Zum 150. Todestag des Pfarrers von Ars


"Man muss lernen, die Erde gering zu achten. Sie ist Staub. Sie ist nichts."
"Unseren Leib haben wir nur, um ihn zu verachten."
"Es gibt kein Gebot Gottes, zu dessen Übertretung, und kein Sakrament, zu dessen Schändung der Tanz nicht führt. Die jungen Leute, die zum Tanz gehen, gehören nicht mehr dem Himmel, sondern sind willkommenes Futter für die Hölle. Der Tanz ist der Strick, an dem der Teufel die meisten Seelen zur Hölle zieht."
"Beim Jüngsten Gericht kommt nicht ein liebender Hirt, um die verirrten Schäflein aufzusuchen, sondern ein rächender Gott, der die Bösen seine schreckliche Rache fühlen lassen will. Nichts ist sicherer und gewisser: Wir werden gerichtet ohne Barmherzigkeit. Wir dürfen nie aus dem Auge verlieren, dass wir eines Tages ohne Barmherzigkeit gerichtet werden, dass alle unsere Sünden vor den Augen der ganzen Welt offenbar werden und dass wir nach diesem Gericht, wenn wir noch in diesen Sünden sind, in die Hölle eingehen werden."
(J. Vianney)


Anlässlich des 150. Todestages von Jean-Marie Vianney, des Pfarrers von Ars, am 4. August 2009 hat Papst Benedikt XVI. ein Priesterjahr ausgerufen (siehe das Schreiben des Papstes zur Einberufung des Priesterjahres und die eigens eingerichtete Webseite www.annussacerdotalis.org, auf der an zweiter Stelle nach dem Pfarrer von Ars der Gründer des Opus Dei den Priestern als Vorbild empfohlen wird. Vgl. zum Priesterjahr auch hier). Eignet sich der Pfarrer von Ars als Vorbild für heutige Priester? Die Piusbruderschaft meint ohne Zweifel: Ja! (siehe die Webseite der Piusbrüder). Die "Junge Freiheit", die Hauspostille der deutschen Rechten, feiert die Anti-Modernität Vianneys, siehe hier. Joachim Kardinal Meisner findet den Pfarrer von Ars "besonders sympathisch". Allerdings sind auch kritische Stimmen zu registrieren, z.B. von engagierten Pfarrern im Bistum Würzburg (vgl. dazu hier) und Bistum Mainz und von theologischer Seite. Zur Erinnerung an den Pfarrer von Ars wird im Folgenden eine leicht gekürzte Allerseelen-Predigt von ihm dokumentiert.

Warum, meine Brüder, bin ich heute wohl auf die Kanzel gestiegen? Was habe ich euch zu sagen? Oh, ich komme in Gottes eigenem Auftrag. Ich komme im Auftrag eurer armen Eltern, um in euch die dankbare Liebe zu erwecken, die ihr ihnen schuldet. ... Ich komme, um euch zu sagen, dass sie in den Flammen brennen, dass sie weinen und laut schreiend eure Fürbitten und guten Werke erflehen. Aus der Tiefe der Glut, die sie verschlingt, glaube ich ihre Stimme zu hören: "Ach, sag unseren Vätern und Müttern, sag unseren Kindern und allen Verwandten, wie grausam die Qualen sind, die wir erleiden! Wir werfen uns ihnen zu Füßen und flehen sie um ihre Fürbitten an. Ach, sag ihnen, dass wir hier in den Flammen brennen, seitdem wir von ihnen getrennt sind! Ach, wer könnte hartherzig sein bei so viel Elend, das wir erdulden?"
Seht ihr, hört ihr sie, eure liebe Mutter, euren guten Vater, all diese Verwandten, die ihre Hände nach euch ausstrecken? "Freunde", rufen sie, "reißt uns heraus aus diesen Qualen, ihr könnt es!" Meine Brüder, betrachtet doch erstens die Größe der Qualen, die die Seelen im Fegefeuer erleiden, und zweitens unsere Mittel, sie zu lindern, das sind: unsere Gebete, unsere guten Werke und vor allem das heilige Meßopfer. ...
