Der neue Roman von Yasmina Reza

Neulich hörte ich im Fernsehen einen gar nicht so alten Typen sagen, Gott leitet mich, jeden Tag frage ich ihn um Rat, gerade eben noch, bevor ich ins Studio kam. Gott rät einem viel heutzutage. Ich erinnere mich an eine Zeit, als ein derartiger Satz viel Heiterkeit ausgelöst hätte. Heute findet alle Welt so etwas normal, sogar in Sendungen mit intellektuellem Anspruch.

Wer kann schon behaupten, er wäre in Sicherheit? Alles ist ungewiss. Das ist eine Grundkonstante des Daseins.

Ihr Küchenfenster geht auf den leeren Himmel hinaus. Ich fragte mich, ob Lydie irgendwo da draußen schwebte (und uns durchs Fenster beobachtete). Manchmal beschleicht mich diese alte Angstvorstellung, die Toten könnten uns sehen. Die Schwester meines Vaters war nach ihrem Tod zurückgekommen und hatte den Kronleuchter im Wohnzimmer kaputtgemacht. Wir wussten, dass sie es war, denn sie hatten einander versprochen, dass derjenige, der als Erster starb, danach beim anderen etwas zerschlagen würde, um zu zeigen, dass er im Jenseits weiterlebte. Tante Micheline hatte zu dem Lüster aufgeblickt und gesagt, eins von den Schirmchen da würde ich mir gern mal vornehmen. Am Abend ihrer Beerdigung lag einer der Glasschirme in Scherben auf dem Tisch, ohne jeden Grund. Wahnsinn, das ist Tante Micheline! Aber wo ist sie jetzt, hatten Jeanne und ich gefragt. Sie sind da, sie sehen alles, sagte meine Mutter. In der Folgezeit verdarb mir Tante Micheline alle meine Heimlichkeiten. Wo auch immer ich mich versteckte, sie war da. Eine Schulfreundin und ich verkrochen uns im Gebüsch, um uns gegenseitig unsere Muschis zu zeigen und anzufassen. Meine Tante beobachtete uns entsetzt. Kein Gebüsch der Welt konnte mich vor Tante Micheline schützen. Ich glaube, mein Vater treibt sich auch noch irgendwo herum. Aber bei seinem Tod war ich erwachsen, da störte mich das nicht mehr. Er war in den letzten Jahren milder geworden, er hatte etwas Unvollendetes an sich. Kurz nach seinem Tod machte ich meinen Doktor in Biologie. Ich freute mich, dass er das sah. Ich hob sogar das Manuskript meiner Arbeit hoch, damit er es betrachten konnte.

Wenn Joseph Denner als Kind nach der Beichte aus der Kirche Saint-Joseph des Épinettes trat, sog er auf dem Vorplatz immer tief die Luft ein und dachte, ha, jetzt bin ich ein Heiliger. Und dann sofort, während er noch die Stufen hinabschritt, oh Scheiße, Todsünde Stolz. Wie man es auch sieht, die Tugend bleibt nicht intakt. Sie kann nur ohne unser Wissen existieren.

Um unser irdisches Dasein zu ertragen, umgeben wir uns mit mythischen Gegenständen.

Als er klein war, nahm sein Vater dann und wann nach dem Abendessen das Buch der Psalmen hervor und las eine Passage laut vor. Wegen des Lesebändchens ging das Buch immer an derselben Stelle auf. Sein Vater kam nie auf die Idee, es woanders einzulegen, und so las er immer dieselben Verse, die vom Exil handelten. An den Wassern zu Babylon saßen wir und weineten, wenn wir an Zion gedachten. Jean-Lino erinnerte sich gut an das Buch, die goldbraune Farbe, das zerfasernde Bändchen und vor allem den Stich auf der Titelseite: Menschen mit ermatteten Gesichtern, halbnackt, sie drängen sich übereinander am Rande eines lauen Gewässers, am Ast eines Baums hängt eine Harfe. Er hatte mir erzählt, dass er nie den Zusammenhang zwischen der Textstelle und der Illustration erkannt habe. Wenn sein Vater die Worte aussprach, hörte Jean-Lino das Grollen des Plurals, den Wassern, er sah dürre Äste, die unter dem Himmel der Niederlage peitschend aneinanderschlugen. Sich hinsetzen und weinen, das bedeutet für ihn, auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, allein zu sein und zu warten. Er hatte keine religiöse Bildung erfahren. [...] Jean-Lino begriff den Sinn der vom Vater gelesenen Verse kein bisschen (sein Vater ebenso wenig, meinte er), aber er hörte diese Sätze aus der Vergangenheit gern. So fühlte er sich sogar in der Cour Parmentier als Teil der Geschichte der Menschheit und verbunden mit den Herumgestoßenen, Vertriebenen.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)