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Schlager - eine Geschichte der Leiden 
Willkommen in der historischen Abteilung des fortschrittlichsten Zines Mitteleuropas! Der Herr Schlager ist in die Jahre gekommen. Und - einige kennen das ja von ihren Eltern - mit dem Älterwerden wird der Geschmack auch nicht gerade besser. Aber egal. Wenigstens seine Biographie sollte jeder kennen. Man will ja auch wissen, was Mom und Dad früher so getrieben haben. Die Lebensgeschichte des Schlagers ist gespickt mit kurzweiligen Beispielen und langweiligen Jahreszahlen. Die ermöglichen allerdings dafür auch die Datierung von so wichtigen Ereignissen wie das erste Taschengeld, der Kindergeburtstag, an dem dich dein großer Schwarm zum ersten Mal auf den Mund geküßt hat oder die Zeit, in der du immer deinen Nicki-Pulli mit den blau-roten Blockstreifen getragen hast. Ist naürlich doof, wenn du zu spät geboren bist. Noch plastischer wär´s natürlich gewesen, hätten wir auch die CD mit so Kram vollgepackt, aber das gibt ja immer Ärger mit den Rechten - und ob die so hörenswert gewesen wäre, ist auch stark zu bezweifeln. Wahrscheinlich läßt die meisten eh schon die Erinnerung schaudern... 
 
