Als Hansaviertel bezeichnet man in Münster die Gegend rund um den Hafen, wo heutzutage Restaurants, Cafés, Kneipen, Ateliers und Clubs in die westfälische Metropole einladen. Genaue Grenzen der Stadtbezirke sind im Rathaus verzeichnet, umgangssprachlich ist das Hansaviertel der gesamte Bereich vom Bahnhof über Hansaring und Hafen bis hin zum Hawerkamp. Von weitem zu sehen ist der hohe Schornstein des ehemaligen Kohlekraftwerks und der jenseits des Kanals gelegene, nicht mehr zum Hansviertel gehörige alte Gasometer am Albersloher Weg.
Die Stadt Münster galt traditionell als "Schreibtisch Westfalens", konservativ, bodenständig und geprägt von Verwaltung und Kirche. Heute ist Münster eine weltoffene, quirlige Stadt voller Studenten, Künstler und kleiner Läden. Davon abgesehen gibt es in Münster immer noch mehr Büros als Fabriken, und ein anderer alter Spruch besagt, dass es entweder regnet oder die Glocken läuten. Industrie findet man entlang des Dortmund-Ems-Kanals in Hiltrup, am Hawerkamp und südlich des Hansaviertels. Am Kanalhafen selbst ist inzwischen die Industrie der Kunst und Gastronomie gewichen. Alte Industriegebäude wurden abgerissen oder kernsaniert. Wo einst Kohlen verladen wurden, wandert heute die Kohle für Cocktails und Salate über die Theke. Kran und Bahnschienen dienen nur noch als malerische Kulisse, die dem westfälischen Münster ein großstädtisches und hanseatisches Flair verleiht.
Zur Hanse gehörte die Stadt Münster tatsächlich, der Name "Hansaviertel" erinnert an diese Zeit. Das Hansaviertel der Stadt Münster wird inzwischen gern als Beispiel für die so genannte Gentrifizierung (gentrification, wörtlich "Verbürgerlichung") eines Stadtviertels angeführt (vgl. Wikipedia: Hansaviertel Münster), ähnlich wie die Stadtviertel Bilk oder Flingern in Düsseldorf oder das Stadtviertel Ehrenfeld in Köln. Im Gegensatz zu den großen Metropolen ist man in der "kleinen Großstadt" Münster sehr schnell an jedem anderen Ort, und auch ins Grüne hat man es in Münster nie weit. Im Süden Münsters beginnt die Davert, im Norden ist das Naturschutzgebiet der Rieselfelder Heimat von Vögeln und Pflanzen, während der alte Kanalübergang (KÜ) ebenso wie das gesamte Kanalufer als öffentliches Freibad genutzt wird.
Am Hawerkamp enstand auf dem Gelände eines ehemaligen Betonwerks eine alternative Kulturszene mit Ateliers, Proberäumen und Nachtclubs. Sputnikhalle, Triptychon, Favela, Fusion und KCM sind weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Während die Sputnikhalle meist für härtere Klänge sort (hier findet auch das Vainstream Rockfestival statt), ist das Triptychon musikalisch vielfältig, jedoch immer eher alternativ. Hier finden viele Reggae-, Jungle und Drum'n'Bass-Parties statt, aber auch EBM, Industrial und Gothic-Fans sind regelmäßig auf der Treppe zum "Tryp" zu sehen. Auch in der Ska-Szene ist das Triptychon dank vieler Live-Konzerte beliebt. Fusion und Favela locken traditionell die Freunde elektronischer Klänge von Techno über Electro bis hin zu Minimal. In früheren Zeiten hießen die Tanzflächen des heutigen Fusion X-Floor und Basement, und der Techno-DJ Steve Mason war hier regelmäßiger Gast und Veranstalter. Das KCM repräsentiert die Schwulen- und Lesbenszene der Stadt, was in Münster aber nicht unbedingt im Widerspruch zu einer CDU-Mitgliedschaft stehen muss. Auf den Parties tummelt sich ein bunt gemischtes Publikum aus allen gesellschaftlichen Bereichen. Politisch und kulturell ist Münster das beste Beispiel für die Verschmelzung von Bodenständigkeit und Weltoffenheit, was sicherlich auch der Universität zu verdanken ist. Bei Wahlen sind CDU und Grüne meist die stärkste Parteien im Hansaviertel.
