Andreas Gehling
Baga Moyo (45 min.)
Der Hagener Kaufmann Karl Becher und seine Frau Mathilde wandern 1907 als Kolonialsiedler nach Ostafrika aus. Sie handeln mit Eisenwaren und Palmprodukten und erleben eine wechselvolle Geschichte: erfolgreiche Geschäfte im ersten Jahrzehnt, den Verlust der Kolonie 1919 an England, die Ausreisewelle in den späten 30er Jahren. Während Karl irgendwann anfängt, den aus Palmwein selbst produzierten Whisky gerne selbst zu konsumieren und durch die schlechte Wirtschaftslage immer weiter verarmt drängt Mathilde bald auf Scheidung. Der gemeinsame Traum von Afrika zerfällt in zwei getrennte Geschichten.
Als Reisender kehrt nun Gunther Becher in die "Heimat" seiner Großeltern zurück und collagiert Bilder aus dem Afrika von heute mit der umfangreichen Sammlung privater Fotografien aus dem Nachlaß seiner Familie.
Der Kommentar rechnet unterdessen recht subjektive Empfindungen des Großvaters und seines Enkels zusammen. Während die Deutschen im Allgemeinen Ihren Lebensstil in Afrika fortsetzen, ist Karl von den Afrikanern angetan: "Der Schwarze denkt nur an heute, nicht an morgen. Der Leichtsinn ist großartig", schreibt er nach hause. Doch zuviel Betroffenheit tut selten gut: Es täte der Geschichte keinen Abbruch, das ein oder andere Mal die impressionistische Lyrik der Filmsprache zu verlassen, um grundsätzliche Fragen zu klären. Denn was zum Beispiel die Afrikaner über die deutschen "Gäste" der Vergangenheit zu sagen haben, macht neugierig,, bleibt aber sehr im Vagen, wenn Becher das Verhältnis der Farbigen zu den Weißen mit einem schwarz-weißem Hotel-Telefon vergleicht, das die in "uns" und "die" geteilte Welt symbolisiert. Nähern tut er sich in Wahrheit den Afrikanern weder in Bild noch Ton, sondern zeigt vielmehr, daß was alle von Afrika erwarten: Karge Hütten, badende Kinder, Frauen mit Krügen auf dem Kopf. Die Interviews mit Deutschstämmigen, die Becher unterwegs trifft, schildern die kleinen und zunächst unbedeutend scheinenden Eindrücke aus der Fremde: in der Hochebene, auf der Kleinfarm. Die hier anschaulich vermittelten Innenansichten sind an dieser Stelle angebracht. Wenn aber durch den größten Teil des Films hindurch nur austauschbare Idyllen und Sinneseindrücke zu sehen und hören sind, stellt sich die Frage der Beliebigkeit. Der Film bleibt eine Reisebeschreibung und verpaßt die Chance, brauchbares über die Kolonialgeschichte oder das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß zu vermitteln.
Nach dem zweiten Weltkrieg will Karl Becher wieder in seine 1939 verlassene Wahlheimat zurückkehren. Im zerstörten Berlin kann die Erfüllung des nun wieder gemeinsamen Traumes Karls und Mathildes nur noch von einem Lottogewinn erhofft werden. Von afrikanischen Flamingos zu Zebras im Berliner Zoo übergeblendet, endet der Traum auf einer Bank im Tierpark.
Andreas Garitz
Azalaï - Salzkarawane nach Timbuktu (55 min.)
Ein französich-malisches Filmteam um den Filmer Joel Calmetes begleitete eine Salzkarawane auf ihren über 100km langen Weg durch die Sahara. In Gesprächen mit Abdel Rahman, dem 63jährigen Oberhaupt einer moslemischen Großfamilie und durch hervorragend eingefangene Bilder, wird die uns archaisch und mittelalterlich anmutende Wüstenwelt lebendig.
