Ein Übervater des Schlagers: Christian Bruhn   (index) 

"Captain Future war eine Sternstunde" 
CHRISTIAN BRUHN (63), Komponist und Musikproduzent. Komponierte mit vier Jahren am Klavier erste Lieder, spielte in verschiedenen Jazz-Combos, jobbte als Produzent im Studio einer Schallplattenfabrik, bis er 1959 den Berliner Verleger Peter Meisel kennenlernte und mit ihm das sehr erfolgreiche, unabhängige Produzententeam „Hansa-Musikproduktion" gründete. Bruhn komponierte im folgenden für beinahe alle bekannten Schlagerkünstler, veröffentlichte insgesamt etwa 2000 Lieder und schrieb die Musik zu vielen Fernsehserien (u.a. Captain Future, Timm Thaler, Sindbad, Manni der Libero, Alice im Wunderland...). Desweiteren schrieb er u.a. auch Werbe-Musiken für circa 100 Firmen und Produkte (u.a. Milka, McDonalds, Haribo). Seit 1976 mit Erika vom Duo Gitti & Erika verheiratet, davor mit Katja Ebstein. Seit 1991 ist Bruhn Aufsichtsratvorsitzender der GEMA. 

Lieblingskomponisten „E": Mozart, Haydn, Brahms, Verdi, Dvorak, Smetana u.a. 
Lieblingskomponisten „U": Joh. Strauß, Lehar, Lincke, Gershwin, Kern, Porter, Rodgers, Berlin, McCartney, Bacharach, Bernstein, Webb, Webber, Garner 
Lieblingssängerinnen: Mireille Mathieu, Nina Hagen, Joni Mitchell, Maria Carey 
Lieblingssänger: Udo Jürgens, Wolf Maahn, Die Prinzen, Michael McDonald, Michael Bolton 
Lieblingsfilme/-regisseure: „Les Parapluis de Cherbourg", „Kleine Haie", Jacques Tati, Billy Wilder, Rene Clair, Claude Chabrol, Lelouche 

Bekannteste eigene Kompositionen: „Marmor, Stein und Eisen bricht" (Drafi Deutscher), „Heidi" (Gitti & Erika), „Liebeskummer lohnt sich nicht" (Siw Malmkvist), „Akropolis Adieu" (Mireille Mathieu), „Wunder gibt es immer wieder" (Katja Ebstein) u.v.a. 

Schönste eigenen Kompositionen (komm küssen (Michael)-Auswahl): „Er ist wieder da" & „Nur beim Abschied nicht weinen" (Marion März), „Computer Nr.3" (France Gall), „Ich möcht’ der Knopf an deiner Bluse sein" (Bata Illic), „Küsse nie nach Mitternacht" (Siw Malmkvist), „Sie schaut mich immer wieder an" (Peter Orloff), Captain Future. 
 

Der deutsche Schlager läßt sich ja in verschiedene Epochen aufteilen, die mal mehr, mal weniger kreativ waren. In den 90ern ist zum Beispiel gar nichts passiert... 
Daß wir im Moment besonders innovativ wären, kann ich auch nicht sehen. Da haben wir im Moment schon ein Tal. Ich höre immer Versatzstücke aus den 60er und 70er Jahren... Wenn man bedenkt, was die großen amerikanischen Komponisten in der ersten Hälfte des Jahrhunderts für Harmonien erfunden haben - das ist heute alles wieder weg. Viele deutsche Komponisten begnügen sich mit drei, vier Akkorden. 

Gilt das jetzt nur für den Schlager oder auch für andere aktuelle deutschsprachige Sachen, meinetwegen Hip Hop-Adaptionen wie Tic Tac Toe? 
Tic Tac Toe haben ja unbeschreiblich freche Texte. Meine Nichte kennt das auswendig, die bildet ihr Sprachvermögen damit. Die sind genau in eine Lücke gestoßen, da war ein Bedarf da, nicht zu romantisieren, sondern Tacheles zu reden. Statt „Nimm mich in die Arme" geht es da rotzfrech zur Sache. Das halte ich auch für innovativ. 

