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Zum Tod von Wilhelm Genazino

Der letzte Roman von Wilhelm Genazino (2018)

Ich kam an einer öden Straßenbahn-Haltestelle vorbei und empfand Lust, mir einen neuen, attraktiven Namen für sie auszudenken. Ich brauchte nicht lange, dann fiel mir als neuer Name "Ewiger Mangel" ein. Wie schön wäre es, wenn der Straßenbahn-Führer die Haltestelle Ewiger Mangel ausrufen würde. Ich wollte mir die Namen weiterer schöner Haltestellen ausdenken, aber es fielen mir keine mehr ein. Stattdessen blickte ich den Leuten in die Gesichter und überlegte, ob sie an ewigem Mangel litten oder nicht. Nach meiner Einschätzung litten sie so heftig und regelmäßig, dass der Mangel überhaupt nicht mehr aus ihren Gesichtern wich.

Ich war weder musikalisch noch religiös, aber jetzt fiel mir der Beginn einer Kantate von Bach ein: Wo soll ich fliehen hin? Die Frage war eine präzise Beschreibung meiner Lage: Ich wusste nicht wohin.

Was sollte ich denn von einem Leben halten, das sich nicht in die Karten schauen ließ, obwohl ich die Karten selbst in der Hand hielt und sie fast unablässig anschaute, umdrehte und mischte.

Ich fragte mich, warum mein Name nicht in der Zeitung stand und im Radio nicht auftauchte. Als hätte ich nicht gewusst, was jeder wusste: Man wird nicht irgendwann vergessen, sondern man ist immer schon im voraus vergessen.

Frühmorgens, unrasiert, das Haar nicht gewaschen, die Zähne nicht geputzt, stand ich vor dem Spiegel im Bad. Ich erinnerte mich an meinen Konfirmandenunterricht und dachte: Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über mir. Es geschah nichts. Ich musste mir die Haare waschen, ich musste mich rasieren, ich musste mir die Zähne putzen und frische Unterwäsche anziehen. Als ich fertig war, murmelte ich vor mich hin: Jetzt werde ich dem Herrn gefallen. Der Herr war noch immer nicht da.

Du bist geschmacklos, sagte Frederike. Nicht ich bin geschmacklos, antwortete ich, geschmacklos ist das Leben selbst. Frederike lachte. Es gibt kein Gebiet des Lebens, sagte ich, in dem die Geschmacklosigkeit nicht den Ton angibt.

Ich schätzte das Wort Krampfader schon lange: der Krampf des Lebens ließ seine eigene Anschaulichkeit zurück.

Ich fragte mich, warum so viele Menschen Angst vor einer befleckten Seele haben. Wovon könnte eine Seele befleckt werden? Was hieß überhaupt "befleckt"? Aus dem Konfirmandenunterricht wusste ich noch, dass mit Befleckung ein vorzeitiger Geschlechtsverkehr gemeint war, was zur Folge hatte, dass einige der viel zu jungen Konfirmandinnen fragten, was denn ein Geschlechtsverkehr sei.

Die Wirklichkeit hatte eine stark abstoßende Tendenz: Sie ermüdete die Menschen zu schnell. Ich fing an, mit der Straße zu reden, auf der ich unterwegs war. Mit dir geschieht nichts, sagte ich zu der Straße, du bist aus Gleichmut gemacht, deswegen bist du bei mir so beliebt. Dann fiel mir nichts mehr ein, was ich zu einer Straße noch hätte sagen können.

Während des Geschirrabtrocknens sang eine Frau im Radio: O Herr, schütze mich, lass mich nimmermehr zuschanden werden. Ich war nicht religiös, aber ich wollte auch gerne mal einen Herrn bitten, nicht zuschanden zu werden.

Verblüfft erkannte ich, dass ich kaum noch sinnvolle Wünsche hatte, außer einem: Ich wollte erlöst werden.

