Die Trashfalle  
von eavo 
Schlager sind Trash. Und weil Trash kaum eigene Qualität besitzt, kommt es um so mehr auf die Zusammenhänge an, in denen so etwas gehört wird. Und da haben sich in letzter Zeit wirklich Abgründe aufgetan. War für mich die Ironie des Trash immer ein Modus, mir sympathische, nicht unbedingt schöne Schlager aus dem Hitparaden- und Tanztee-Umfeld der Jahrzehnte davor in andere Zusammenhänge zu retten, so ist der Schlager heute wieder genau dorthin zurückgekehrt. 
Es ist merkwürdig; kein einziger Klang verändert sich, doch das Stück wird ein vollständig anderes. „What Did They Do To My Song, Mama?" - „They", das sind in diesem Fall die Leute, in den Marketing-Abteilungen der Majors, die DJs auf irgendwelchen „Hossa! Hossa!"-Parties oder all die Guildo Horns und Dieter Thomas Kuhns, die das schlucken. Für sich genommen, ist solch eine Kommerzialisierung nicht schlimm. Das war ja zu erwarten. Richtig schlimm ist vielmehr, daß die Ironie, mit der wir in einer Subkultur des Trashes auf die lächerlichen, aber teilweise auch charmanten Posen des Schlagers reagiert haben, von anderen Leute mißbraucht wurde und selbst zu einer Scheiß-Ironie-Pose geworden ist. Und gerade, weil dieser Schlagerkult mit Ironie argumentiert, ist er nur schwer angreifbar. 
Dabei haben Wiedererkennungswert und Schunkeltauglichkeit jede ironische Distanz längst abgelöst. So haben sich zwei Fraktionen gebildet: Die eine fand Schlager schon immer gut, hat sich bisher nur nicht rausgetraut, die andere findet alles lustig und verhöhnt die von den neuen alten Zusammenhängen überforderten Alt-Stars. CINDY und BERT, JÜRGEN MARCUS und wie sie alle heißen werden durch die Talkshows gehetzt und STEFAN RAAB - bekannt durch seine lustige Rentnerverarsche in kleinstädtischen Einkaufsstraßen - ist sich nicht zu blöd, so wehr- und harmlose Leute wie BATA ILLIC in seiner Show bloßzustellen. 
Um die erste Gruppe - echte Fans - geht es hier nicht. Gut, das ist nicht meine Welt, aber laßt sie doch. Das ist halt Geschmacksache. Daß sie sich jetzt nicht mehr verstecken brauchen, sei ihnen doch gegönnt. Viele Leute teilen auch nicht meine Vorliebe für Wassereis. Was mich aber wütend macht, ist die zweite Gruppe, sind die Verhöhner: Natürlich sind BATA ILLIC oder KAREL GOTT auch nicht meine Stars, doch sich über sie lustig zu machen, ist billig. Das kann jeder. Schlagerstar ist halt ein Job wie jeder andere, und nicht der schlechteste. Ich mokiere mich auch nicht über Rechtsanwälte, Metzgereifachverkäuferinnen oder Schreiberlinge. So sind die Leute eben. 
Was mir wichtig ist: Ich möchte weder Schlagerfuzzi noch Verhöhner sein. Ich möchte mit diesen Leuten nicht in einem Atemzug genannt werden. Mehr nicht. Ich will mit den Trashheinis nicht so umgehen, wie sie mit ihren Stars. Ich möchte die Schunkelstudenten nicht lächerlich machen und mich damit entschuldigen, daß sie so sind. Ich könnte böse sein, denn sie haben den Trash kaputt gemacht, aber ich bin es nicht wirklich, weil das, wie gesagt, zu erwarten war. Vielleicht wäre der Trash auch so kaputtgegangen. Denn er ist halt leider kaum mehr als ein Witz. Und wenn man einen Witz zu oft erzählt ist der auch nicht mehr lustig - daß jetzt die falschen Leute an den falschen Stellen lachen.. naja. Vielleicht gelingt es ja einige Stücke vor dieser Trashfalle zu retten. Wie? - das bleibt einstweilen wohl ein Rätsel. 
Und ich? Ich such´ mir neue Retro-Plaisierchen, wühle weiter nach sympathischem Müll, der originell und noch nicht ausgegraben ist. Zugegeben, das angstvolle vor dem Trend herlaufen ist auch ein im Trend laufen. Und es ist lächerlich, natürlich. Wahrscheinlich bin ich auch so ein Trashie. Und es geht immer weiter... macht aber irgendwie Spaß. Verzeiht.       
 
 
 
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