Über dieses Buch:
Zwischen diesen Buchdeckeln wächst zusammen, was eigentlich nicht zusammengehört: Fußball und Theologie. Oder vielleicht doch?
Die Autoren des Buches, allesamt Theologieprofessoren und zugleich Fußballfans, stellen erstaunliche Verbindungen her. Wer hätte gedacht, dass die Spielweise von Johan Cruyff oder Michael Ballack etwas mit Spiritualität zu tun hat? Dass Augustinus uns hilft zu verstehen, weshalb man gerne Fan eines Vereins ist, der öfter verliert als gewinnt? Dass man mit Kant und Fichte im Kopf (und einer gelb-schwarzen Mütze darauf) über das Geschehen im Stadionrund philosophieren kann?
Und wer hätte geglaubt, dass die Kirche etwas vom Fußball lernen kann? Und die Schiedsrichter etwas von der Moraltheologie? Und die Bildzeitung von der Bibel? Und wer käme auf die Idee, dass das Vergeben einer Torchance einiges zu denken gibt über Schuld und Versöhnung, Gnade oder Leistung? Dass die Regeln im Fußball dem christlichen Menschenbild entsprechen? Dass Fußball überhaupt ein Modell unserer menschlichen Existenz ist mit ihren Höhen und Tiefen, ihrer Unberechenbarkeit und ihrem unausweichlichen Ende?
Ein Buch zum Nachdenken - über Fußball, das Leben und die Theologie.

Über den Herausgeber:
Andreas Merkt, Jahrgang 1967, beschäftigt sich beruflich mit der Theologie und Geschichte des frühen Christentums. Seit 1975 aktiver Fußballer und seit 2001 Professor für Historische Theologie in Regensburg. Dass er mit hilfe von Aristoteles über die Schwierigkeiten eines Bayern-Fans reflektiert, erwachsen zu werden, kann als biographischer Hinweis verstanden werden. Seine "Mitspieler" in diesem Buch werden in der Einleitung vorgestellt.

"Fußball ist auch, was er nicht ist."
Giovanni Arpino

"Fußball ist Ding, Dang, Dong. Es gibt nicht nur Ding."
Giovanni Trappatoni

"Fußballer."
Jean-Paul Sartre (auf die Frage, was er statt Philosoph gerne geworden wäre)

Einleitung

Fußball ist wie eine Frikadelle: Man weiß nie, was drin ist.
Martin Driller

Auch bei einem Buch weiß man vorher nie, was drin ist. Das gilt um so mehr von einem Buch, in dem zwei Welten miteinander verwurstelt sind, die auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun haben: Theologie und Fußball. Darum vorab ein paar erklärende Zeilen dazu, weshalb und wie diese Frikadelle produziert wurde und was ihre Zutaten sind.

Warum ein Buch über Fußball?
Weil Martin Walser in letzter Zeit immer häufiger zum Widerspruch reizt, und der hat gesagt: "Es gibt nur eines, was noch sinnloser ist als Fußballspielen: Nachdenken über Fußball." Das Buch beweist das Gegenteil. Hoffentlich.

Warum Professoren?
Weil auch Lothar Matthäus eigentlich immer zum Widerspruch reizt. Und der hat einmal gesagt: "Ich sage: Man darf seine Wurzeln nicht verlieren. Ich glaube, wenn man den Fußball zur Professoren-Arbeit macht, verliert man diese Wurzeln." Nein, eben nicht. Wir glauben: Wenn man Fußball zur Professorenarbeit macht, dann findet man sie, die Wurzeln. Dann finden wir heraus, warum der Fußball uns so lieb und teuer ist, warum unser ganzes Herz daran hängt, warum er Menschen unterschiedlichster Herkunft vereint und vieles mehr …

Aber warum gerade Theologieprofessoren?
Weil deren Geschäft eben das Nachdenken über Kult und Religion ist. Und Fußball ist eben Kult. Also ein Thema für den Theologen. Und weil es sie eben gibt, die Theologieprofessoren, die auch Fußballfans sind, die in Stadien pilgern, die mit ihrem Verein jedes Wochenende mitfiebern, die sogar selbst in einer Thekenmannschaft oder bei den Alten Herren mitkicken, die ihre Termine am Spielplan von Fußballweltmeisterschaften ausrichten. Und da nun Akademiker gern über das reflektieren, was sie tun, denkt halt auch der Theologieprofessor nach über das, was er da tut, als aktiver oder als passiver Fußballer.