Sie haben neulich gesagt, als es um die Definition von Schlager ging, daß sie im erweiterten Rahmen auch Interpreten wie Tic Tac Toe und Sabrina Setlur dazuzählen... 
Wenn Sie sehen, was ich alles gemacht habe, ich habe „Jame’s Tierleben" für den Hessischen Rundfunk gemacht, ich habe Kabarett-Songs gemacht, ich habe für Katja Ebstein Heinrich-Heine-Lieder gemacht, dann „Marmor, Stein...", das ist meinetwegen Deutschrock, bis hin zu volkstümlichen Stücken wie „Heidi" - das ist doch alles Unterhaltungsmusik, darauf kommt es an. Tic Tac Toe haben lediglich einen anderen Beat... 

Verfolgen sie immernoch alles, was an deutschsprachigen Veröffentlichungen erscheint? 
Eigentlich ja. Wenn ich im Studio eine Pause mache, ziehe ich mir VIVA rein. Ich will schon auf einem aktuellen Stand bleiben und man hört ja auch nicht auf, sich für Musik zu interessieren. Musik ist ja die schönste und harmloseste aller Künste, das friedlichste, das man sich vorstellen kann. Von den neuen Sachen mag ich zum Beispiel Grooveminister sehr gern, Fettes Brot weniger. Die Ärzte haben gute Sachen... 

Kann man, bezogen auf die Entwicklung des Schlagers, sagen, daß internationale Trends, gerade in der Hochphase des deutschen Schlagers, aufgegriffen und in verniedlichter Form kopiert wurden, beispielsweise während der Beatwelle in den 60ern? 
Es gab ja Parallelen, da gab es die Beatles, und da gab es parallel Roy Black mit „Ganz in Weiß" und „Du bist nicht allein". Es wird immer eine Sehnsucht nach einfachen Melodien geben. Deshalb hatten wir auch diese riesige volkstümliche Welle, die jetzt wieder vorbei ist, denn jetzt sind die Melodien so einfach, daß keiner sie mehr hören will. Das ist ausgelutscht, das Ding. Das ist ja in anderen Ländern auch so, zum Beispiel Country in den USA. Das ist mit Volksmusik hierzulande zu vergleichen und nervt ebenso auf Dauer. 

Worauf wir hinauswollen: Inwieweit war der Schlager früher eine eigenständige Kultur und inwieweit nur ein „Eindeutschen" von aktuellen internationalen Trends, angefangen bei Elvis und seinen Adaptionen (Peter Kraus, Ted Herold...)... 
Gewiß ist der deutsche Schlager eine eigenständige Kultur, weil er ja kaum exportiert wurde. Aber natürlich mögen wir Deutschen gern das Fremde, wir finden das schick, wenn jemand englisch oder französisch singt. Gerade Englisch ist für mich die Popsprache. 

Worin sehen sie die Gründe dafür, daß ab den 60er Jahren der Markt in Deutschland von Titeln aus dem englischsprachigen Ausland beherrscht wurde? 
Auch in den 50er Jahren wurden schon sehr viele englischsprachige Titel gecovert... 
Aber auf deutsch... 
Richtig. Die eigentliche Revolte kam ja erst durch die Rolling Stones und die Beatles, das war so ein richtig neues Gefühl, mit dem man gegen die Eltern rebellieren konnte. Da wurde mit der Musik ein Lebensgefühl ausgedrückt. Wenn sich dann dieses Lebensgefühl wie bei den Beatles noch mit dem Talent, wunderschöne Popsongs machen zu können, verbindet, dann geht die Schere auf, dann sind da auf der einen Seite die Beatles, auf der anderen Seite „Tanze mit mir in den Morgen". Seltsamerweise ist es so, es haben ja nicht nur Greise Roy Black, Heintje oder Peter Alexander gekauft; es gibt immer genügend andere, die sagen, das finde ich aber auch ganz schön. 

Was macht denn für sie einen guten bzw. einen schlechten Schlager aus? 
Zunächst mal braucht man einen guten Text. Der muß nicht kompliziert oder intellektuell sein, aber er muß schön sein, poetisch und nicht dumm. Dazu Musik mit Harmonien, die nicht auf der Straße liegen, dann der Sänger und die Produktion... So ganz genau weiß es natürlich keiner, warum zum Beispiel der Bocelli drei Millionen verkauft. Da bricht was romantisches durch, was lange verschüttet war. Irgendwann kriegen wir auch wieder einen neuen Heintje oder so... Es wäre sehr dumm zu sagen, das wäre etwas niederes oder das sind verschiedene Niveauschichten; das sehe ich nicht so. Es gibt auch richtige Volksmusik, die sehr entzückend sein kann. 

