Aus der Reihe "Vergessene Philosophen"

Zum 100. Geburtstag von Wolfgang Ritzel

Am 19. August vor 100 Jahren wurde in einer protestantischen Familie in Jena Wolfgang Ritzel geboren. Als er ein Jahr alt war, fiel sein Onkel, ein promovierter Philosoph, an der Ostfront. Als er zwei Jahre alt war, fiel sein Vater, ein promovierter Chemiker (Schüler des Nobelpreisträgers Wilhelm Ostwald), an der Westfront. Nach dem Abitur am Reuchlingymnasium in Pforzheim studierte Ritzel von 1933 bis 1939 in Breslau, Freiburg (u.a. bei Martin Heidegger, siehe die Heidegger-Gesamtausgabe Bd. 85) und Jena Germanistik, Philosophie und Pädagogik. 1937 wurde er bei Bruno Bauch in Jena promoviert. Im Alter von 26 Jahren wurde er zum Kriegsdienst eingezogen. 1940 kam sein Sohn Ulrich Ritzel zur Welt, der bei seiner ersten Frau aufwuchs. 1944 heiratete er zum zweiten Mal. Im Alter von 35 Jahren kehrte er aus jugoslawischer Gefangenschaft heim und war zunächst zwei Jahre arbeitslos. 1951 erhielt er eine Stelle an der Hochschule für Sozialwissenschaften in Wilhelmshaven. 1955 habilitierte er sich an der TH Braunschweig mit einer Untersuchung über "Fichtes Religionsphilosophie". Ab 1960 lehrte er als ordentlicher Professor an der Universität Mannheim (wo er die Habilitationsschrift von Herwig Blankertz, dem Lehrer von Hilbert Meyer und Dieter Lenzen, betreute) und ab 1963 als Professor für Philosophie und Pädagogik an der Universität Bonn, bevor er dort 1981 emeritiert wurde. Er starb am 21. Juni 2001. "Seine Pädagogik entwickelte Ritzel als die praktische Wissenschaft vom Auslösen der menschlichen Freiheit", hielt der Nachruf der Universität Bonn fest. "Auslösen der menschlichen Freiheit" verstand Ritzel "ganz im Sinn von Kants Freiheits- und Autonomielehre" (Pädagogik in Selbstdarstellungen Bd. II S. 295). Die auf Kants Ethik gegründete Erziehungslehre bedürfe jedoch einer Korrektur: "Der Mitmensch erscheint nach Kant als gleichsam eigenschaftsloses Exemplar der Menschheit, nicht aber als Nächster, dessen Wohl und Wehe mich in eigentümlicher Weise angeht. ... Ist es mir ernst mit dem Andern, so nehme ich nicht allein den Nächsten in ihm wahr, sondern zugleich begegne ich ihm als sein Nächster." Ziel der Erziehung sei es daher, den jungen Menschen dazu zu erziehen, "seinem Nächsten wirklich als Nächster zu begegnen" (Ebd. S. 303f.).
Obwohl er ein Dutzend Monographien (darunter eine 736 Seiten umfassende Kant-Biographie) vorlegte, ist Wolfgang Ritzel heute vergessen. Er ist so vergessen, dass es noch nicht mal einen Wikipedia-Artikel über ihn gibt. Veröffentlicht hat er u.a.

Die Wandlungen in der Auffasssung der Kritik der reinen Vernunft vom Neukantianismus bis zur modernen Wertphilosophie. Jena 1937.

[Unter Pseudonym wurde eine in jugoslawischer Kriegsgefangenschaft geschriebene Weihnachtserzählung veröffentlicht. Wer das Pseudonym herausfindet, bekommt ein Weihnachtsgeschenk]. Freiburg 1947.

Rezension: Ernst von Bracken, Meister Eckhart und Fichte. Würzburg 1943, in: Zeitschrift für philosophische Forschungen 5 (1950/51) 299-306.

Erziehung und Bildung bei Friedrich Schiller. Wilhelmshaven 1951.