Der 20. Roman von Wilhelm Genazino (2016)

Seit etwa vierzehn Tagen litt ich wieder an einem Drang, von dem ich nicht wusste, ob er mich irgendwann ins Unglück stürzen würde: Ich wollte endlich ein bedeutsames Leben führen. Ich ahnte, dass die menschliche Bedeutsamkeit in zahllosen Einzelheiten des wirklichen Lebens aufbewahrt war und dass es an den Menschen lag, diese Bedeutsamkeit in ihr Leben einzubauen; aber wie? Zuweilen hatte ich den Eindruck, das Verlangen nach Bedeutsamkeit sei ein verhülltes Heimweh. Es war möglich, dass heute ein solcher Heimwehtag war.

Ein zusammenhängendes bedeutsames Leben gelang mir nicht. Früher oder später brachen belanglose Details in mein Leben ein, dann stand ich plötzlich wieder neben mir und schaute auf die rätselvollen Splitter einer sich nicht zusammenfügenden Existenz.

Für Menschen wie mich, die das Leben als bedeutsam empfinden wollten, gab es nicht viele Orte, wo sich diese Bedeutsamkeit ohne störende Nebengeräusche einlöste. Früher war ich öfter ins Museum gegangen, aber dort stieß ich mich an diesem den Leuten ins Gesicht geschriebenen Verlangen nach einem Kunsterlebnis, das sie sich als außeralltäglich zurechtmodelten. Aber im Vorraum sahen sie (und ich) den Andrang der Massen, mit denen sie (und ich) nichts zu tun haben wollten, weil das Museum inzwischen einem Kaufhaus ähnelte.

In der Zeitung las ich, dass ein wesentliches Moment des Alterns der Gedächtnisverlust ist. Danach hatte ich kaum noch ein schlechtes Gewissen, weil ich begonnen hatte, weite Teile meines früheren Lebens mehr und mehr zu vergessen. Dann fürchtete ich mich vor der Rückkehr meines früheren unmoralischen Lebens. Erst nach diesen Umwegen verstand ich, dass es moralische Versöhnung mit sich selbst nicht gibt und dass wir alle als unverstandene Greise enden.

Nach dem Besuch des Friedhofs fürchtete ich, im Nu einer der Alten zu werden, die selber, obwohl sie noch lebten, sich schon halb im Jenseits aufhielten und nicht mehr zurückfanden ins unbelastete Leben. Die Melancholie war sowieso da und brauchte keinen Friedhof. Wir, die Lebenden und vorerst Übriggebliebenen, traten an die Gräber und übernahmen jenen Teil der Trauer, der schon immer zu uns passte. Warum hatte ich so oft das Gefühl, dass jeder Mensch einem Leiden hingegeben ist, über das keiner sprechen will? Und dass wir entlang dieser Verheimlichung schlecht und recht existierten? Wenn ich durch Trauer erschöpft war, beschäftigte ich mich oft mit dem Problem, was geschehen sollte, wenn der eigene Schmerz durch Dauerbeatmung eines Tages langweilig würde? Kein Mensch konnte den Schmerz einfach aufgeben (das wäre Verrat), aber niemand konnte ihn immerzu erhalten wollen. Es gab mal wieder keinen Ausweg.

Ich verstand nach einiger Zeit, dass die "Hinterbliebenen" von Toten häufig mit Rückzug reagieren; natürlich nicht, weil ihnen nach Abkapselung ist, sondern weil sie ohne Gegenwehr und fassungslos miterleben müssen, dass die verquatschte Fernsehgesellschaft vergessen hatte, dass wir das Private nicht ohne weiteres vergesellschaften können.

Bald glaubte ich, dass alles, was geschieht, sofort Vergangenheit wurde, worin ich eine verblüffende Leere erkannte. Aber wann lebten wir dann wirklich, wann traten wir ein in unsere tatsächliche Gegenwart, die nicht sofort vermoderte?

Ich trug eine bessere Welt stets mit mir herum; für den Fall, dass es eine bessere Welt einmal geben sollte, war ich vorbereitet.

Ich kam auf den Gedanken, dass man sich für das sogenannte normale Leben niemals eine Ethik zurechtlegen sollte.

Rätselhaft war nicht, warum es Selbstmörder gab. Rätselhaft war, warum so viele Menschen ihre schwierigen Existenzen aushielten, ohne Selbstmörder zu werden.

