Lazuli 

Ein modernes Märchen im harten Business „Indie-Rock": Da bekommt Herr Nick Cave das Demotape einer völlig unbekannten Heidelberger Band namens LAZULI über Umwege in die Hand gedrückt; einer Band, die weder über ein Label verfügt noch Veröffentlichungen vorweisen kann; zwei Wochen später lädt er LAZULI ein, sich & The Bad Seeds auf seiner Europatour zu supporten; eine lukrative Angelegenheit, die mit viel Ruhm und Ehre für die aus dem Rahmen fallende „Girlieband" verbunden war. 
Und während LAZULI im Sommer mit Nick Cave in Berlin, Wien, Zagreb und Prag musizierten (mehr Termine konnten nicht wahrgenommen werden, weil einige Bandmitglieder noch zur Schule gehen...!), entdeckte ich LAZULI im heimischen Kassettenrekorder. Phantasievolle Songs, zum Teil seltsam instrumentiert, Klänge wie aus einem Märchen, poetische Texte, und das auch noch auf Deutsch. In beigelegten Presseausschnitten werden neben Hinweisen auf bisherige Konzerte der Band mit so unterschiedlichen Gruppen wie Blumfeld, Souled American oder Throw that Beat, auch verzweifelte Vergleichsversuche unternommen, die von der „Unendlichen Geschichte" bis zu den Einstürzenden Neubauten reichen - und garantiert nicht zutreffen, denn LAZULI schaffen es, im Gegensatz zu 99,9% aller anderen existierenden Bands, weitgehend eigenständig zu klingen. 
Der Blick ins Archiv förderte einen alten Artikel von Linus aus seiner Vorgänger-Illustrierten SPIELHÖLLE zutage; auch hier herrscht Verwirrung und Verwunderung vor, wenn es um das Beschreiben der Musik der „sympathischen Band von nebenan" (SPIELHÖLLE) geht: „Ihre Instrumente: Baß, Gitarre, Xylophon, diverser Schrott, der aussieht wie aufgepumpte Flöten und ein schöner Gesang; Ihre Lieder: Traurige, dunkle Songs in Deutsch. Bei ungefähr jedem zweiten Lied kam die Zeile „Ich stehe am Fenster" vor. Sowas find ich cool." 
Auf meiner Suche nach dem LAZULI-Geheimnis lande ich irgendwann bei deren Sängerin und Texterin Suzanne Piesker, sozusagen Mastermind der fünfköpfigen Girls-only-Formation im Alter zwischen 17 und 24. 
Suzanne gefällt mir am Telefon genauso gut wie auf Cassette. Und deshalb darf sie mich drei Tage lang in den heiligen Hallen der Dülmener komm küssen-Redaktion (vgl. Homestory in diesem Heft) besuchen. 
Hier zunächst die wichtigsten Facts über Suzanne: 20 Jahre jung; hat einen putzigen Dialekt; war früher Sängerin der Deutschpunkband UNFUG; trägt gerne Klamotten, die ihre offensichtlich vorhandene Liebe zu Tieren unterstreichen (oder wie soll man Leopardenmütze und die Hose im seltsamen Kuh-Muster anders deuten?); Lieblingsfilm: „Verschwörung der Frauen"; Lieblingswörter: ‘ratzfatz’ und ‘genial’; mag heiße / heikle Geschichten am Telefon; hat zur Zeit keinen festen Freund. 
Suzanne mag auch lange Spaziergänge mit viel Reden. Das nutzte ich aus, um sie exklusiv für komm küssen auf den Münsteraner Aasee-Wiesen zu interviewen. Das erwies sich als äußerst schwierig, denn die extravagante Sängerin, die in der Eisdiele nach Erdnußeis verlangt oder alternativ Marzipangeschmack, mußte dauernd lachen und hielt außerdem jede meiner Fragen für gemein und hinterhältig. Natürlich zu unrecht, wie schon die erste liebliche Frage beweist: 