Dort, wo die Straße Am Hawerkamp auf den Albersloher Weg trifft, hat in den ehemaligen Geschäftsräumen von Opel Kiffe der Club Jovel seine neue Heimat gefunden. Direkt gegenüber erstrecken sich die Messe- und Veranstaltungshallen der Halle Münsterland, auf der anderen Straßenseite verbindet der Neubau der Münsteraner Stadtwerke moderne Glasarchitektur mit begrünten Innenhöfen. Auf dem Stadtwerkeplatz, der von Stadtwerken, Hafenbecken, Großraumkino und einem neuen Bankgebäude gesäumt wird, treffen sich die Skater, um auf dem dafür eigentlich eher schlecht ausgestatteten Platz ihre Tricks zu üben. Neben dem Kino steht mit dem "Landmann" eins der wenigen alten Gebäude, die an dieser Stelle stehengeblieben sind. Das alte Häuschen bildet ein Gegengewicht zur ansonsten hier allgegenwärtigen modernen Architektur, die gelegentlich ein wenig zu groß geraten scheint. Wer mit dem Auto vom Kreuz Münster-Süd in die Stadt fährt, erlebt Münster von seiner großstädtischen Seite und sollte die Gelegenheit nutzen, am Rande des Hansaviertels das Auto stehen zu lassen, und seine Reise zu Fuß oder mit dem Rad fortzusetzen. Der wenige Bushaltestellen entfernte, von der Halle Münsterland aus auch zu Fuß gut erreichbare Bahnhof bietet die Möglichkeit, sich an der Radstation Fahrräder auszuleihen.
Dort, wo der Stadtwerkeplatz an das Hafenbecken grenzt, steht mit dem Wolfgang-Borchert-Theater eine weitere Institution alternativer Kultur in Münster. Im weiteren Verlauf des Hafens erstrecken sich größtenteils Neubauten, die sie mehr oder weniger gut in die Gebäudezeile der ebenfalls renovierten Uferpromenade einfügen. Von den Gleisen der alten Bahnstrecke ist nur noch wenig zu sehen, geblieben sind jedoch einige historische Bauten wie die Spiegelburg oder der Speicher. Am Ende des Hafenweges bietet die Osmo-Halle große überdachte Flächen, die außer von Hafenmarkt und gelegentlichen Beachvolleyball-Turnieren jedoch selten genutzt werden, seitdem die Hallen nicht mehr zur Lagerung von Holz genutzt werden. Das Nachtleben findet im Sommer an beiden Ufern des Hafens statt, Anziehungspunkte sind die Disco Heaven und der Coconut Beach sowie der im Keller eines alten Gebäudes gelegene Hot Jazz Club, der aber auch für seine am Ufer servierten Salate und Getränke bekannt ist. Die ehemalige Hochburg der House-Szene, das Dockland musste schon vor längerer Zeit vom Hafenweg weichen, jedoch sind nur wenige Schritte weiter die nächsten Locations entstanden.
Vom Hafen zum Hansaring kommend, erreicht man an der Kreuzung die Kult-Kneipen Doc Müller's Raketen-Café und Watusi Bar, den neuen Kitty's Trinksalon und Saadeh Imad's Hafen Kiosk, ebenfalls ein beliebter Treffpunkt für partylustige Nachtschwärmer. Weitere bekannte Adressen am Hansaring sind die Kneipen Blechtrommel und Plan B. Daneben finden sich zahlreiche weitere Lounges sowie für den Besuch bei Tag kleine, teils alte, teils neue Läden und Geschäfte wie den Second-Hand-Laden Crocodile, sowie einen großen, bis Mitternacht geöffneten Supermarkt, der in der Hansaring-Kurve nicht zuletzt auch durch seine große Auswahl an Bio-Produkten überzeugt.