Kann ein Schlager Kunst sein oder zumindest einen künstlerischen Anspruch haben? Oder ist es nicht eher so, daß es sich hier um eine Art Dienstleistung handelt? 
Es ist beides; ich spreche gern von einem „Kunsthandwerk". Das Handwerk muß stimmen; wenn ein Haus funktionell gebaut wird und trotzdem den Augen schmeichelt, ist es dann schon Kunst? Auf jeden Fall ist Schlager Kultur. Ich sage immer, was Kunst ist, erweist die Zeit. Wenn sich ein Schlager 30 oder gar 100 Jahre hält wie „La Paloma", dann muß es wohl Kunst sein. Das macht für mich den Schlager aus, daß er nicht sechs Monate, sondern 60 Jahre dauert und auch mich überlebt. 

Wie sieht es denn mit ihrem eigenen Anspruch aus, haben sie zum Beispiel viele Sachen selbst inventiert und sind damit zu Plattenfirmen gegangen oder haben sie auch viele Auftragsarbeiten gemacht? 
Ich habe mir mit dem Peter Meisel in Berlin einen eigenen Interpretenstall aufgebaut. Wir waren die beiden ersten Independent Producers, so nannte man das. Früher waren die Produzenten ja Angestellte. Wir haben das alles auf eigene Kosten selbst produziert und dann an die Plattenfirmen verkauft. Dazu gehörten unter anderem Drafi Deutscher, Manuela, Marion März, später die Mathieu und Katja Ebstein. Irgendwann hat man so viele Interpreten zusammen, daß man sich mit seinem Textdichter turnusmäßig einfach zusammensetzt und was für die macht. Und wenn man gerade sowieso im Trend schwimmt, wird man die Sachen auch sofort los. Heute ist das wieder anders, heute muß ich wieder rudern, wenn ich eine eigene Produktion mache. 

Die Künstler haben ja auch verschiedene Images, die dann auch von ihnen selbst bedient wurden? 
Ich habe sie ja mitgeschaffen; der Akzent, den Manuela heute noch hat, der ist von mir. Gitti & Erika, die haben mit Schlager angefangen, bis ich gemerkt habe, die können ja jodeln. Und die Leute mochten den Jodler in „Heidi". Die Mathieu war leicht zu verarzten, denn das Thema Frankreich und Paris ist sehr ergiebig. Da konnte man erstmal richtig aus dem Repertoirefundus schöpfen. Also man hat dann schon für die Interpreten Dienst geleistet und ihnen Sachen auf den Leib geschrieben. 

Inwieweit machen sie als Komponist Kompromisse bezüglich den Gesetzen des Marktes? 
Überhaupt nicht. Die Seele muß stimmen. Ich hatte zum Beispiel im letzten Jahr mit „Amen" von Drafi einen Achtungserfolg, da war hinten ein ganz schräger Akkord, so eine Art Weltdrohung. Ich habe so viele einfache Melodien: „Liebeskummer lohnt sich nicht" ist ein einfacher Akkord, „Mitsou" ist eine ganz simple Sache... da muß man nicht noch runterschrauben. Bei „Captain Future" gibt es dagegen schon ein paar komplizierte Sachen. Ich überlege mir, wen es ansprechen soll und versuche dann, das Bild zu stützen. Wenn es den Leuten schlecht geht, kannst du die Traurigkeit unterstützen. Oder die Spannung. „Timm Thaler" ist dann auch wieder ganz anders als die „Wicherts" oder als „Manni, der Libero". Ich muß mich da nicht verbiegen, das liegt in mir... 

Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, ob es den typischen Schlagerkäufer gibt? 
Da mache ich mir eigentlich keine Gedanken zu. Es gibt typische Fans. Und die wollen auch, daß der Interpret nicht zu weit von seinem Pfad abweicht. Ich kenne auch Leute, die kaufen nur volkstümliche Musik. Aber die Bravo-Welt ist immer noch zweisprachig. 

