Der neue Roman von Juli Zeh: Unterleuten

Der Wald brachte alle Fragen zum Schweigen. Um etwas über den Sinn des Lebens, die Bedeutung des Todes oder die Ursache des Seins zu erfahren, genügte es, in die Hocke zu gehen und den Waldboden in Augenschein zu nehmen. Wer einen Ameisenstaat bei der Besiedelung eines Baumstumpfs beobachtete; wer sah, wie Grashalme auf einem Felsblock wuchsen; wer Pilze kannte, die in Grüppchen beisammenstanden wie dünnbeinige Partygäste und gemeinsam einen fauligen Ast verdauten - der wusste, dass die Antwort auf alle Fragen "Stoffwechsel" lautete. Kathrin empfand dieses Wissen als beruhigend. Ihr gefiel die Vorstellung, dass die Stoffe, aus denen sie bestand, eines Tages in die Blüte einer Blume oder das glänzende Gefieder eines Vogels eingehen würden.
Kron hatte ihr beigebracht, den Wald zu lesen, lange bevor er selbst Waldbesitzer geworden war. "Du musst vor nichts Angst haben, meine Kleine", hatte er gesagt, wenn sie wegen eines toten Maulwurfs am Wegrand in Tränen ausgebrochen war. "Im Wald geht nichts und niemand verloren."

Den Wald hatte Kron schon geliebt, lange bevor er ihm gehörte. Ganz anders als in der Welt der Menschen besaß hier alles einen Sinn. Was existierte, bot einem anderen Wohnung oder Nahrung. Was verging, diente dem überleben des Nächsten. Sterben bedeutete hier keinen Skandal. Es war nur eine unter vielen Funktionen des Seins. Im Wald gab es Töten ohne Hass, Fortpflanzung ohne Liebe, Kooperation ohne Gesetze, Ernährung ohne Wissenschaft und Lebensfreude ohne Philosophie. Im Wald herrschte eine gelassene Zweckmäßigkeit, der sich Kron mit erleichtertem Aufatmen überließ. Für eine Weile durfte er aufhören, eine Persönlichkeit zu sein und deshalb alles persönlich zu nehmen. Er konnte einfach am Fuß einer Kiefer sitzen und sich ohne jede Anstrengung logisch fühlen. ...
Bäume besaßen keine Vergangenheit. Auch Käfer und Ameisen, Vögel, Hasen oder Rehe hielten sich nicht mit dem auf, was hinter ihnen lag, sondern folgten den Befehlen des jeweiligen Augenblicks. Nur der Mensch wollte das Leben partout als Straße und nicht als Zustand verstanden wissen, weshalb er sich selbst und andere mit Ereignissen quälte, die schon stattgefunden hatten oder noch kommen sollten. Wenn nichts und niemand außer dem Menschen so etwas wie Vergangenheit kannte, lag die Vermutung nahe, dass es sich um eine menschliche Erfindung handelte.

Kathrin liebte Bücher, besonders Romane, und unter den Romanen vor allem die dicken. In allen Büchern, die Kathrin kannte, war die Welt auf wunderbare Weise in Ordnung. Selbst wenn das Leben der Figuren auf katastrophale Weise schiefging, selbst wenn nach allen Regeln der Kunst gequält und gelitten wurde, so besaßen Qual und Leiden doch immer einen Sinn, und wenn keinen Sinn, dann immerhin Zusammenhang und folglich Bedeutung. Kathrin hatte schon als Kind verstanden, dass allein der Mensch in der Lage ist, Ordnung zu erzeugen, und dass Bedeutung nur innerhalb von Ordnungen entsteht. Die ersten Ordnungsgeber und Bedeutungserzeuger im Leben waren die Eltern. Wenn Eltern allerdings ihr Kind im Stich ließen, um aus dem Kommunismus in den Kapitalismus zu fliehen, oder wenn sie ihre Zeit damit vergeudeten, den längst verreckten Kommunismus gegen den Kapitalismus zu verteidigen, dann mussten Bücher diese Funktion übernehmen. Kathrins Lesen war eine Form von Selbstverteidigung gegen Sinnlosigkeit und Chaos.

Kathrin warf ihrem Vater vor, dass er zwanzig Jahre nach der Wende noch immer nicht begriffen habe, was Freiheit sei. Kron wusste durchaus, was Freiheit war. Ein Kampfbegriff. Freiheit war der Name eines Systems, in dem sich der Mensch als Manager der eigenen Biographie gerierte und das Leben als Trainingscamp für den persönlichen Erfolg begriff. Der Kapitalismus hatte Gemeinsinn in Egoismus und Eigensinn in Anpassungsfähigkeit verwandelt.

Gerhard wollte der Welt nichts Neues hinzufügen, sondern das Vorgefundene erhalten. Denn darin bestand die heilige Aufgabe dieser hektischen Epoche: das Bestehende gegen die psychotischen Kräfte eines überdrehten Fortschritts zu verteidigen.