Michael: Magst Du Gänseblümchen? 
Suzanne: Ja, warum? 
Ach, nur, weil wir hier auf einer Gänseblümchenwiese liegen. 
Das Interviewband spielst du aber niemand anderem vor?! 
Darf ich das selbst entscheiden? Okay, dann fangen wir eben mit was unverfänglichem an: Erzähl doch erstmal die Basisinformationen, seit wann es LAZULI gibt, was das alles soll und so... 
Uns, also die Urbesetzung, gibt’s seit drei Jahren, da sind Konstanze und ich noch von übrig. Und die anderen sind Ende des letzten Jahres dazugekommen. 
Und wieso spielt ihr nicht mehr in der alten Besetzung? 
Du stellst Fragen... 
Kommentierst du jetzt jede Frage von mir? 
Ich weiß es noch nicht genau. Vielleicht. (beginnt nach langem Überlegen zu diplomatisieren:) Also, wir haben uns getrennt, weil es musikalische und persönliche Diskrepanzen gab. 
Welcher Anspruch steckt hinter LAZULI? 
Der Anspruch der Band ist, möglichst viel auszuprobieren und zu dem Sprechgesang, den wir gerade haben, auch noch richtigen Gesang einzubauen. Und viele neue Songs schreiben. Und uns keine Grenzen setzen. 
Sicher benutzt ihr deshalb die vielen Instrumente, die komm küssen-intern teilweise nicht ganz unumstritten sind... 
Du meinst, Linus kann sie nicht leiden... 
Das habe ich so nie gesagt. 
Ich weiß, daß Linus unser Instrumentarium nicht leiden kann. Und trotzdem gehört es dazu, uns keine Grenzen zu setzen. Ich habe nichts dagegen, auch mit herkömmlichen Instrumenten, Gitarre, Schlagzeug und sowas, Musik zu machen; das kommt auch vor bei LAZULI. Wir beschränken uns ja nicht darauf, nur Didgeridoos, Glockenspiel oder Melodica einzusetzen. Aber zumindest soll mal alles möglich sein, von mir aus auch Flaschen zu blasen oder Mülleimer im Zugabteil zu bedienen... Was jetzt vermutlich kein Leser kapieren wird, weil er nicht mit uns Zug gefahren ist... Auf jeden Fall haben die hier in Münster einen absolut geilen Sound. 
Wie sieht das Grenzenlose denn auf der Bühne aus... 
Unterschiedlich. Mit der alten Besetzung sah es experimenteller aus als im Moment, wir haben uns da auch teilweise bemalt und machen so Kram drumrum. Ich finde es immer genial, wenn Bands bühnenshowmäßig noch irgendwas machen... 
Wie kommt das an? 
Auch unterschiedlich. Manche finden es scheiße, manche finden es total klasse. Für mich gehört es einfach dazu. Wir malen auch teilweise auf der Bühne, stellen da so Plakate auf, auf der Bühne und im Raum verteilt, auf die wir dann während des Konzertes malen. Oder genauer gesagt, der eine Versuch, den wir bisher gemacht haben, ist gescheitert, weil wir nicht damit gerechnet haben, daß die Zuschauer den üblichen 2-Meter-Sicherheitsabstand vor der Bühne nicht eingehalten haben. Die waren uns plözlich im Weg... Das war in einem Club, in dem die Zuschauer normalerweise immer drei Meter weg sind vor lauter Angst. Nur bei uns nicht. 
Plant ihr CD-Veröffentlichungen in absehbarer Zeit? 
Wir werden wohl die Live-Mitschnitte von der Nick Cave-Tour auf CD veröffentlichen, so alles selbstgemacht, klein und limitiert, mit ‘ner schönen Verpackung... 
Habt ihr noch keine Kontakte zu Labels? 
Wir haben uns noch nirgendwo beworben. Ich möchte da auch erstmal einen Überblick haben, was es da für Labels gibt und was die so machen. 
Warum dürfen in eurer Band nur Frauen mitspielen? 
Also erstmal find ich die Frage scheiße, weil keine Männerband gefragt wird, warum nur Männer mitspielen dürfen. 
Naja, könnte das daran liegen, daß 95% aller potentiellen Bandmusiker nunmal Männer sind? Hast du etwa Probleme mit Männern, Suzanne? 
Ich habe sicherlich Probleme mit einigen Männern, das kann schon mal vorkommen (lacht). Was für’ne Scheißfrage. Also, die Stimmung allein unter Frauen ist eine andere, wir haben eine sehr ausgelassene Atmosphäre. Außerdem gibt es so wenige reine Frauenbands; da finde ich es wichtig, auch mal einen Gegenpol zu bilden. Ich hätte aber kein Problem, mit Männern in einer Band zu spielen, so ist es nicht. Wobei die doofen Sprüche, wenn Männer und Frauen zusammen in einer Band spielen, schon weitaus häufiger vorkommen, habe ich feststellen müssen... 
Zum Beispiel? 
„Typisch Frau". 
Und wenn der Frau was nicht paßt? 
(Schweigen). 
...verhält sie sich ruhig und lieb und nett... 
(lacht) Okay, ich will nicht behaupten, daß sich das nicht gegenseitig aufwiegeln könnte... 
Siehst du euch als reine Frauenband in der Öffentlichkeit denn eher im Vorteil oder im Nachteil? 
Ganz klar im Vorteil. Die meisten Menschen finden das ja schon mal grundsätzlich interessant, daß es nur Frauen sind, die da Musik machen und denken schon, das ist mal was anderes. Und ich denke, daß sich das ja auch in unserer Musik ausdrückt. Auf irgendeine Art und Weise. Der einzige Nachteil als Frauenband ist vielleicht, daß manche Männer denken, hinter uns würde ein Mann stehen, der uns die Sachen schreibt, weil wir selber zu doof wären, das selbst zu machen. Das kam schon vor, daß wir das gefragt wurden. 
Wie ist das denn so als Frau in einer absoluten Männerdomäne? 
Teilweise klasse. Es ist einfach schön... 
...mit den ganzen Männern abzuhängen. 
Genau (triumphierendes Lachen). Hat aber auch seine Nachteile. Da gibt’s viele, die glauben, daß du als Frau z.B. keine Ahnung von der Technik hast. Also manchmal wirst du schon so behandelt, als ob du da nicht den Durchblick hättest, weil du ‘ne Frau bist. 
Lernt man als Frau in einer Band mehr Männer kennen? Habt ihr Groupies? 
Sicher lernen wir viele Männer kennen. Wir haben da schon einige Kontakte durch geknüpft. Aber von den Menschen, die wir da kennengelernt haben, würde ich jetzt keinen als Groupie bezeichnen wollen, das wäre fies. 
Also jetzt mal deutlicher: Wie viele Männer hast du schon im Arm gehalten, die du durch deine Band kennengelernt hast? 
Ich glaube, daß ist eine Frage, die keinen einzigen komm küssen-Leser interessieren wird (lacht). 
Ich kenne doch unsere Leser. Für die zählt erst der Sex, dann die Musik. Also könntest du das bitte mir überlassen? 
Nein, ich überlasse es mir. 
Wo siehst du denn außerdem noch die Vorteile? Meinst du, daß ihr als Frauenband z.B. eher auf Fanzine-CD-Kompilations kommt? 
Also da scheint es was mit zu tun zu haben... Die komm küssen-Redakteure interessieren sich wahrscheinlich vor allem für die Musikerinnen und weniger für die Musik... (lacht) 
Das ist ja gelogen. Jetzt will sicherlich niemand mehr Euer wundervolles Lied auf der neuen komm küssen-CD hören, weil alle denken, dieser Song kam nur im Tausch gegen Sex auf die CD... 
Das heißt ja nicht, daß wir nicht trotzdem genial wären, oder? 