Ach, meine Brüder, wie viele Jahre werden wir im Fegefeuer zu leiden haben, wir, die wir so viel gesündigt haben ...! Wie viele Jahre Leiden erwarten uns im anderen Leben!
Aber wie könnte ich euch das herzzerreißende Bild des Elends nur beschreiben, das die armen Seelen ertragen! Die heiligen Kirchenväter sagen, dass die Qualen, die die armen Seelen im Fegefeuer erdulden, den Leiden gleichen, die Jesus Christus in seiner schmerzhaften Passion erlitten hat. ...
Das Feuer des Fegefeuers ist das gleiche wie das Höllenfeuer, der Unterschied besteht darin, dass es nicht ewig dauert. Oh, der liebe Gott sollte in seiner Barmherzigkeit einer der armen Seelen in diesem Feuer gestatten, hier an meiner Stelle zu erscheinen, ganz umloht vom Feuer, das sie verschlingt, und sie sollte euch selbst von der Pein erzählen, die sie erduldet. Die Kirche müsste widerhallen von ihren Seufzern und Schreien, vielleicht würde das endlich eure Herzen erweichen. "Oh, was wir leiden", rufen sie uns zu, "o Brüder, befreit uns von diesen Qualen! Ihr könnt es! Ach, fühltet ihr den Schmerz, von Gott getrennt zu sein!" Grausame Trennung! Brennen in einem Feuer, das die Gerechtigkeit eines Gottes entfacht hat! ... Schmerzen leiden, die ein Sterblicher nicht begreifen kann! ... Verzehrt sein von Reue und wissen, dass wir die Sünden so gut hätten vermeiden können! ... "O Kinder", rufen diese Väter und Mütter, "könnt ihr uns denn verlassen, uns, die wir euch so geliebt haben? Könnt ihr denn schlafen im weichen Bett und uns auf einem glühenden Rost liegen lassen? Habt ihr denn den Mut, euch den Vergnügen und Freuden hinzugeben, während wir hier Tag und Nacht leiden und weinen müssen? Ihr habt unser Vermögen und unsere Häuser, ihr genießt die Frucht unserer Arbeit, und an diesem Ort der Qualen, wo wir seit Jahren so furchtbare Pein erdulden, da verlasst ihr uns! Und nicht ein Almosen, nicht eine Messe zu unserer Befreiung! ...
Ihr könnt uns Linderung verschaffen, unsere Kerker öffnen, und ihr verlasst uns. Oh, wie grausam sind unsere Leiden!" - Ja, meine Brüder, in den Flammen urteilt man anders über all diese lässlichen Sünden, wenn man das überhaupt lässlich nennen kann, was uns so harte Pein verursacht. "O mein Gott", ruft der Prophetenkönig, "wehe dem Menschen, sei er noch so gerecht, wenn du ihn ohne Barmherzigkeit richtest." Wenn du in der Sonne Flecken und in den Engeln Bosheit gefunden hast, wie wird es da dem sündigen Menschen ergehen? Und wie viele Jahre Fegefeuer für uns, die wir so viele Todsünden begangen und noch fast nichts getan haben, um der Gerechtigkeit Gottes Genugtuung zu leisten.
"Mein Gott", sagte die hl. Therese, "welche Seele wäre rein genug für den Himmel, ohne die strafenden Flammen zu durchschreiten?" In ihrer letzten Krankheit schrie sie plötzlich auf: "O Gerechtigkeit und Macht meines Gottes, wie schrecklich bist du!" In ihrer Todesstunde ließ sie Gott seine Heiligkeit schauen ...; das erschreckte sie so sehr, dass ihre Schwestern, die sie in höchster Erregung am ganzen Leib zittern sahen, unter Tränen riefen:
"Ach, Mutter, was ist Euch denn geschehen...? ... Erschrecken Euch etwa Eure Sünden nach so vielen Abtötungen?"
"Ja, meine Kinder", sagte sie, "ich fürchte meine Sünden, aber ich fürchte noch etwas anderes."
"Vielleicht das Gericht?"
