen, deren Wert früher schwierig einzuschätzen war. Historiker und Politikwissenschaftler stellen nun neue Fragen, die manch alte verdrängen. Etwa, ob der Einfluss des nuklearen Wettrüstens auf den Ost-West-Konflikt nicht überschätzt wurde. Die Ergebnisse aktueller Forschung deuten eher auf andere Dimensionen des Konfliktes hin, insbesondere auf die ideologischen und wirtschaftlichen Gegensätze, die für den Ablauf des Kalten Krieges  von großer Bedeutung waren. Gerade der moralische und wirtschaftliche Bankrott der auf dem Marxismus-Leninismus basierenden Systeme spielte eine wichtige, vielleicht sogar entscheidende Rolle in der letzten Phase des Kalten Krieges.

Das zweite Problem war, daß eine der beiden Seiten im Ost-West-Konflikt sich der wissenschaftlichen Wahrnehmung größtenteils entzog, weil die Archive in den ehemaligen kommunistischen Staaten nahezu allesamt verschlossen waren. Auch  auf andere Art waren kaum Auskünfte über die Gestaltung der Politik beizubringen. Notgedrungen konzentrierten sich die Historiker um so mehr auf die Archive der USA und der restlichen Westsstaaten. Die daraus folgende Asymmetrie in der Erforschung des Kalten Kriegs störte das Gesamtbild. Mittlerweile wurden viele dieser Archive geöffnet, was den Historikern Einsicht gewährt in die Motive der politischen Führer und anderer wichtiger Akteure . Hier ist allerdings  die Einschränkung angebracht, daß die Offenheit viel stärker für Partei- als für Staatsarchive gilt, und daß manche Archive, die Anfang neunziger Jahre geöffnet wurden, heutzutage nur noch beschränkt zugänglich oder sogar wieder geschlossen  sind. Dabei ist die Einsichtnahme in Dokumente aus den siebziger oder späteren Jahren noch immer viel schwieriger als in jene aus älteren Beständen. Dennoch bedeutet  die beschränkte Öffnung der Archive einen wichtigen Fortschritt: Durch die verbesserten Möglichkeiten, das Wissen über die Geschehnisse nun auf beiden Seiten durch vergleichbare, primäre Quellen zu fundieren, entsteht  erstmals die Chance eines wirklichen Ost-West-Vergleichs - zumindest insoweit es die ersten Jahrzehnte des Kalten Krieges betrifft.

Multipolar und multidimensional

Ausführlich stellt der Forschungsüberblick dar, wie die Erforschung des Kalten Krieges seit 1990 von diesen veränderten Grundlagen beeinflusst wird. Zum Teil ist eine Perspektivenverschiebung wahrzunehmen. Der Ost-West-Konflikt wird weniger exklusiv als ein Konflikt zwischen beiden Supermächten betrachtet; folglich legen die Historiker mehr Nachdruck auf die Rolle der mittelgroßen und kleinen Mächte. An die Stelle einer bipolaren Perspektive tritt eine multipolare; der Kalte Kriege wird als ein multipolarer Konflikt gesehen. Außerdem widmeten die new cold war historians den verschiedenen Dimensionen des Konfliktes mehr Aufmerksamkeit: Wurde in den ‘alten’ Werken über den Kalten Krieg das militärische Gleichgewicht und die geopolitischen Interessen stark betont, wird heutzutage den zwischenstaatlichen Beziehungen innerhalb der Blöcke eine wachsende Bedeutung zugemessen. Das gilt für verschiedene Bereiche: zunächst für die Verhältnisse zwischen Personen und Organisationen innerhalb der Verwaltungsapparate der verschiedenen Staaten und ihren Einfluss auf das Zustandekommen der nationalen Außenpolitik, außerdem für den Einfluss der politischen Parteien und privaten Organisationen, für die wechselseitige Beeinflussung von Staat und Gesellschaft in den verschiedenen Staaten, für die kulturellen und politisch-kulturellen Aspekte des Kalten Krieges - oder anders gesagt, für den Einfluss des Ost-West-Konfliktes auf die Bereiche Kunst, Literatur und Wissenschaft sowie die politische Kultur (inklusive die politische Mentalität). Last not least zeichnet sich ab, daß den Ideologien und internationalen ideologischen Verbänden (wie z.B. der internationalen kommunistischen Bewegung) eine wachsende Rolle zugeschrieben wird.  

