Zum Tod von Herbert Vorgrimler


Jede theologische Theorie ist darauf zu befragen, aus welcher Erfahrung sie hervorgeht (wenn sie aus keiner Erfahrung hervorgehen sollte, wäre sie von vornherein nichts wert), und ob sie unseren Erfahrungen entspricht (oder die Erfahrungen anderer Zeiten, Kulturepochen usw. wiedergibt, die für uns wichtig sind). Nun kann man am Tod selber nur die Erfahrung des Sinnwidrigen, des Abbruchs, der Zerstörung machen, und die theologische Frage, die sich daraus ergibt, bleibt ohne ausreichende Antwort. Denn die Überlegung, dass Gott offenbar eine evolutive Welt des Werdens, Vergehens und Neuwerdens gewollt hat, kann mit der Bitterkeit des Abschieds nicht versöhnen. ...
Die religiöse Erfahrung, die über den Tod hinausweist, beginnt nicht erst angesichts des Todes, wo sich Ratlosigkeit ausbreitet. Sie setzt vielmehr dort ein, wo ein Mensch erstmals Erfahrungen mit Gott macht. Die Umstände, unter denen einer lebt, erlauben es ihm keineswegs immer, Gott (richtig) zu erfahren. ... Von da her bleibt für viele nur Hoffnungslosigkeit und Tapferkeit angesichts des Todes.
Die Hoffnung der Glaubenden ruht nicht auf der Theologie, sondern auf der Erfahrung, die sie mit Gott und Jesus Christus gemacht haben. Ein Mensch kann auch heute noch erleben, dass Gott treu und zuverlässig ist, und dass nichts, also auch nicht der Tod, der Solidarität und Liebe Gottes Grenzen setzen kann. ... Hoffnung über den Tod hinaus gründet also in konkreten, gelebten Beziehungen zu Gott und Jesus Christus. Sage ich 'Gott' oder 'Jesus', dann sage ich damit auch schon 'Wir' und 'Für uns': Die Hoffnung gilt denen, die wir lieben, den Menschen insgesamt, der Erde.
(Aus: H. Vorgrimler, Der Tod im Denken und Leben des Christen. Düsseldorf 1978. S. 138-140)

Zum christlichen Glauben gehört die Überzeugung, dass Gott nichts von all dem, was sein Wille hervorbringt und bejaht, jemals vernichten wird. Alles, was Gott gewollt hat und will, ist für immer gewollt und zum Bleiben bestimmt. Das gilt auch für ... die Menschheit und in ihr für jeden einzelnen Menschen. Die Folgerung für das Verständnis des Todes liegt auf der Hand: Tod ist nicht Vernichtung des Ich und Eingang der materiellen menschlichen Einzelteilchen in die ewige Materie; im Tod lässt vielmehr Gott das Ich zu sich gelangen, zu sich, das heißt in jene hintergründige Dimension des Weltalls, in der Gott ist und in der alles gesammelt wird, was jemals wurde ...
(Aus: H. Vorgrimler, Wir werden auferstehen. Freiburg i. Br. 1981. S. 24)

Wer einen Menschen wirklich liebt, der kann gar nicht sagen: Dieser geliebte Mensch verschwindet im Tod. ... Gott hat uns in Jesus von Nazaret nicht von Leid und Tränen, nicht von Sterben und Tod erlöst. Erlöst sind wir von der Hoffnungslosigkeit.
(Aus: H. Vorgrimler, "... und das ewige Leben. Amen!" Christliche Hoffnung über den Tod hinaus. Münster 2007.)


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