Rezension: Helmut Kuhn, Begegnung mit dem Nichts. Ein Versuch über die Existenzphilosophie. Tübingen 1950, in: Zeitschrift für philosophische Forschungen 6 (1951/52) 300-303.

Studien zum Wandel der Kantauffassung. Die Kritik der reinen Vernunft nach Alois Riehl, Hermann Cohen, Max Wundt und Bruno Bauch. Meisenheim am Glan 1952, 2. Aufl. 1968.

Fichtes Religionsphilosophie (Forschungen zur Kirchen- und Geistesgeschichte N.F. Bd. 5). Stuttgart 1956.

Zur Phänomenologie der Beredsamkeit, in: Publizistik 2 (1957) 209ff.

Rousseaus Selbstverständnis in den "Confessions". Wilhelmshaven 1958.

Kant und die Pädagogik, in: Pädagogische Rundschau 18 (1964) 153-167.

Jean-Jacques Rousseau. Stuttgart 1959, 2., erw. u. überarb. Aufl. 1971.

Die Pädagogik und ihre Disziplinen. Stuttgart 1961.

Die Philosophie am Gymnasium, in: Die Philosophie im Rahmen der Bildungsaufgabe des Gymnasiums. Heidelberg 1964. 41ff.

Versuch einer bildungstheoretischen Rechtfertigung des Religionsunterrichts, in: Pädagogische Rundschau, 1. Beiheft. Ratingen 1965.

(Hrsg.), Rationalität, Phänomenalität, Individualität. Festgabe für Hermann und Marie Glockner. Bonn 1966.

Gotthold Ephraim Lessing. Stuttgart 1966.

Die Vielheit der pädagogischen Theorien und die Einheit der Pädagogik. Wuppertal 1968.

Zur Historischen Pädagogik. Methodenfragen. Bochum 1969.

Die Vernunftkritik als Ontologie, in: Kant-Studien 75 (1970) 381-393.

Hermeneutische Verfahren in der Erziehungswissenschaft, in: Handbuch pädagogischer Grundbegriffe Bd. II. München 1970. 163ff.

Wie ist eine Kant-Biographie überhaupt möglich?, in: Kant-Studien (1971).

Pädagogik als praktische Wissenschaft. Von der Intentionalität zur Mündigkeit. Heidelberg 1973.

Immanuel Kant. Zur Person. Bonn 1975.

Kanz und das Problem der Individualität, in: Kant-Studien Sonderheft. Berlin 1971.

Zur Theorie praktischer Wissenschaft, in: Die Aktualität der Transzendentalphilosophie. Festschrift für H. Wagner. Bonn 1977. 120-135.

Rezension: Christian Jacquet, La pensée religieuse de Jean-Jacques Rousseau. Louvain 1975. In: Archiv für Geschichte der Philosophie 1977. 74-79.

Philosophie und Paedagogik im 20. Jahrhundert. Darmstadt 1980.

Die Transzendentale Deduktion der Kategorien 1781 und 1787, in: Beiträge zur Kritik der reinen Vernunft. Berlin/New York 1981.

Immanuel Kant. Eine Biographie. Berlin/New York 1985.

Artikel Neukantianismus, in: TRE Bd. 17. Berlin/New York 1988. 581-592.

Versuch einer Verständigung zwischen Kants praktischer Philosophie und dem 1. Brief des Paulus an die Korinther, C. 13, in: G. Funke (Hrsg.), Akten des VII. Internationalen Kant-Kongresses Kurfürstliches Schloß zu Mainz 1990, Bd. II,2. Bonn 1991. 273-282.

Kant über den Witz und Kants Witz, in: Kant-Studien 82 (1991) 102-109.

Johann Peter Hebel. Briefschreiber, Proteuser, Naturforscher, Poet, Hausfreund, Mann der Kirche. Waldkirch 1991.

Rousseaus Glaubensbekenntnisse, in: Kanzel und Katheder. Zum Verhältnis von Religion und Pädagogik seit der Aufklärung. Paderborn 1994. 13-41.

Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)