Der Artikel behandelt  Multipolarität und Multidimensionalität der New Cold War Historyanhand von verschiedenen, in den letzten Jahren neu erschienenen historischen Werken, wie z.B. William I. Hitchcock, France restored: Cold War diplomacy and the quest for leadership in Europe, 1944-1954 (Chapell Hill/London 1998), Sean Greenwood, Britain and the Cold War 1945-91 (Basingstoke/London 2000), Aleksandr Fursenko en Timothy Nafatali, ‘One hell of a gamble’: Krushchev, Castro, and Kennedy, 1958-1964 (New York 1997) und Frances Stonor Saunders, Who paid the piper. The CIA and the cultural Cold War (London 1999). Im Zusammanhang mit der Diskussion über die Bedeutung der marxistisch-leninistischen Ideologie für das Verhalten führender Kommunisten und deren Staaten werden auch die neuen Betrachtungen zu jener ‘ewigen’ Schuldfrage thematisiert: Wer war dafür verantwortlich, daß sich die Kriegskooperation wenige Jahre nach dem alliierten Sieg über Nazideutschland in einen Ost-West-Konflikt verkehrte? Stalin, die Sowjetunion, die Vereinigten Staaten, der Westen, Truman? Einflußreich waren dabei unter anderem die Werke des amerikanischen Historikers Melvyn Lefflers und der englischen Politologin Carolyn Kennedy-Pipe, die Arbeiten des Deutschen Historikers Wilfried Loth, sowie die Forschungen der russischen Historiker Vladimir Zubok und Constantine Pleshakov. Sie präsentieren interessante Antworten auf die ‘Schuldfrage’. Das Bild des Kalten Krieges wird differenzierter, aber auch komplzierter - unter anderem weil sie einsehen, daß die Politikgestaltung im Sowjetblock ein vielschichtiger und von Gegensätzen geprägter Prozess war.  

Bilanz

Der Artikel endet mit der Versuch einer Bilanz über zehn Jahre New Cold War History. Aufgrund der Öffnung der Archive verfügen die Historiker nun über weitaus mehr Informationen über die Motive der kommunistischen Führer als früher Die Interpretation dieser neuen Daten zeigt, daß in ihren Überlegungen die marxistisch-leninistische Ideologie eine weit wichtigere Rolle spielte, als die meisten Historiker bisher annahmen. Diese neugewonnene Einsicht führt übrigens automatisch zu der Frage, ob diese Schlussfolgerung auch für den Westen Geltung hat: Waren Ideen dort vielleicht auch einflussreicher, als Forscher früher angenommen haben? Es gibt dafür Hinweise genug, wie bereits ein kurzer Blick in die einschlägigen Archivbestände des niederländischen Außenministeriums zeigt. Briefe, Denkschriften usw. von Mitarbeitern des Ministeriums und von Diplomaten verraten einen bis zum Ende des Kalten Krieges anhaltenden Einfluss des antikommunistischen Gedankenguts. Die Bedeutung der Entspannungspolitik der sechziger und des Helsinkiprozesses der siebziger Jahren scheint eher beschränkt gewesen zu sein. Es scheint eine vielversprechende Aufgabe für künftige Forschungsprojekte zu sein, diese ideologische Komponente der westlichen Politik näher zu untersuchen. In diesem Rahmen bildet auch der Einfluss von kirchlichen und anderen gesellschaftlichen Gruppierungen im Westen ein spannendes Thema, das noch nicht ausreichend erforscht worden ist, obwohl es in diesem Bereich interessante Initiativen gab. Über den westlichen Anteil an der Bildung und Entwicklung der Oppositions- und Dissensbewegungen in Osteuropa - wie der Charta ’77, Solidarnosc und den zahllosen unabhängigen Friedens- und Umweltgruppen - ist das letzte Wort ebenfalls noch nicht gesagt. An der Universität Utrecht arbeiten Floribert Baudet und

Beatrice Jansen-de Graaf an Dissertationen zu diesem Themenbereich http://www.let.uu.nl/hist/gib/medewerkers/index.html).  

