Ergänzungen? Hinweise an
webmaster(x)theologie-und-kirche.de

Zu einer Weihnachtskarte aus dem Kanzleramt

"Es ist nicht gleichgültig, an welchen Gott man glaubt." Mit diesem Satz beendete Rainer Bucher vor zehn Jahren eines seiner Bücher. Die auf das Christentum "zurückgehenden Denktraditionen, Sinnerfahrungen und Verhaltensmuster können dem Staat nicht gleichgültig sein", formulierte das Kruzifixurteil des Bundesverfassungsgerichts von 1995. An diese beiden Sätze musste ich denken, als ich die Weihnachtskarte sah, die Annette Widmann-Mauz, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, vor Weihnachten an Pressevertreter verschickte. Die von einer Boulevardzeitung angestachelte Empörung über den Verzicht auf das Wort "Weihnachten" im Innenteil der Karte mag übertrieben sein. Die Vorderseite der Karte lohnt aber eine theologische Reflexion über den Begriff der Gleichgültigkeit und die Frage, wie man im Umgang mit den Weihnachtstraditionen einen gelungenen Mittelweg zwischen lächerlicher Albernheit und übertriebener Bedeutungsschwere findet. Suggeriert die Vorderseite der Karte nicht, dass es völlig egal ist, woran Menschen glauben? Dem demokratischen Rechtsstaat können die Überzeugungen seiner Bürgerinnen und Bürger – im Sinne des Böckenförde-Theorems – allerdings nicht egal sein. Ihm kann es nicht gleich-gültig sein, wenn seine Bürgerinnen und Bürger daran glauben, dass es Menschen zweiter Klasse oder unwertes Leben gibt. Und sind die aufgemalten Weihnachtsmannmützen und das aufgemalte Rentiergeweih auf der Vorderseite der Karte nicht ein Zeichen dafür, dass Christen ihre eigenen Hochfeste nicht mehr ernst nehmen, sondern veräppeln? Wie müssen Christen, die in Pakistan oder Ägypten unter Lebensgefahr die Weihnachtsgottesdienste besuchen oder die vor dem IS aus Syrien und Irak geflohen sind und für deren Integration Widmann-Mauz ebenfalls zuständig ist, diese Weihnachtskarte empfinden? (GA)


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)