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komm küssen-Schlagerspecial 

Mit Schlagern umgehen

Etwas kam aus dem Sumpf und versuchte uns zu töten... Der Schlager ist an die Unorte zurückgekehrt, die er Anfang der Achtziger verlassen hatte: Dicke Dinger-Sampler bei Karstadt, Hossa-Studenten-Parties in der Disco und die Bühnen werden von so schrecklichen Gestalten wie Guildo Horn und Dieter Thomas Kuhn bevölkert. Inzwischen, wo der deutsche Schlager in jedem Dorfkrug und jedem Medium - sogar in Springers WELT - abgefeiert wird, ist die Trashwelle wieder etwas abgeebbt. Zeit, die Trümmer wegzuräumen und einen Versuch zu wagen, das Phänomen etwas genauer zu untersuchen. Was ist Schlager überhaupt? Wie funktioniert Trash? Unter welchen Voraussetzungen kann und darf ich noch Schlager hören? Fragen über Fragen... Antworten gibt´s auf den nächsten Seiten. 
  
Die Idee, ein Schlager-Special im „komm küssen" unterzubringen, war hier redaktionell nicht unumstritten. Zu abgelutscht war das Thema, nicht zuletzt dank des unsäglichen Schlager-Revivals; auch hier in Münster tanzen mittlerweile Studenten zu HOWARD CARPENDALE-Hits und glauben, sie hätten die Ironie im Schlager erkannt. Das ist ebenso furchtbar wie falsch, denn der Schlager an sich hat keine Ironie. Der deutsche Schlager war schon immer ein biederes, bis ins kleinste Arrangement auf kommerzielle Verwertbarkeit durchgestyltes Produkt. Bis in die Achtziger versuchte er auf internationale Trends zu reagieren und sie für ein deutschsprachiges Publikum auszuwerten. Erst seit etwa Ende der Achtziger entwickelte er eine Art Eigenleben und ist seitdem in der Entwicklung stehengeblieben. Alles, was in den letzten zehn Jahren passierte, und das war nicht viel oder auch gar nichts, ist fürchterlich und für die im Anschluß hier abgedruckten Artikel völlig irrelevant. Anstatt wie früher Pop-Trends hinterher zu laufen, orientierte sich der Schlager nun an volkstümlicher Musik. Damit war auch seine interessante Phase endgültig vorbei, die er in den Sechziger und Siebziger Jahren als Reaktion auf ELVIS, die BEATLES und Seventies-Disco hatte. Denn der Schlager ist nicht kultig, weil die Wildecker Herzbuben so fett sind oder weil man zu UDO JÜRGENS genauso schön grölen kann wie zu den TOTEN HOSEN; interessant ist vielmehr, seinen Geheimnissen und verborgenen Schätzen auf den Grund zu gehen, die eben gerade in diese Phase fallen, in der sich der Schlager besonders offensichtlich als Kunstprodukt mit dem Ziel des Nachäffens internationaler Trends offenbarte. Demzufolge verstehe ich unter „gelungenen" Schlagern eben vor allem eine Art von Außenseiter-Songs, die es in ihrer teils naiven bis irgendwie charmanten Art trotz aller Mühe nie zu Kohle und Chartsplazierungen brachten, „the greatest misses", die seltsamsten Textverfremdungen irgendwelcher englischsprachigen Originale, die absurdesten Versuche selbst aus international erfolgreichen Songs, und sei es auch ein Hardrock-Stück wie BLACK SABBATH´s „Paranoid", noch irgendwie Geld zu machen mit Hilfe einer deutsch-sprachigen Schlagerversionen. 
Das alles führt denjenigen, der sich wirklich ernsthaft bemüht, sich mit quasi „unfreiwilligem Underground des deutschen Schlagers" auseinanderzusetzen, zu allerhand obskurer, bizarrer, charmanter oder auch ungewollt origineller Entdeckungen. 
Und das alles macht den Schlager im Ansatz auch menschlich. Denn man darf nicht außer acht lassen, daß man den Schlagersänger nicht ernsthaft als Künstler ansehen kann; eavo meinte neulich, Schlagersänger sei eher ein handwerklicher Beruf wie Friseur oder Metzger, und hat damit völlig recht. Dementsprechend unsinnig sind auch die bemühten Versuche, den Schlager wissenschaftlich abzuhandeln und zu verurteilen wie unlängst in einigen Fanzines und Büchern geschehen. komm küssen nähert sich von der oben beschriebenen Weise dem Schlager, stellt in einer Kurztypologie die originellsten „Styles" und Interpreten vor, gibt einen Überblick über die Geschichte des Schlagers als Teil heimischer (Pop-)Kultur, interviewt den Übervater des Schlagers Christian Bruhn und berücksichtigt auch den jüngst relevant gewordenen Aspekt der „Trashfalle". 
Gute Unterhaltung. 
Michael 
 

Schlagergeschichte   Geschmackssicher in 5 Minuten Trashfalle   Interview mit Christian Bruhn    Schlagereinleitung