Bio-Produkte findet man auch auf der vom Hansaring zum Bahnhof führenden Bremer Straße. Die Bäckerei Cibaria bietet Bio-Backwaren, Säfte und Lebensmittel, das Prütt Café hat vegetarische Speisen und Getränke passend zu jeder Tageszeit und einen beschaulichen Biergarten zu bieten. Schräg gegenüber lädt der Second-Hand-Laden PiPaPo zum stöbern ein, am anderen Ende der Straße hat die Firma Rümpelfix Möbel und Kleinkram aus Haushaltsauflösungen im Angebot. Neben dem Café Prütt lädt "ZweitWert" zum stöbern ein, hier findet man Möbel, Lampen, HiFi-Geräte und allerlei schöne und praktische Dinge. Wem der Weg nach Münster zu weit ist, findet ZweitWert im Internet auf www.zoold.de . Das Grille Nachtcafé ist nicht nur Disco, sondern auch Auftrittsort für Live-Konzerte lokaler Bands. Ansonsten ist dieser Teil des Hansaviertels seit je her ein beliebtes Viertel zum Wohnen, das mit seiner Mischung aus Alt- und Neubauten nicht nur studentischen WGs, sondern auch Familien und Freiberuflern eine Heimat bietet. Architekten, Agenturen und Künstler lassen sich gern im Hansviertel nieder. Kleine Lebensmittelläden, Friseure, Blumengeschäfte und Bäckereien laden dazu ein, Auto oder Fahrrad stehen zu lassen, und durch die Straßen und Sträßchen des Viertels zu bummeln.
Zwischen Bahnhof und dem alten Verlagsgebäude erstreckt sich der Bremer Platz, der mit seinem alten Baumbestand ein Treffpunkt für Hundebesitzer des anliegenden Wohnviertels darstellt. Mit der Erföffnung der Montessori-Schule am Bremer Platz geriet die Situation der Obdachlosen im Bahnhofsbereich erneut in den Blickpunkt der münsteraner Öffentlichkeit. Von dem gelegentlich auch von Skatern und BMX-Fahrern genutzten Platz ist auch die münsteraner Moschee zu sehen, die inzwischen ganz selbstverständlich mit Kuppel und Minarett ihren Platz zwischen den überaus zahlreichen Kirchen der Stadt gefunden hat. An der Schillerstraße befindet sich mit dem Kleinen Bühnenboden ein weiteres Highlight der Kulturszene Münsters. Das von Marianna Thalassinou gegründete Kammertheater bietet neben klassischen und modernen Aufführungen gelegentlich auch Raum für Live-Konzerte.
Rund um den Bahnhof findet man weitere Ziele zum Ausgehen und Shoppen. Die ehemaligen Kinos mussten, bis auf das preisgekrönte Cinema an der Warendorfer Straße (zu Fuß vom Hafen aus erreichbar) und das Schlosstheater, dem modernen Cineplex weichen, in den Räumlichkeiten entstanden neue Highlights wie das Roland Variété oder die Disco Sinn und Sünde direkt am Berliner Platz vor dem Bahnhof. Nicht zu übersehendes Bauwerk ist die gläserne Radstation, die dennoch nicht verhindert, dass das gesamte Viertel voll der für Münster typischen Fahrräder ("Leezen") ist. Kleine Läden für exotische Lebensmittel und warme Gerichte gibt es zuhauf im Viertel. An der Wolbecker Straße gilt der Grieche Papa George als Institution, schräg gegenüber findet man im Peperoni nicht nur Gemüse sondern auch "Gemüsekultur" mit Filmen, Lesungen und Poetry Slam. Noch eine Straße weiter erreicht man das bereits erwähnte Programmkino Cinema.
Der Hansaring wird zur Hafenstrße, bevor er die Bahn unterquert und damit das eigentliche Hansaviertel verlässt. Zwischen den Bahnschienen bietet das Amp Musik von Indie bis Electro. Der frühere Name Bananenreiferei erinnert an die ursprüngliche Nutzung des Gebäudes als Lagerraum des Güterbahnhofs. Hinter der nächsten Brücke erreicht man dann eine weitere Institution der Musikszene Münsters: das Gleis 22 wird in einschlägigen Musikmagazinen regelmäßig unter die besten Clubs Deutschlands gewählt, was sicher auch damit zusammenhängt, dass die hier auftretenden unbekannten Bands oft nur wenige Jahre später im Radio auf und ab gespielt werden. Partyreihen wie die legendäre Entgleisungsparty, die Indie-Party Infectious Grooves, die Soul Shake Down Party, der Atomic Sushi Club, der Käutertempel oder die neue Urban Underground Party bieten ein äußerst vielfältiges musikalisches Programm in entspannter Atmosphäre. In der bereits erwähnten Osmo-Halle am Hafen findet man übrigens nicht nur einen extra Wochenmarkt fürs Stadtviertel, Konzert, Kabarett und Disco - je nach Geschmack beim abendlichen "Sozialpalast" oder am künstlichen Strand der chicen Disco, sondern auch Uli's Werkstatt für schöne und experimentelle Fahrräder, die im Internet unter dem Beatles-Zitat "pornographic fishwife" zu finden ist.