Die Idee zu diesem Buch
Sigmund Freud würde sagen: Das bewusste Ich des Herausgebers mag behaupten, was es will, in seinem Unterbewusstsein ist die Idee zu diesem Buch schon 1975 entstanden, als dem siebenjährigen F-Jugendspieler Andreas M. seine pietistische Großmutter ein Büchlein mit dem Titel geschenkt hat: "Warum Fußballspielen eine Sünde ist". Dreizehn Jahre später hat er angefangen, Theologie zu studieren (und zwar katholische, was für diese Großmutter noch sündhafter war als das Fußballspielen). Inzwischen lehrt er seit sieben Jahren selbst Theologie, und in all der Zeit hat ihn nichts von der Überzeugung abbringen können, die schon der Siebenjährige seiner Großmutter entgegenhielt: Fußballspielen ist keine Sünde! Eigentlich jedoch – so sagt nun das bewusste Ich des Herausgebers – ist die Idee zu diesem Buch in verschiedenen Situationen langsam gereift: beim allwöchentlichen Theologenfußball, bei Mittagsgesprächen in der Regensburger Uni-Mensa, die immer wieder um Fußball kreisten, beim anschließenden Kräftemessen am Kicker im Mensa-Souterrain. Theologen interessieren sich für Fußball. Warum sollten sie also nicht die Welt des Fußballs auch mit den Methoden und Denkweisen ihrer Wissenschaft deuten können, zumal Fußball und Religion erstaunliche Parallelen aufweisen?

Wir alle leben auf der Erde, aber eben auf verschiedenen Spielhälften."
Klaus Augenthaler

Im Laufe der Zeit hat sich ein buntes Team gebildet. Die meisten "Spieler" haben irgendwie mit Regensburg zu tun. Entweder lehren sie dort oder sie haben sich dort habilitiert, bevor sie Lehrstühle in der Schweiz oder den Niederlanden übernommen haben. Einer dieser Regensburger Legionäre, Tobias Nicklas, hat sich in den Niederlanden als Scout betätigt und dort auch noch zwei Nijmegener Kollegen für das Team angeworben. Alle zusammen repräsentieren das ganze Spektrum theologischer Fächer und fußballerischer Fangemeinden.
Was die Autoren dieses Buches verbindet, ist nämlich zugleich das, was sie trennt: der Fußball und die Theologie. Sie alle lieben den Fußball, aber sie hängen unterschiedlichen Vereinen an. Und sie alle lehren Theologie, aber vertreten unterschiedliche Fächer.

Vom Alten Testament bis zur Religionspädagogik und von Ajax Amsterdam bis zum 1. FC Nürnberg
Jürgen Werlitz lehrt, wenn er nicht gerade selbst Fußball spielt, Altes Testament in Augsburg. Er hat ein Buch über Zahlensymbolik geschrieben und erklärt uns hier, was Zahlen über den Fußball verraten.
Tobias Nicklas ist Professor für Neues Testament in Nijmegen, und da bei jeder guten Elf Schlüsselpositionen doppelt besetzt sind, hat er sich mit seinem alten Freund und Kollegen Thomas Kraus zusammengetan, der antike Papyri ebenso gut zu entziffern wie modernen Fußball zu lesen versteht. Gemeinsam erklären sie uns die Mechanismen, nach denen Menschen zu Göttern erklärt werden, dann aber auch schnell wieder auf ein menschliches Maß gestutzt werden. Ihre leidvolle Anhänglichkeit an den TSV 1860 München verbindet die beiden mit Bernhard Laux, der sich von seinem Lieblingsverein allerdings schon zu Zeiten von Max Merkel und jetzt nach dem Schmiergeld-Skandal um Wildmoser Junior noch weiter distanziert hat (was ihn freilich nicht heimatlos macht, fühlt er sich doch bei allen Bayern-Gegnern zuhause). Als Professor für Theologische Anthropologie und Wertorientierung befasst er sich vorwiegend mit Medienethik und Familienleben und erklärt uns entsprechend, was bei der "Übertragung" des Fußballes aus dem Stadion ins familiäre Wohnzimmer alles geschieht.
Einen gewissen Hang zum Masochismus muss man wohl auch Herbert Schlögel bescheinigen. Nicht genug, dass er Fan gleich zweier Vereine ist, die ihre Anhänger arg in Mitleidenschaft ziehen (1. FC Nürnberg und 1. FC Köln!). Als Professor für Moraltheologie befasst er sich obendrein mit so heiklen Themen wie Stammzellenforschung und Sterbehilfe sowie, in diesem Buch, mit der nicht minder heiklen Rolle des Schiedsrichters im Fußball.
Vereinsmäßig eher ungebunden ist Peter Scheuchenpflug, der Pastoraltheologie in Regensburg und Passau lehrt. Er ist also zu einem ebenso objektiven wie fachkundigen Blick auf die Fangemeinden befähigt (wenn dieser nicht gerade getrübt wird durch Erinnerungen an die eigene hobbyfußballerische Vergangenheit).
Ulrich Kropac, Professor für Religionspädagogik in Chur, kickt gelegentlich mit seinem Sohn und reflektiert hier über Gewinnen und Verlieren im Fußball und im richtigen Leben. Kees Waaijman, Professor für Spiritualität und Direktor des Titus-Brandsma-Instituts in Nijmegen, erklärt in seinem Beitrag, weshalb er spirituelle Erfahrungen nicht nur in seinem Karmeliterorden, sondern auch im Stadion von Ajax Amsterdam macht.
Auch sein Kollege Georg Essen, Professor für Dogmatik, erläutert nicht mit Andy Möller oder Jens Lehmann, wohl aber mit Hilfe von Kant und Fichte, weshalb durchaus so etwas wie Fußballglaube existiert. Dabei gibt er auch sein eigenes fußballerisches Bekenntnis preis.
Wer allerdings wie Erwin Dirscherl, ebenfalls Professor für Dogmatik, Fan des FC Bayern ist, hat einen solchen Glauben eigentlich weniger nötig. Sein Beitrag über die Chance führt uns vor Augen, dass wir, wenn wir ein wenig über Fußball nachdenken, nicht an existentiellen Fragen vorbeikommen.
Auch eine Frau ist dabei, Sabine Demel, eine Professorin für Kirchenrecht, die gelegentlich selbst die Fußballstiefel schnürt. Wer ihren Beitrag liest, erfährt daraus nicht nur, dass ihr Herz dem fränkischen TSV Kleinrinderfeld gehört, sondern auch, weshalb Regeln Spannung und Leben ins Spiel bringen.
Die Mannschaft hat Andreas Merkt zusammengestellt. Als Träger eines rot-weißen Schals ist er allen Bayern-Gegnern unter den Autoren für die nicht selbstverständliche Toleranz dankbar, mit der sie an diesem Buch mitgearbeitet haben. Seiner Großmutter (posthum) und allen, die es lesen wollen, liefert er den historischen Beweis, dass Fußball eben doch keine Sünde ist. Alle Autoren, ob Frau oder Männer, Priester oder Laien, haben sich bei ihren Einwürfen an der Fifa-Regel Nr. 15 orientiert.