Was halten sie denn von der Ironisierung des deutschen Schlagers, die zum Beispiel Leute wie Guildo Horn oder Dieter Thomas Kuhn vorgeben zu betreiben? 
Ich sehe das mehr als Liebe zum Schlager. Wenn einem die Gottesgabe des lieblichen Gesanges nicht so gegeben ist, dann muß man halt einfach eine Parodie daraus machen. Eigentlich hat ja die Sache an sich Erfolg, also das alte Material, nicht die Parodie. Anders wäre es, wenn sie mit neuem Material Erfolg hätten. So wie der Helge Schneider, der hat ja eine neue Form des Schlagers erfunden. 

Dennoch geben die Leute, die heutzutage den Schlager als Kult betrachten vor, ihn zu verhöhnen und machen sich darüber lustig. Im aktuellen PRINZ sagt z.B. Lars Ricken: „Schlager sind klasse, da hätte ich vielleicht mal früher drauf kommen können. Matthias Sammer und ich, wir hören jetzt häufig zusammen deutsche Musik und können uns dann vor Lachen kaum halten." 
Man kann sich natürlich über alles lustig machen. Natürlich ist der Schlager oft ein einfaches, kompaktes Gebäude. Bei „Liebeskummer lohnt sich nicht" endet die Geschichte ja auch mit einer Heirat. Ich würde mich nicht drüber lustig machen, auch nicht über Heintje’s „Mama". Oder „Eine Mark für Charley", das ist doch ganz lustig. Mein Vorstand sagt immer, wir sollten die anderen nie für zu doof halten, so klug sind wir selber auch nicht. Ich sehe eigentlich keinen Grund, sich lustig zu machen, dazu nehme ich den Schlager auch zu ernst. Ich liebe ihn heiß und innig. 

Was sagen sie zu Künstlern, die jetzt schon auf die Rente  zugehen und immer noch ihre alten Hits spielen.... 
Udo Jürgens singt bei Konzerten immer neue Sachen und ich fühle da genau, die Leute wollen lieber „Argentinia" und die anderen Hits hören. Da spielt er dann ganz zum Schluß ein Potpourri und feiert die alle ab. Oder nehmen wir meine Frau und ihre Schwester, Gitti & Erika. Die haben ein Riesen-Repertoire, können 300 Lieder singen, die Leute wollen aber die Hits hören. Wenn es die Beatles noch geben würde, würden wir dann die neuesten Sachen von Paul McCartney hören wollen? Natürlich nicht. Lieber die alten Hits. 
Das gehört einfach dazu. Ich sehe das immer andersrum und meine, daß die Künstler den Fehler machen, den Leuten zu wenig von ihren alten Hits zu geben... 

Sie haben etwa 2000 Lieder komponiert und veröffentlicht. Welche zählen zu ihren persönlichen Lieblingssongs? 
Man liebt eigentlich immer das Kind, das am jüngsten ist. Ansonsten mag ich besonders gern die Stücke, die ich für Mireille Mathieu gemacht habe, vor allem „Meine Welt ist die Musik"; dann mag ich sehr gerne „Marmor, Stein...", die „Böhmische Polka" und ich mag natürlich „Captain Future" sehr gerne, das war eine Sternstunde, hat mir sehr viel Spaß gemacht. 

Wie lange brauchen sie, um ein Lied zu komponieren? 
„99,9 Prozent" von Graham Bonney, das hat fünf Minuten gedauert, das schrieb ich einfach so runter und mußte aufpassen, daß ich’s mir merke. Ich habe meistens mit den Textern Buschor, Loose und Bradtke zusammengearbeitet; wir sind dann immer von den Texten ausgegangen und haben das ganze noch entwickelt. (singt) 

Sie geben immer so schöne Gesangsbeispiele, können sie die Texte alle noch auswendig? 
Wenn man so lange dran gearbeitet hat... Das Text machen hat auf jeden Fall immer noch länger gedauert als die Musik machen. 

Sie sind ja als eigentlicher „Star" hinter den Stars kaum in der Öffentlichkeit... 
...was sehr angenehm ist. Der einzige Nachteil: Man kriegt nicht immer einen Tisch in einem erstklassigen Restaurant. Dafür wird man beim Essen nicht belästigt. Udo Jürgens kommt ja gar nicht zum Essen... Mir reicht es, wenn ich in einem Bierzelt sitze und da eines meiner Lieder läuft, da bin ich schon stolz drauf. Die spielen es ja freiwillig, das ist ja nichts, was jetzt gerade gepuscht wird. Und das ist mir schon Bestätigung genug. 


 
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