"Ja, ich zittere beim Anblick der furchtbaren Rechnung, die wir Gott begleichen müssen, der in diesem Augenblick ohne Barmherzigkeit sein wird. Aber es ist noch etwas anderes, und nur ein einziger Gedanke daran lässt mich sterben vor Angst."
Die armen Schwestern waren untröstlich.
"Ach, etwa die Hölle?"
"Nein", sagte sie, "die Hölle ist, Gott sei Dank, nicht für mich. O meine Schwestern, es ist die Heiligkeit Gottes! Mein Gott, hab Erbarmen mit mir! Mein Leben soll dem Leben Jesu Christi gegenübergestellt werden. Weh mir, wenn ich den geringsten Schmutz, den geringsten Flecken an mir habe! Weh mir, wenn ich nur einen Schatten von Sünde habe!"
"Ach", riefen die Schwestern, "was wird dann unser Schicksal sein!"
Und unseres erst, meine Brüder, wo wir mit all unseren Bußübungen und guten Werken vielleicht nicht einmal eine einzige Sünde gesühnt haben, die uns bei der Beichte vergeben wurde! Ach, wie viele Jahre, wie viele Jahrhunderte von Qualen zu unserer Strafe! Wie teuer werden wir all die Vergehen bezahlen, die wir für nichts erachten, die kleinen Lügen, mit denen wir uns unterhalten, die kleinen Verleumdungen, die Verschmähung der Gnaden, die der liebe Gott uns jeden Augenblick schenkt, das Murren, wenn er uns Schmerzen schickt! Nein, meine Brüder, niemals würden wir die Kraft haben, die geringste Sünde zu begehen, wenn wir verstehen könnten, wie sehr sie den lieben Gott erzürnt und - selbst in dieser Welt - strenge Strafe verdient.
Gott ist gerecht in allem, was er tut, meine Brüder. ... Wenn es sich darum handelt, uns zu strafen, geschieht es mit Strenge, und wenn wir auch nur eine lässliche Sünde hätten, so würden wir doch ins Fegefeuer geworfen. ... Der hl. Petrus Damianus erzählt, dass seine Schwester mehrere Jahre im Fegefeuer bleiben musste, weil sie ein schlechtes Lied mit einigem Vergnügen angehört hatte. Es wird von zwei Mönchen berichtet, die einander versprochen hatten, wer von ihnen zuerst stürbe, würde kommen und Auskunft geben, in welchem Zustand er weiterlebe. Der liebe Gott erlaubte dem, der zuerst gestorben war, seinem Freund zu erscheinen. Er sagte ihm, dass er fünfzehn Tage im Fegefeuer geblieben war, weil er zu gern seinem eigenen Willen gefolgt sei. Und als der Freund ihn beglückwünschte, dass er nur so kurze Zeit habe dort bleiben müssen, antwortete der Verstorbene: "Ich hätte mir lieber zehntausend Jahre hintereinander bei lebendigem Leibe die Haut abziehen lassen, und selbst dann wäre dieses Leiden nicht zu vergleichen gewesen mit dem, was ich in den Flammen gelitten habe." ... Ach, wie wenig braucht es, dass man in dieses Feuer kommt! Gott hat Albert den Großen ins Fegefeuer geschickt, weil er einen kleinen selbstgefälligen Gedanken in bezug auf seine Wissenschaft gehabt hat. Noch erstaunlicher ist es, dass es Heilige gibt, die durchs Fegefeuer gegangen sind. Der hl. Severin, Erzbischof von Köln, erschien einem Freund und erzählte ihm, dass er im Fegefeuer gewesen sei, weil er Gebete, die er morgens hätte verrichten müssen, auf den Abend verschoben hatte. O wie viele Jahre Fegefeuer für die Christen, denen es nichts ausmacht, ihr Gebet auf eine andere Zeit zu verschieben, unter dem Vorwand, dass sie dringende Arbeit hätten!
Quelle: Jean-Baptiste-Marie Vianney, Predigten, Briefe, Leben des heiligen Pfarrers von Ars. Übersetzt aus dem Franz. von Cordelia Spaemann. Düsseldorf 1959. 140-147.