Der neue Roman von Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

Meine Tante war an einem Hirnschlag gestorben, einfach aus dem Leben gepflückt. Auf dem Weg zur Trauerfeier hatte Marty abgeklärt, fast emotionslos gewirkt, obwohl er unsere Tante sehr geliebt hatte. Stumm hatte er den Wagen zum Friedhof gelenkt, während Liz und ich darüber sprachen, dass das Schicksal uns schon wieder verraten hatte. "So ein Unsinn", hatte Marty plötzlich gesagt. "Es gibt kein Schicksal, genauso wenig wie es einen Gott gibt. Es gibt gar nichts oder nur uns Menschen, was in etwa dasselbe ist. Es ist also völlig absurd zu hadern. Tod ist Statistik, und die scheint momentan gegen uns zu sein, aber irgendwann, wenn alle Menschen um uns herum einschließlich wir selbst gestorben sind, wird sie sich wieder ausgeglichen haben, so einfach." Doch als wir eine halbe Stunde später bei der Trauerfeier saßen und auf den Sarg mit unserer Tante schauten, hatte mein Bruder zu meiner Überraschung heftig geweint. Es war ein herzzereißendes Schluchzen gewesen, alle in der Kapelle hatten auf Marty geblickt ...

Marty spielte Zuversicht, aber manchmal sah ich, wie er düster und entmutigt vor sich hin starrte. Ich wusste, dass er Alva sehr gern hatte und dass es in seinem nihilistischen Weltbild wenig gab, was in dieser Situation aufbauend sein konnte. Menschen werden geboren, lebten, starben, ihre Körper vermoderten, und dann war auch schon alles vergessen. Ich selbst dagegen betete ein paarmal, dass Alva wieder gesund würde. Zwar konnte ich mit Religionen nichts anfangen, dennoch war ich nie ganz ungläubig gewesen. Wir hatten in seinem Arbeitszimmer gestanden und über die Theodizee diskutiert. "Jules, hören Sie mir damit auf", hatte er gesagt. "Auf manche Dinge gibt es eben keine Antwort, das gehört dazu. Wir Menschen sind hier unten ganz auf uns allein gestellt. Was wäre das auch für eine Welt, in der jedes Gebet erhört werden würde und wir mit Sicherheit wüssten, dass es nach dem Tod weitergeht? Wozu bräuchten wir dann noch das Leben, wir wären doch schon längst im Paradies. Kennen Sie das Sprichwort: Gib einem Mann einen Fisch, und du ernährst ihn einen Tag, bringe ihm bei, wie man Fische fängt, und du ernährst ihn ein ganzes Leben? Und genau so funktioniert es hier. Gott will, dassb wir lernen, selbst für uns zu sorgen. Er gibt uns nicht den Fisch und erhört alle unsere Gebete, aber er hört uns zu und beobachtet, wie wir hier unten selbst mit allem fertig werden, mit Krankheiten, Ungerechtigkeit, Tod und Leid. Das Leben ist dazu da, das Fischen zu lernen." Diese Worte trösteten mich jetzt.

Marty hatte keine Kinder. ... Erst kürzlich hatte er verlauten lassen, dass am Ende ohnehin alles dem Untergang geweiht sei, wieso dann also noch Kinder haben. Liz konnte sich darüber aufregen. "Das ist Martys nihilistisches Geschwätz", sagte sie. "Aber du weißt, dass es nicht stimmt. In Wahrheit sind alle diese Nihilisten und Zyniker Schisser. Sie tun so, als wäre alles bedeutungslos, denn dann gibt es am Ende auch nichts zu verlieren. Ihre Haltung scheint unangreifbar und überlegen, aber sie ist im Innern auch nichts wert."

Das Leben ist kein Nullsummenspiel. Es schuldet einem nichts, und die Dinge passieren, wie sie passieren. Manchmal gerecht, so dass alles einen Sinn ergibt, manchmal so ungerecht, dass man an allem zweifelt. Ich zog dem Schicksal die Maske vom Gesicht und fand darunter nur den Zufall.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)