Der neue Roman von Ljudmila Ulitzkaja

Grischa erhob bei der Trauerfeier sein Glas. "Ich bin so glücklich, euch alle zu sehen, obwohl heute ein so trauriger Tag ist. Ich möchte Folgendes sagen: Der Tod ist kein Programmausfall, er gehört zum Programm. Beim Schöpfer geht nichts verloren. Das Leben jedes Menschen ist ein Text. Ein Text, den Gott aus irgendeinem Grunde braucht!"
"Na, ich weiß nicht, was für einen neuen Text meine Mutter Warwara dem Herrgott geschenkt haben soll. Ich glaube, du übertreibst ein bisschen, Grischa."
Grischa leerte ein weiteres Glas.
"Vitja! Vitassja! Jeder Mensch ist ein Text! [...] Alles Lebendige ist ein Text, an dem seit dreieinhalb Milliarden Jahren geschrieben wird, von der ersten lebenden Zelle bis zu meiner vor einer Woche geborenen Enkelin [...] Die gesamte Information, die ein Mensch im Laufe seines Lebens angesammelt hat, geht ein in einen gemeinsamen großen Speicher, das Gedächtnis Gottes! Warwara Wassiljewna hat dich geboren und damit am großen Werk der Schöpfung mitgewirkt!"

Ich habe zu Gott gebetet, an den ich nicht recht glaube. Und dabei nur die riesige Entfernung gespürt, sonst nichts.

"Es gibt einen Göttlichen Text! Und die gesamte Evolution des Menschen hat nur einen Zweck – die Menschheit, diese unvollendete Schöpfung, in die Lage zu versetzen, ihn zu lesen. Dafür wurden alle Alphabete erfunden, alle Zeichen, die Ziffern, ja, auch die Noten!"

"Der Schöpfer, das ist Information. Der Geist Gottes, das ist Information! Die menschliche Seele ist ein Informationsfragment! Das Ich ist ein Informationsfragment! Das Leben ist nicht die 'Daseinsweise der Eiweißkörper', wie Engels dachte, sondern die Daseinsweise von Information. Eiweiß kann sich zersetzen, Information aber ist unzerstörbar. Es gibt keinen Tod! Information ist unsterblich!"

"Der Priester verlangte für die kirchliche Trauung, dass ich vorher die Katechese durchlaufe, es kostete eine Menge Zeit, und ich habe die ganze Bibel gelesen. Vielleicht war sie ja für die alten Juden ein Göttlicher Text, aber heute erscheint sie mir wie ein höchst archaisches Dokument. Viel Grausamkeit, logische Unstimmigkeiten, dunkle Stellen und Widersprüche. Nicht ohne Grund kommentieren die Juden sie seit drei Jahrtausenden, deuten die Texte immer wieder neu und stülpen das Innerste nach außen, um die Widersprüche zu beseitigen. Ich glaube, der allgemein bekannte Hang der Juden zur Wissenschaft rührt aus diesem jahrtausendelangen Gehirntraining."

"Der Herrgott hat durch die Juden allen Menschen seinen Segen erteilt, allen ohne Unterschied. Und falls die Juden aus dieser Welt vertrieben werden – wer weiß, ob dann der Segen in Kraft bleibt."


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)