Einen herrlichen Konzert-Verriß konnte Suzie’s Band inzwischen auch schon einheimsen, und zwar im Hardcoremagazin ZAP: „Um Punkt acht betraten 5 kleine Mädchen die Bühne. Mit seltsamen Instrumenten, die nur einen Schluß zuließen: Am besten schnellstens den Saal verlassen. Da ich meine Todessehnsucht scheinbar noch nicht überwunden hatte, blieb ich. Oh Gott. Mir fiel nur das Wort „Kunststudenten" ein. Aber dafür waren die noch ein bißchen jung. Irgendeine Oberstufe, die Kunststudenten WERDEN wollten. Also der nackte Horror. Ich kann es hier nur noch einmal wiederholen: STUDENTEN MÜSSTE ES GESETZLICH VERBOTEN WERDEN, MUSIK ZU MACHEN! Die Sängerin hielt sich für Jim Morrison nach der dritten Flasche Whisky, und rezitierte permanent Gedichte, oder das, was mal Gedichte werden sollten. So in ca. 400 Jahren vielleicht." Klasse. 
 

  • LAZULI sind mit dem Stück „Abenteuer" (Live-Aufnahme von der Nick Cave-Tour) auf der komm küssen-CD. Ihr Demo-Tape „Feuerzeug" mit drei anderen Songs gibt es im komm küssen-Shop (siehe Heftmitte). Oder bei:

  •  
  • LAZULI, Konstanze Meyer, Tilsiterstr. 33, 69502 Hemsbach, Fon: 06201-74181, Fax: 06201-45561

  • oder Suzanne Piesker, Fon: 06221-784391. 
     
            Text & Interview: Michael.