"Auf Einwurf wird entschieden, wenn der Ball vollständig die Seitenlinie überschritten hat." Einwürfe gibt es also nur, weil es die Auslinie gibt. Das Feld ist begrenzt. Der Fußball ist nicht alles. Einwürfe zeigen Grenzen auf.

"Der Einwurf ist eine Spielfortsetzung." Einwürfe haben also den Zweck, den Ball wieder ins Spiel zu bringen. Auch unsere Einwürfe wollen, dass das Spiel weitergeht.

"Im Augenblick des Einwurfs muss der einwerfende Spieler beide Hände gebrauchen." Einwürfe sind Handarbeit. Hier ist dem Spieler nicht nur erlaubt, was er sonst nicht darf. Er muss es sogar tun. Auch die Autoren dieses Buches tun hier vieles, was sie sonst nicht dürfen. Vor allem verzichten sie auf das, was Professoren eigentlich am liebsten machen: Fußnoten schreiben. Fußball also statt Fußnoten.

"Im Augenblick des Einwurfes muss der einwerfende Spieler mit einem Teil eines jeden Fußes auf dem Boden stehen." Auch die Autoren dieses Buches haben versucht, mit beiden Beinen am Boden zu bleiben. Versucht! Der eine oder andere falsche Einwurf ist also nicht auszuschließen.

"Wird ein Spieler neu eingewechselt, so muss dieser zuerst das Spielfeld betreten, erst dann darf er einen Einwurf ausführen." (Ergänzende Anweisung des DFB) Einwerfen darf also nur, wer vorher schon am Spiel teilgenommen hat. Auch die Autoren haben alle vorher am Spiel teilgenommen, als Spieler (zumindest am Kicker) oder als Fan. Für das Buch mussten sie sich allerdings ein wenig vom Spiel distanzieren, denn:

"Im Augenblick des Einwurfes muss der einwerfende Spieler a) entweder auf der Seitenlinie oder auf dem Boden außerhalb des Spielfeldes stehen, und b) das Gesicht dem Spielfeld zuwenden." Einwürfe setzen also voraus, dass man das Spielfeld verlässt, seine Grenzen überschreitet und dann das Feld von außen betrachtet. Wer einwerfen will, muss vorher oft mühsam den Ball außerhalb des Spielfeldes suchen, um ihn wieder ins Spiel zu bringen. Manchmal helfen dabei auch Balljungen. Auch den Autoren dieses Buches standen hier und da Balljungen (und auch -mädchen!) zur Seite. Sie können hier leider nicht alle mit Namen aufgezählt werden. Ihnen allen ein herzliches Dankeschön!


Kiepenheuer & Witsch