| komm küssen-Schlagerspecial
Die Idee, ein Schlager-Special im „komm küssen" unterzubringen, war hier redaktionell nicht unumstritten. Zu abgelutscht war das Thema, nicht zuletzt dank des unsäglichen Schlager-Revivals; auch hier in Münster tanzen mittlerweile Studenten zu HOWARD CARPENDALE-Hits und glauben, sie hätten
die Ironie im Schlager erkannt. Das ist ebenso furchtbar wie falsch, denn
der Schlager an sich hat keine Ironie. Der deutsche Schlager war schon
immer ein biederes, bis ins kleinste Arrangement auf kommerzielle Verwertbarkeit
durchgestyltes Produkt. Bis in die Achtziger versuchte er auf internationale
Trends zu reagieren und sie für ein deutschsprachiges Publikum auszuwerten.
Erst seit etwa Ende der Achtziger entwickelte er eine Art Eigenleben und
ist seitdem in der Entwicklung stehengeblieben. Alles, was in den letzten
zehn Jahren passierte, und das war nicht viel oder auch gar nichts, ist
fürchterlich und für die im Anschluß hier abgedruckten
Artikel völlig irrelevant. Anstatt wie früher Pop-Trends hinterher
zu laufen, orientierte sich der Schlager nun an volkstümlicher Musik.
Damit war auch seine interessante Phase endgültig vorbei, die er in
den Sechziger und Siebziger Jahren als Reaktion auf ELVIS, die BEATLES
und Seventies-Disco hatte. Denn der Schlager ist nicht kultig, weil die
Wildecker Herzbuben so fett sind oder weil man zu UDO JÜRGENS genauso
schön grölen kann wie zu den TOTEN HOSEN; interessant ist vielmehr,
seinen Geheimnissen und verborgenen Schätzen auf den Grund zu gehen,
die eben gerade in diese Phase fallen, in der sich der Schlager besonders
offensichtlich als Kunstprodukt mit dem Ziel des Nachäffens internationaler
Trends offenbarte. Demzufolge verstehe ich unter „gelungenen" Schlagern
eben vor allem eine Art von Außenseiter-Songs, die es in ihrer teils
naiven bis irgendwie charmanten Art trotz aller Mühe nie zu Kohle
und Chartsplazierungen brachten, „the greatest misses", die seltsamsten
Textverfremdungen irgendwelcher englischsprachigen Originale, die absurdesten
Versuche selbst aus international erfolgreichen Songs, und sei es auch
ein Hardrock-Stück wie BLACK SABBATH´s „Paranoid", noch irgendwie
Geld zu machen mit Hilfe einer deutsch-sprachigen Schlagerversionen.
Das alles führt denjenigen, der sich wirklich ernsthaft bemüht, sich mit quasi „unfreiwilligem Underground des deutschen Schlagers" auseinanderzusetzen, zu allerhand obskurer, bizarrer, charmanter oder auch ungewollt origineller Entdeckungen. Und das alles macht den Schlager im Ansatz auch menschlich. Denn man darf nicht außer acht lassen, daß man den Schlagersänger nicht ernsthaft als Künstler ansehen kann; eavo meinte neulich, Schlagersänger sei eher ein handwerklicher Beruf wie Friseur oder Metzger, und hat damit völlig recht. Dementsprechend unsinnig sind auch die bemühten Versuche, den Schlager wissenschaftlich abzuhandeln und zu verurteilen wie unlängst in einigen Fanzines und Büchern geschehen. komm küssen nähert sich von der oben beschriebenen Weise dem Schlager, stellt in einer Kurztypologie die originellsten „Styles" und Interpreten vor, gibt einen Überblick über die Geschichte des Schlagers als Teil heimischer (Pop-)Kultur, interviewt den Übervater des Schlagers Christian Bruhn und berücksichtigt auch den jüngst relevant gewordenen Aspekt der „Trashfalle". Gute Unterhaltung. Michael Schlagergeschichte Geschmackssicher in 5 Minuten Trashfalle Interview mit Christian Bruhn Schlagereinleitung |