Am liebsten sprach Gerhard davon, dass das Drama der modernen Politik im fanatischen Streben der Menschen nach Veränderung liege. Die Menschen von heute konnten nichts lassen, wie es war, auch das Gute nicht. Wenn etwas funktionierte, machten sie es mit ihrer Änderungswut kaputt, bis es wieder Probleme gab, mit deren Lösung sie sich profilieren konnten. Sein berühmtes Mephisto-Zitat, pflegte Gerhard zu rufen, habe Goethe schlichtweg falsch herum formuliert. Das Teuflische des Menschen liege zweifellos in jener Kraft, die stets das Gute will und dann das Böse schafft. ...
Außer Gerhard schien niemand mehr zu glauben, dass Glück im gemeinsamen Kampf für eine gute Sache liege. Stattdessen suchten alle ihr Heil im Training von Körper und Geist. Gerhard fühlte sich umgeben von Athleten. Bildungsathleten, Berufsathleten, Liebesathleten, Lebensathleten. Im Kampf hatte man sich stets als Teil einer Gruppe gefühlt; das Training machte einsam.

Linda begriff, dass das Leben wichtige Entscheidungen ohne Rücksprache traf. Man wurde nicht gefragt. Die Freiheit des Menschen bestand in der Möglichkeit, sich zu widersetzen, um auf diese Weise wenigstens für das eigene Unglück verantwortlich zu sein.

Den meisten Menschen fiel es schwer zu akzeptieren, dass das Leben eine Mischung aus alltäglicher Langeweile und sinnlosen Tragödien war. Sie vermuteten hinter jedem Ereignis das planvolle Wirken einer übergeordneten Macht.

Inzwischen wusste Linda, wie stark Grundbesitz das gesamte Lebensgefühl veränderte. Eigentlich gehörte sie zu einer Generation, deren turnschuhtragenden und Sushi-essenden Vertretern schon der Besitz einer Hauskatze als unerträgliche Verantwortung erschien. "Haus bauen, Baum pflanzen, Kind zeugen" war kein Glücksrezept mehr, sondern eine Horrorvision. Die Ewigpubertierenden wollten sich alles offen halten und wunderten sich dann über Orientierungslosigkeit. Linda hingegen hatte eine Entscheidung getroffen. Ein Haus verwandelte das beängstigende Möglichkeitenlabyrinth der Zukunft in überschaubares Terrain. Ein Haus beantwortete die Frage nach dem "Wo" und damit auch Teile der Fragen nach "Was", "Wie" und "Warum". ... Inzwischen glaubte Linda, dass das menschliche Schicksal nicht an Gott, sondern am Grundbesitz hing. Transzendentale Obdachlosigkeit war keine Folge des Religionsverlusts, sondern der Inflation von Mietwohnungen.

Frederik war 16 Jahre alt gewesen, als er im Sommer 1999 zum ersten Mal zur Loveparade nach Berlin gefahren war. Er mochte Techno und verspürte den unbestimmten Drang, zum ersten Mal im Leben an etwas teilzunehmen, das größer war als der Grundriss seines Elternhauses. ... In der Masse von Hunderttausenden tanzender Menschen sah er sich selbst, ein Ich, das er lieben konnte, ganz anders als das grässliche Spiegelbild, vor dem er beim Zähneputzen im Bad die Augen senkte. ...
Es war nie darum gegangen, eine gewöhnliche Party zu feiern. Auf der Loveparade traf man sich zum Gottesdienst für einen neuen Zeitgeist. Sie waren Kinder der Neunziger Jahre, der optimistischsten Dekade des gesamten 20. Jahrhunderts. Sozialisiert in einer Zeit, in der Wiedervereinigung und das Ende des Kalten Kriegs plötzlich Hoffnung auf eine bessere globale Ordnung versprachen. ...
Die Loveparade hatte ihnen ein Gefühl für den Wert von Freiheit vermittelt, dazu jene lustvolle Dreistigkeit, die man brauchte, um auf die Zukunft zu vertrauen. Sie hatte bewiesen, dass Spaß und Ernst keinen Widerspruch darstellten, dass Verantwortung nicht aus Zwang, sondern aus Liebe entstand und dass man auch in T-Shirt und Turnschuhen viel Geld verdienen konnte. Vor diesem Hintergrund war Duisburg nicht nur das Grab von mindestens 19 Menschen, sondern das einer Epoche und eines Lebensgefühls.

Wenn ich in Unterleuten eins gelernt habe, dann dass jeder Mensch ein eigenes Universum bewohnt, in dem er von morgens bis abends recht hat.

Seit die Menschen nicht mehr an Gott glaubten, beschwerten sie sich ständig über das Wetter.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)