Jeder Zeithistoriker kennt den politisch geprägten Richtungsstreit innerhalb der Geschichtsschreibung zum Kalten Krieg, der  zwischen Traditionalisten, Revisionisten und Postrevisionisten geführt wird. Obwohl man um 1990 den Eindruck gewinnen konnte, die Traditionalisten würden den Sieg davontragen, stellt sich nach zehn Jahren heraus, daß die Postrevisionisten mit ihrer moderneren Sicht des Ost-West-Konflikts die Geschichtsschreibung seither doch am meisten beeinflusst haben. Die Postrevisionisten etwa erkannten schon früh,   wie wichtig der Prozess der beiderseitigen Wahrnehmung (und die gängigen Misperzeptionen) in der internationalen Politik ist. Leider behandelten sie die Fehlwahrnehmungen als ein technisches Problem. Sie meinten, daß eine Verbesserung der Kommunikation zwischen beiden Supermächten schon dazu geführt hätte, ihre gegenseitige Einschätzung realistischer zu gestalten: ??Sinn richtig verstanden?? Wenn die Supermächte erkannt hätten, wie sehr die Wahrnehmung des Gegners dem Blick in einen Spiegel ähnelte; hätten sie - mit anderen Worten - auch erkannt, daß sich in ihrem Feindbild die eigenen Ängste und Unsicherheiten reflektierten. Die New Cold War History deutet jedoch darauf hin, daß diese These auf einer zu optimistischen Wertung des Marxismus-Leninismus basierte. Auf der östlichen Seite jedenfalls gab es vom Anfang bis zum Ende des Kalten Krieges eine fundamentale Unfähigkeit, sich ein realistisches Bild des Gegners zu machen. Die marxistisch-leninistische Ideologie stand einer nüchternen, nicht in Feindbilden gegründeten Einschätzung der internationalen Politik im Wege. Das bedeutet nicht, daß man Bildformungs- oder Wahrnehmungsprozesse fortan nicht mehr beachten müsste. Sie müssten jedoch  mehr als Faktor der Politikgestaltung der unterschiedlichen am Kalten Krieg partizipierenden Staaten betrachtet werden, und weniger als Reibungsfaktor in ihren gegenseitigen Beziehungen. Die  Fortsetzung der Wahrnehmungsforschung erlaubt ein besseres  Verständnis sowohl der Motive, auf denen die nationale Politik der betroffenen Staaten basierte, als auch der innerstaatlichen politischen Diskussionen.  

Die Geschichtsschreibung des Kalten Krieges hat das Bild des Ost-West-Konfliktes wesentlich bereichert. Die Einblicke in die ´Küche´ des Kremls und die neuen Informationen über die Beziehungen innerhalb der kommunistischen Staatenwelt sind wohl die faszinierendsten Gewinne - zumal diese Informationen früher meist im Dunkeln blieben. Es ist deutlich, daß Ideologie im Osten, aber wahrscheinlich auch im Westen, eine größere Rolle spielte als man bisher annahm. Das gewachsene Interesse an den kleinen und mittelgroßen Staaten und an den unterschiedlichen Dimensionen des Kalten Krieges hat das Thema weiter differenziert und eben dadurch auch noch einmal fesselnder gemacht. Dem Leser kann mitunter schwindlig werden, wenn er sich die komplizierten Geflechte der Entwicklungen und die ellenlangen Ketten scheinbar austauschbarer Ursachen und Folgen zu eigen machen will. Gute Autoren schaffen es aber, die Entwicklungen klar zu rekonstruieren.  

Die New Cold War History steht auf den Schultern der älteren Historiographie des Kalten Krieges. Von den Traditionalisten hat sie die Verurteilung des Sowjetkommunismus übernommen. Die Erkenntnis, daß man sich auch der westlichen Politik kritisch nähern sollte, dankt sie den Revisionisten. Tributpflichtig ist sie aber vor allem dem Postrevisionismus: So wenig wie die Postrevisionisten lassen es auch die new cold war historians zu, daß die Schuldfrage alle anderen Fragen verdrängt. Im Gegenteil, sie schenken den verschiedenen strukturellen und persönlichen Ursachen, Folgen und Mechanismen des Ost-West-Konflikts auf angemessene Weise ihre Aufmerksamkeit. Hinzu kommt die Aufwertung der Ideologien, womit deutlich wird, daß die New Cold War History sich ernsthaft darum bemüht, der Komplexität des Kalten Krieges gerecht zu werden.

Zum Verfasser:
Dr. Jacco Pekelder (1967) arbeitet als Historiker im Centrum voor Parlementaire Geschiedenis der Katholischen Universität Nijmegen (NL). Als Grundlage des hier veröffentlichten Textes diente seine Dissertation, die 1998 unter dem Titel "Nederlande en de DDR" bei Boom erschienen ist.
Kontakt: J.Pekelder@let.kun.nl