Gegenüber der verbreiteten Vorstellung, dass unsere Welt verständlich sei, fühlte ich in mir einen harten Kern, der auf Unverstandensein beharrte. Ich kam mir verstoßen vor wie ein kleines Tier, das sich in einer Ecke versteckt und darauf wartet, dass alle fixen Versteher endlich und für immer den Mund halten.

Im Bett spielten wir Maria und das Jesuskind. Ich war das Jesuskind und Carola war die mich sogar nachts erwartungsfroh stimmende Maria. Carola entblößte eine Brust und hielt mich im Arm. Mit meinen großen Fingern fasste ich nach Marias Brustwarze, genau so, wie wir es auf vielen mittelalterlichen Bildern gesehen hatten. Carola betrachtete mich gerührt wie eine echte Maria. Durch dieses Erlebnis kam ich mir plötzlich wieder bedeutsam vor.

Der 19. Roman von Wilhelm Genazino (2014)

Der 18. Roman von Wilhelm Genazino (2011)

Durch das Eingeständnis meiner Sperrigkeit blickte ich wieder kurz auf das Innere meiner Einsamkeit. Es ärgerte mich, dass ich meine Innenwelt die Einsamkeit nannte. Ich wusste längst, dass jeder Mensch einsam war und dass es deswegen sinnlos war, von der allgemeinen Einsamkeit zu reden. Genauso töricht wäre es gewesen, von Zeit zu Zeit darauf hinzuweisen, dass alle Menschen immer mal wieder pinkeln mussten und sich abends schlafen legten.

Der 17. Roman von Wilhelm Genazino (2009)

   

Der 16. Roman von Wilhelm Genazino (2007)

Der 15. Roman von Wilhelm Genazino (2005)

Ich spüre derart stark die universale Unerlöstheit der Menschen, dass ich Lust verspüre, aufzustehen und den paar Leuten und Kindern ringsum mein Bedauern auszusprechen. Besonders den schon Erlahmten und Erschöpften unter ihnen möchte ich kameradschaftlich die Hand drücken. Ich kenne mich im Leben der Erschöpften sehr gut aus, weil ich mich für die Erschöpfung als Form schon seit langer Zeit interessiere. Unsere Verhältnisse produzieren unablässig Erschöpfung, ausreichend Platz für die Erschöpften gibt es aber nicht. Der Erschöpfte ist eine stigmatisierte Figur. Er bildet das System ab, das über uns herrscht, und die Lächerlichkeit seiner Versprechungen.

Links von mir sagt ein Kind: Mama! Jedesmal komme ich zu spät zur Musikstunde! So kann es nicht weitergehen! Die Klage des Kindes tröstet mich. Schon das Leben der Kinder kann so nicht weitergehen! Aber wo ist das Leben, das so weitergehen darf, wie es gerade ist?

Der 14. Roman von Wilhelm Genazino (2003)

Der 13. Roman von Wilhelm Genazino (2001)

Als Sterbender ist man gekränkt über jeden, der weiterlebt, sage ich. Du sprichst, sagt Regine, als wärst du schon einmal gestorben. Klar doch, sage ich, schon öfter, du etwa nicht?

Mißgeschicke erinnern mich unmerklich daran, dass ich mich im Leben nicht genügend auskenne und nie ausgekannt habe. Prompt rutsche ich in mein Grundgefühl hinein, dass ich mich immer nur halbwegs zurechtfinde und deswegen wie aus Versehen lebe.

Der 12. Roman von Wilhelm Genazino (1998)

Ich kann dir nicht sagen, wie sehr mir dieser Dr. Wolters auf die Nerven geht. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, redet er über Hegel und Schopenhauer, über die Sprechakttheorie, über die Seinsgelassenheit oder über den unbewegten Beweger! Ich kann's nicht mehr hören! Als könnte man sein ganzes Leben lang immer mit dem gleichen Kochlöffel im gleichen Topf herumrühren! Grauenhaft! Dieser Bildungskrüppel! Diese Blindschleiche!

Der 11. Roman von Wilhelm Genazino (1996)

Wilhelm Genazinos Bildbetrachtungen

Sekundärliteratur Nachrufe

Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)