20 Musiker - 30 Bands?
Ostwestfalen ist heute Synonym
für noisigen Pop mit Gitarren und analogen Effekten: HIP YOUNG THINGS,
LOCUST FUDGE und SHARON STONED heißen die Aushängeschilder dieser
Region - alles Bands, die vielfältig miteinander verknüpft sind
und in deren Windschatten noch jede Menge anderer Projekte gedeihen. Ein
Netz von Bands hat sich gebildet (vgl. Schaubild).
Fast scheint der Austausch von Musikern zum Programm geworden. Doch Micha
Meier, Chef des Supermodern-Labels, will das
so nicht gelten lassen: „Bei uns ist das ungewollt, es steckt kein Plan
dahinter. Das hat sich alles so ergeben."
Dabei
wäre das nicht die erste Szene der Region, die so funktioniert: In
den Achtzigern war beim „fast weltweit"-Label (Bernd Begemann&Co) aus
Bad Salzuflen der Austausch von Musikern im Rahmen einer großen Familie
- ähnlich Tamla-Motown - Programm. Dazu gehörten Leute, die heute
vor allem von Hamburg aus erfolgreich sind: Frank Spilker (DIE STERNE),
Jochen Distelmeyer (BLUMFELD) oder Bernadette Hengst (DIE BRAUT HAUT INS
AUGE). Eine Kontinuität sieht Micha da aber nicht: „Die ganze Sache
hat sich aus einem völlig anderen Kontext gebildet.".
Die einzelnen Bands bestehen
durchaus auf ihre Selbständigkeit (siehe MUSTANG
FORD-Interview). Hinter jedem Projekt steckt eine andere Idee. Mark
Kowarsch (SHARON STONED): „Es sind schon eigenständige Bands, die
im Übungsraum abgeschlossen von der Szene arbeiten. Wir feiern nicht
mit zehn Mann Parties im Übungsraum". Im Studio hilft man sich dann
aber doch schonmal gegenseitig. Mark: „Es ist einfach nett, wenn einem
befreundete Musiker im Studio helfen. Das macht einfach mehr Spaß".
Funktionierende Szene
Die Infrastruktur des musikalischen
Raums Ostwestfalen hat sich in den letzten Jahren immer mehr verbessert.
Neben jeder Menge Bands und Leuten, die sich dafür interessieren stehen
Labels, die diese Musik veröffentlichen. Glitterhouse,
Supermodern oder Sticksister wären da zu nennen, aber auch Labels
aus dem NOTWIST-Umfeld in Weilheim wie Payola oder Hausmusik. Womit die
Kooperation zwischen den beiden ganz ähnlich funktionierenden Szenen
nicht am Ende ist. Mario Thaler produziert ein Großteil der Projekte
aus dem Bielefelder Raum, und zum Aufnehmen fährt man auch gerne mal
ins Weilheimer Uphon-Studio anstatt zu Oesterwind oder ins Firehouse. Eine
Zusammenarbeit, die sich auch auf Bandebene niederschlägt: so spielen
Schneider und Krite (LOCUST FUDGE, HIP YOUNG THINGS u.a.) zusammen mit
NOTWISTs Acher-Brüdern bei FAMILY AFFAIR.
Ostwestfalen-Gitarrenkram
scheint also eher ein musikalischer denn ein geographischer Begriff zu
sein. So gehören - obwohl auf der Landkarte dort einzuordnen - Bands
wie die STURMSCHÄDEN oder BUTTERMAKER nicht zum Umfeld. Man grüßt
sich zwar, „aber viele Leute sind nicht an Kontakt interessiert" (Micha).
Und andererseits werden auch die Sinsheimer TUESDAY WELD von schreibenden
Kollegen gerne an die Lippe verortet, wo sie lediglich ihre Platte aufgenommen
haben. Trotzdem bleiben sie zunächst wohl eher die Ausnahme.
Mark: „Ich denke, daß
es Kellerbands in Ibbenbüren oder Köln schwerer haben, an den
Start zu kommen als ich zum Beispiel, der ich mit ELEKTROSUSHI
zwei Singles machen kann, weil es auch die Labels dafür gibt. Es gibt
funktionierende Mechanismen, in die ich mit meinem Produkt eingreifen kann.".
Ein Hype?
Bloß funktionierende
Szene oder schon ein Hype? Vielleicht läßt sich das gar nicht
richtig trennen. Mark fühlt sich schon seit der ersten SPEED NIGGS-Platte
gehypt (damals Spex-Platte des Monats). „Seitdem muß ich mit dem
Hype-Faktor leben. Keine Ahnung. Scheiß auf den Hype. Ich denke,
da haben TOCOTRONIC mehr drunter zu leiden.". Unter dem Hype leiden? Nicht
mehr aus einer Ecke kommen? Das ist die eine Seite - anderereits erhalten
ja (durchaus gute) Bands eine Chance auf Öffentlichkeit oder erst
den Impuls, eine bestimmte Musik zu machen. Zudem scheint die Entwicklung
einer funktionierenden Infrastruktur auch eng mit kommerziellem Erfolg
- wenn nicht unbedingt mit einem Hype - verknüpft.
Mark: „Ich denke nicht, daß
es ohne SHARON STONED Platten
von MUSTANG FORD, SUPER 8 oder SHELL geben würde.
Das hängt schon zusammen. Aber ohne THE NOTWIST würde es auch
keine SUBRAUM KADER; FRED IS DEAD oder COUCH geben. Und ohne die KOLOSSALE
JUGEND hätte es wahrscheinlich niemals TOCOTRONIC gegeben.".
Und Micha Meier, sieht er
einen Hype? „Nö , überhaupt nicht, also echt nicht. Wir reißen
uns den Arsch auf. Uns schenkt keiner was. Ich bin wirklich den ganzen
Tag am Telefonieren, um irgendwas für meine Bands an den Start zu
kriegen. Es könnte vielleicht ein Hype werden... Keine Ahnung, ob
das gut wäre. Ich wüßte halt nicht, wie damit umgegangen
wird. In Hamburg ist der ja schon voll ausgebrochen, aber da steckt auch
ne Menge hinter.
In Ostwestfalen wäre
das wohl auch so - Hype hin oder her.
Einleitung
Interview
mit Mark Kowarsch OWL-Bands
im Überblick OWL-Schaubild
Mustang Ford Interview
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