Die fesselnde Dokumentation beginnt zunächst in Timbuktu, von wo sich der Zug nach Taoudenni aufmacht, dem Standort der letzten großen Salzminen, wo die Menschen mit 'primitiven' Mitteln Salzplatten aus dem Gestein brechen. Nach der anschließenden, annähernd drei Monate dauernden, Rückreise, kommen Tiere und Menschen nach ca. 1600km Wegstrecke wieder in Timbuktu an, um die mitgebrachten Salzplatten zu verkaufen.
Die von Armut, Tradition und religiösen Überzeugungen geprägte Welt der Saharabewohner wird hier in berückenden Bildern eingefangen. Eine sinnliche und auf das Wesentliche beschränkte Welt; voll von Eindrücken, die sich seit hunderten von Jahren nicht verändert zu haben scheinen: Die Wüste lebt.
Andreas Gehling
HerrGiwi und die umgekehrte Emigration
Buch und Regie Petra Tschörtner,
ZDF/ Quinte Film 1997, Redaktion kleines Fernsehspiel
Petra Tschörtners "Herr Giwi und die umgekehrte Emigration" ist eigentlich eine rundum gelungene Sache. Denn Tschörtner erzählt die Geschichte Giwis in leichten und sachten Schritten. Genau so, wie die wechselnden Orte des Geschehens zunächst unbekannt bleiben, erschließt sich dem Zuschauer erst allmählich., um wen es sich bei Giwi Margwelaschwili handelt. Er ist ein Deutscher und ein Georgier. Auf der einen Seite, in Georgien, erzählen seine Freunde über den Menschen Giwi. Auf der anderen, in Prenzlauer Berg, sitzt Giwi und erzählt aus seinem Leben und seiner Literatur. Giwi ist der in Deutschland geborene Sohn eines russischen Immigranten, und lebte jahrzehntelang gegen seinen Willen in der UDSSR. Jetzt sitzt er hier in Berlin und schreibt. Er philosophiert über seine Romanfiguren, während seine Freunde in Georgien mit Hilfe alter Fotografien sein Leben nacherzählen. Und derweil die Filmschnitte des deutsch-georgischen Dialog immer kürzer werden, nimmt die Kamera sehr persönliche Einsichtnahmen in Giwis Alltag. Persönliche Fotografien und die Anekdoten seines Lebenslaufes illustriert sie mit Mileus von hüben und drüben, mit Eisenbahntrassen und Impressionen aus beiden Ländern. Aber auch mit Bildern aus dem stalinistischen Russland. Und so erklärt sich der Film mittels kleiner Geschichten ganz langsam zu einem Film über die große Geschichte. Giwis Vater war einer der Hauptpersonen der georgischen Emigration in Deutschland. Nach dem Krieg wurden beide bei einem Besuch von Landsleuten in der Ostzone verhaftet. Der Vater verschwand und Giwi kam "drüben" in ein sowjetisches. Lager. Als er das wider allen Erwartens überlebt hatte, fand er sich in Tiflis wieder. Jetzt sitzt er von seinen Erwartungen über sein Leben und Schaffen in Deutschland ein wenig enttäuscht in seinem Arbeitszimmer. So einfühlsam, wie der Film diese kleinen und großen Welten miteinander verknüpft, schafft er es mit Leichtigkeit, die berühmte Vater-Sohn-Geschichte Stalins mit der Vater-Sohn-Geschichte Giwis in einem Atemzug zu erzählen. Und ebenso schafft er es, mit einer Collage aus Louis Armstrong und russischen Militäraufmärschen das hin- und hergerissene Innenleben Giwis zu illustrieren. Besser als diese Welten zueinander finden, tun dies die Erzählenden am Ende des Films. Ihr Dialog endet in einem realen Wiedersehen in Georgien. und die Geschichte Giwis ist zum Schluß ein Versöhnungsangebot an seine erste und zweite Heimat, an zwei Länder, in deren Vergangenheit einiges aufzuarbeiten bleibt.
Andreas Garitz


Andy Günstig's update: 26.10.97