Vom Operetten-Wien in die Nachkriegszeit  Kleine heile Schlagerwelt - die Fünfziger  Beat! Beat! Beat!  Schrecken der Siebziger Im Tretboot in Seenot... Das sind die Neunziger, Baby!
  Vom Operetten-Wien in die Nachkriegszeit 
„Schlager" -  das Wort ist so alt nicht. Um 1870 entstand es im Operetten-Wien und löste Begriffe wie Gassenhauer oder Straßenlied ab. Der Begriffswechsel markiert die Erkenntnis, daß Musik als Wirtschaftsgut vermarktbar ist - damals in Form von mit Text versehenen Notenblättern. Schon der ganz frühe Schlager hatte alle Merkmale, die einen Schlager noch heute bestimmen: 1. Industrie-Produkt,  2. deutschsprachig und  3. Trivialisierung einer musikalischen Zeitströmung in ein massenkompatibles Format (hier: die Operette als leichte Schwester der Oper). Nach dem Ersten Weltkrieg war Schluß mit dem großen Operetten-Glamour. Die Zwanziger tanzten und träumten zu Musik amerikanischer Prägung - und mit dem Tonfilm wurden erstmals auch Interpreten zu Stars. Doch diese kurze Blüte fand ihr abruptes Ende im Nationalsozialismus 1933, als nicht nur die zahlreichen jüdischen Interpreten und Komponisten verboten und teilweise auch ermordet wurden. „Unarische" Rhythmen wie Swing, Jazz oder jeder Latino-Kram waren fast vollständig aus der populären Musik verbannt. Einfache „Lied"- und Marsch-Rhythmen prägten weitgehend die populäre Musik dieser Zeit, die ihre Verbreitung jetzt vor allem durch den Rundfunk fand.  Kleine heile Schlagerwelt - die Fünfziger 
Nach dem Krieg wurden auch wieder internationale Strömungen für den deutschen Markt aufbereitet, es gab Swing-, Boogie Woogie-, Samba-Schlager etc. Nicht nur mit „Schnulzen" ließ sich damals Geld verdienen, auch Zeitkritik - in Allgemeinplätzen versteht sich - wurde in mehr oder weniger explizite Schlagertexte transformiert - „Ich hab noch einen Koffer in Berlin" (1949, Berlin-Blockade), „Wer soll das bezahlen" (1949, niedrige Einkommen) oder „ Wir sind die Eingeboren von Trizonesien" (1949). 
Bis in die Sechziger hinein behielt der deutsche Schlager seine Monopolstellung im Bereich der - mit Durchsetzung der Vinylplatte immer lukrativeren - populären Musik. Lediglich einige internationale Instros und - als großer Ausreißer 1956 auf dem Gipfel der Charts - BILL HALEYs „Rock Around the Clock" vermochten das Schlagerkartell aufzubrechen. Mehr Rock´n´Roll dagegen existierte in den deutschen Charts fast nur in trivialisierter Form: Die 15jährige CONNY FROBOESS trällerte PAUL ANKAs „Diana" auf deutsch (1958), PETER KRAUS´ „Hula Baby" schaffte es im Herbst 1958 auf Platz 1 und TED HEROLD glänzte mit dem R´n R--Heuler „MOONLIGHT" (1960).  Beat! Beat! Beat! 
Als der Beat kam, brachen dann die Dämme. Diesmal war die englischsprachige Nummer 1 keine Eintagsfliege: „I Want To Hold Your Hand" von den BEATLES behauptete 1964 knapp zwei Monate die Spitzenstellung in den Charts, die STONES eroberten diesen Platz 1965 gleich zweimal („The Last Time"/"Satisfaction"). 1966 waren schon 10 von 12 Nr. 1-Erfolgen auf englisch. Gut im Schlagergeschäft blieb´ einzig die klassische Schnulze. FREDDY, PETER ALEXANDER (beide seit den 50ern) und ROY BLACK (ab 1966) orientierten sich allerdings auch deutlich an internationalen Vorbildern wie TOM JONES oder ENGELBERT. 
Wie nicht anders zu erwarten, schob die für internationale Trends sensible Schlagerindustrie den Beatschlager nach: DRAFI AND HIS MAGICS sollten „der Schnulze den Kampf ansagen" (Covertext) und feierten einige große Erfolge („Shakehands"; „Marmor, Stein und Eisen bricht"; "Heute male ich dein Bild, Cindy Lou"), andere Schlager mit Beat- oder Soulbeat-Einflüssen liefen nicht schlecht, doch blieben ihnen die vordersten Plätze der Charts versagt. Das Publikum schien zu spüren, daß der Schlager dem Trend nur hinterherlief, daß Inhalte und Musik noch weniger authentisch waren, als jene der britischen/amerikanischen Originale. 
Zwar preßten die seit den frühen Fünfzigern verbreiteten Schlager-Compilations (etwa die „Spitzenreiter"-Serie) ab Mitte der Sechziger die BEACH BOYS, THE WHO oder die EASYBEATS unverfroren auf eine Rille mit KAREL GOTT oder ROY BLACK; doch ließ sich die Trennung in Pop auf der einen und Schlager auf der anderen Seite nicht mehr bremsen. Spätestens seit 1970 lief ein Riß zwischen den Generationen. Schlager war zur Spezialmusik für die über 30-jährigen geworden. Die Versuche des Schlagers, mit der Entwicklung im Pop-Bereich mitzuhalten sind teilweise zwar charmant, brachten aber kein Geld: So covern CINDY UND BERT auf einer B-Seite den ersten Nr.1-Hardrockhit deutscher Popgeschichte BLACK SABBATH` „Paranoid" (Weihnachten 1970) und KAREL GOTT versuchte sich in einer groovy Orchesterversion von „Paint it black".  Schrecken der Siebziger 
