Xatar und der Kölner Rapper-Krieg

Gangsta-Rap – eine Sparte der sehr vielseitigen Rap- und Hip-Hop-Musik – ist seit vielen Jahren für viele Kinder und Jugendliche ein wichtiger Teil ihrer Lebenswelt, weit über die islamisch-migrantischen Milieus hinaus, in denen der Gangsta-Rap in Deutschland zumeist entsteht. Ein Video von Bushido (alias Anis Mohamed Ferchichi) erhielt in nur sieben Stunden über eine Million Klicks und hat heute allein auf YouTube über 37 Millionen Aufrufe. Ob die Herausforderung des Gangsta-Raps in der Religionspädagogik schon angekommen ist, kann bezweifelt werden. Immer noch wird der Ratschlag erteilt, im Religionsunterricht nicht "die neuesten Hits aus den Charts" zu thematisieren, dies vermittele den SchülerInnen "das Gefühl, ihre Lehrerin / ihr Lehrer wolle sich bei ihnen anbiedern." Stattdessen werden für den Religionsunterricht Lieder von John Lennon und Eric Clapton empfohlen (vgl. Praxis RU Sekundar Heft 4/2014, S. 5).
Auf Platz 1 der deutschen Album-Charts steht momentan ein Album eines Duos zweier Gangsta-Rapper namens "Haftbefehl" (alias Aykut Anhan) und "Xatar" (alias Giwar Hajabi). Dass nach einem Erstplatzierten der deutschen Charts gerade europaweit von der Polizei gefahndet wurde, ist ein absolutes Novum in der Geschichte der Popmusik. Xatar und der Kölner Rapper-Krieg sind gerade das Thema für Menschen unter 20. Werfen wir aus diesem Anlass einen Blick in die im letzten Jahr und nach seiner Haftentlassung erschienenen Memoiren von Xatar mit dem Titel "Alles oder Nix".

Und dann habe ich angefangen, mich mit Religion zu beschäftigen. Ich habe die Thora gelesen, die Bibel und den Koran. Und plötzlich habe ich Zusammenhänge gesehen und verstanden. Und das hat angefangen, alles zu verändern.
Ich habe verstanden, dass diese drei Bücher eine Trilogie bilden. In der Thora oder im Alten Testament geht es immer wieder darum, dass Gott die Menschen ermahnt, nicht vom Glauben abzufallen. Doch sie bauten hier einen Turm zu Babel, lebten dort in Sodom und Gomorrha und machten ihr eigenes Ding. Darum schickte Gott immer wieder Propheten, die sie auf den richtigen Weg führen sollten. Im Neuen Testament geht es genauso weiter. Mit Jesus, der nichts anderes tut, als andere Propheten vor ihm. Er erinnerte die Menschen daran, dass es nur einen Gott gäbe.
Irgendwann fingen die Christen an, Jesus selbst als Gott zu verehren. Und dann kam der Koran. Wieder ein neuer Prophet wurde geschickt, der den Menschen wieder in Erinnerung brachte, sie sollen nicht vom Glauben abfallen.
Alles hing miteinander zusammen. [...]
Als ich die drei Bücher gelesen habe, erkannte ich auch, wie liberal der Koran eigentlich ist. Im Koran wurden Frauen Rechte zugestanden. Sie wurden bei der Erbverteilung berücksichtigt. Sie durften sich plötzlich scheiden lassen. Damals war das eine Revolution. Aus heutiger Sicht mögen diese Rechte hinter der gesellschaftlichen Gleichstellung liegen. Aber der Koran hat diese Gleichstellung erst möglich gemacht. Genauso wie es in der Bibel hieß, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Einern Dieb wurde die Hand abgehakt. Das mag aus heutiger Sicht furchtbar sein, aber für die damalige Zeit war das eine Revolution des Strafrechts. Davor hat man geklaut und man wurde dafür getötet. Plötzlich gab es so etwas wie Verhältnismäßigkeit. [...]
Und ich erkannte auch, dass die Bibel im Kern viel dogmatischer ist als der Koran. Du hast zwar im Islam viele Gebote, aber das sind keine Gesetze. Immer und immer wieder heißt es: Wenn du an Gott glaubst und Gutes tust, hast du deinen Lohn beim Herren sicher. Dieses "aber" wird heute in jeder Diskussion vergessen. Ja, es ist schlimm, gegen die Gebote Gottes zu verstoßen, aber wenn du ein guter und selbstloser Mensch bist, wird dir verziehen. Da liegt der Fokus. Auf dem Guten. Geh raus, tu Gutes und glaub an Gott. Nicht: Geh raus und töte Menschen im Namen des Islam. Selbst die Steuern sind im Islam für die Armen gedacht.
Ich war so begeistert, dass ich anfing, mir Suren aufzuschreiben, um sie als Argumente in die Diskussion mit anderen Muslimen einbringen zu können. [...]
Ich bekam einen neuen Blick auf die Religion. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich jemand, der an die Wissenschaft glaubte. Ich habe versucht, mit der Wissenschaft Gott zu widerlegen. Erst jetzt erkannte ich, das Gott uns die Wissenschaft erst gebracht hat. Die Religion stand in keinem Konflikt zu ihr. Nachdem ich diese Zusammenhänge begriffen hatte, machte der Islam für mich Sinn. Er machte mehr Sinn als jede einzelne Naturwissenschaft, die am Ende des Tages für sich alleine genommen doch keine Antworten auf die entscheidenden Fragen im Leben kannte. [...]
Und plötzlich hatte sich alles verändert. Der Glaube hatte mir so viel Power gegeben. Alles, was ich seitdem tue, tue ich im Namen von Gott. Bismillah. Auch die schlechten Dinge, für die ich ihn dann um Verzeihung bitte. Ich bin noch immer kein Mensch, der alles immer richtig macht. Aber es ist mein Ziel, irgendwann ein Mensch zu werden, der alles richtig macht. Seitdem ich zu Gott gefunden habe, gelingt mir alles, was ich anfasse. Und das ist ganz wörtlich zu nehmen. Früher sind mir Dinge runtergefallen. Ich bin von Problem zu Problem gewandert. Heute funktioniert alles, was ich mir vornehme. Und ich bin mit mir im Reinen.

Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)