Nach einem kurzen Durchhänger 1970/71 gab der Schlager seine Anbiederungsversuche auf, erkannte die vollzogene Aufspaltung und besann sich fortan auf jene Generation, die Schlager hören wollten. Jetzt wurde es richtig schlimm: Der Schlager legte noch mal einen Zahn Seichtum zu: Kein Trend des sich immer weiter aufspaltenden Popkosmos war vor dem Schlager sicher: Der Schlager verbriet Soul-Elemente (KATJA EBSTEINS „Wunder gibt es immer wieder" (1970) oder DAISY DOORS moogiges „Highlights of my dream" - eine heute völlig vergessene Nummer 1 aus dem Winter 1972) Auch vor Latino-Rhythmen machte der Schlager nicht halt (TONY HOLIDAY, „Tanze Samba mit mir"; REX GILDO, „Brasil"). Die Softrock-Ecke besetzte PETER MAFFAY. Selbst Rap spannten die Produzenten vor ihren Karren(G.L.S. UNLIMITED, „Rapper´s Deutsch". Und für den Disco-Schlager war vor allem GILLA („Tu´ es!"; „Sunny") zuständig... Die inflationäre Zahl deutschprachiger Originalversionen war nur logische Folge dieser Attitüde. Neben dieser Pose hielten Interpreten wie CHRISTIAN ANDERS, VICKY LEANDROS oder UDO JÜRGENS den Schlager-Schlager hoch - oftmals durchsetzt mit exotischen Elementen. HEINO, GITTI UND ERICA, TONY MARSHALL oder KAREL GOTT („Babicka") probten derweil den volkstümlichen Schlager der Neunziger.  Im Tretboot in Seenot... 
„Schöne heile Welt des Schlagers"- das galt in den Siebzigern nicht nur für die Rezeptionsweise des Publikums, auch Produzenten und Interpreten erlebten ihre fetten Jahre und hatten ausgesorgt - hier und da was aufgenommen und ein paar Auftritte - am besten in Hecks Hitparade (seit 1969), fertig war die Laube. Doch das schöne Leben hatte schon bald ein Ende: NDW war für die Schlagerwelt ein ähnlicher Einschnitt wie knapp 20 Jahre davor der Beat. Nachdem der NDW von findigen Produzenten aus der Subkultur  - DAF, KRUPPS oder KRAFTWERK - gerissen wurde, dauerte es nicht lange bis das, was heute noch als Schlager bezeichnet wird - von den ersten Plätzen der Hitparade verdrängt war. ROLAND KAISER und HOWARD CARPENDALE waren die einzigen Siebziger-Stars, die sich in den frühen Achtzigern über Wasser halten konnten (z.b. „Santa Maria" - ein OLIVER ONIONS-Cover oder „Hello again"). Danach war das Jahrzehnt der Leiden endgültig vorbei. 
Die SPIDER MURPHY GANG - eigentlich eine mittelmäßige Rock´n´Roll-Kapelle - kann von sich behaupten, mit „Skandal im Sperrbezirk" den ersten Nummer 1-Hit des NDW gelandet zu haben (Frühjahr 1982), in rascher Folge taten es ihnen FALCO („Der Kommisar"), MARKUS („Ich will Spaß") und PETER SCHILLING („Major Tom") gleich. TRIOs „Da Da Da" (1982), schaffte, obwohl es eines der einflußreichsten Stücke deutscher Zunge überhaupt ist, nie den Sprung nach ganz oben (bloß Nr. 2), das gleiche Schicksal teilte übrigens „Nur geträumt" von NENA. 
Ob man die NDW-Verwerterstücke nun als Schlager sieht oder nicht. Ich tu es. Wer andere Meinung ist, OK. Ist wohl ´ne Definitionsfrage. Interessant ist in diesem Zusammenhang allerdings, daß man heute auf jedem Flohmarkt Hit-Sampler kaufen kann, die ohne Scheu Interpreten wie ANDY BORG oder TOMMY STEINER an MARKUS und NENA reihen. 
Auch wenn die NDW so schnell abebbte, wie sie gekommen war, erholte sich der klassische Schlager nicht mehr. Fortan bestimmte englischsprachige Musik die Charts: Wave-Pop, Heavy-Posen, amerikanischer Softrock (à la SWF 3, wenn jemand diesen anachronistischen Sender kennt), STOCK-AITKEN-WATERMAN-Sound, Dancefloor und was sonst noch alles an krudem Kram durchs Radio meiner Jugendzeit schwappte. Die großen Erfolge des klassischen Schlagers jedenfalls lassen sich - und das ist gut so - seitdem an kaum zwei Händen abzählen: NICOLE „Ein bißchen Frieden" (1982) (erster dt. Grand Prix-Sieger-Titel); ANDY BORG „Adios Amor"(1982); Tommy Steiner DIE FISCHER VON SAN JUAN (ein verkapptes La Paloma-Cover!); NINO DE ANGELO „Jenseits von Eden" (1984); die MÜNCHNER FREIHEIT „Ohne Dich" (1986); und schließlich MATTHIAS REIM „Verdammt, ich lieb´ dich" (1990) - vielleicht habe ich welche vergessen. Könnt ihr ja selbst ergänzen.  Das sind die Neunziger, Baby! 
Der Schlager in seiner überkommenen Form war am Ende - und das hat sich bis heute nicht geändert. Auch wenn Leute wie CLAUDIA JUNG oder WOLFGANG PETRY ein Publikum haben, ist die Rede vom „neuen, anspruchsvollen Schlager" kaum mehr als eine Durchhalte-Parole. Eine feste Größe blieb über die Jahre nur der Blödel-Schlager von BRUCE&BONGO über WERNER WICHTIG bis zu den DOOFEN und den PRINZEN. 
Andere Formen deutschsprachiger Musik, die seit der Einführung von VIVA (Dez. 1993) ein Forum haben, wehren sich zwar, in die Schlagerecke gestellt zu werden. Doch die Merkmale des deutschen Schlagers - 1. Industrie, 2. Trivialisierung einer Musikrichtung und 3. deutschsprachig - treffen auch auf MODO, BLÜMCHEN, DAS MODUL, DIE DOOFEN, DIE TOTEN HOSEN; DIE ÄRZTE, TIC TAC TOE oder SABRINA SETLUR zu (wofür mir MOSES P. wahrscheinlich demnächst die Fresse polieren wird). Wie gesagt , es kommt wohl auf die Definition an. Hip Hop-, Techno oder Punk-Schlager ist aber noch weit leichter zu ertragen als der volkstümliche Schlager, den NAABTAL DUO („Patrona Bavariae") WILDECKER HERZBUBEN („Herzilein") Ende der Achtziger losgetreten haben. Kein Kommentar. Nur soviel: Interessant ist, daß wieder ein Musikrichtung zu Schlager reduziert wird, die es eigentlich nicht verdient hat. Diesmal mußte die regional gewachsene Volksmusik dran glauben. Der Herr Schlager ist ein Killer. 

Mehr Infos zum Thema gibt´s im Lexikon des deutschen Schlager von Matthias Bardong u.a., daß in zweiter Auflage in der Serie Musik von Piper und Schott erschienen ist.  - Sehr empfehlenswert. ohne die dort enthaltene Schlager- Geschichte, wäre dieser Artikel nicht möglich gewesen.

 

Was die Chartsplazierungen betrifft, danke an: http://www.uni-oldenburg.de/~guardian/charts/chartservice.html 
 

          eavo
           
           
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