Der neue Roman von Paul Theroux


Der Priester war hereingekommen, gefolgt von zwei grauhaarigen Frauen, eine sehr dünn, die andere mit einem dicken Bauch, beide mit geschürzten Lippen und frommer, wichtigtuerischer Miene. "Gibt es keine Ministranten mehr?", fragte ich Floyd. "Wann warst du das letzte Mal in der Kirche?" Am Tag von Vaters Beerdigung, war die korrekte Antwort, vor zehn Jahren, und an davor konnte ich mich nicht mehr erinnern. Der ganze Gottesdienst kam mir seltsam vor. Der Altar wirkte wie ein Esstisch, der Priester stand dahinter, gegenüber den Kirchgängern, flankiert von zwei alten Hühnern. Es war alles so unvertraut, ganz anders als die Gottesdienste, die ich früher besucht hatte. Der Priester war dick, mit einem weißen Haarkranz auf dem rosigen Schädel. Mit plumpen Fingern hantierte er mit den Gegenständen auf dem Altar herum und blätterte in den Seiten des dicken Messbuchs, das in seiner Halterung lag, dann faltete er die Hände und betete laut. Wieder diese demonstrativ fromme Miene. Die beiden Frauen standen dicht neben ihm und schienen um seine Aufmerksamkeit zu wetteifern, während der Priester vor und zurück trat, den dicken Bauch von einem Brokatgewand umhüllt, mit goldenen Quasten, das Chorhemd mit feiner Spitze eingefasst. "Father Corkery", sagte Floyd leise. "Was für ein Heuchler. Ich vermisse Father Furty." Wir standen auf, wir knieten uns hin, wir setzten uns, wir murmelten Antworten. Dann läutete eine der Frauen mit mehreren Glocken, und der Priester, der aussah wie ein Koch in Frauenkleidern, machte sich an dem Kelch zu schaffen, als würde er ein Soufflé würzen. Dann rückte Father Corkery seine Spitzenmanschetten zurecht, zog an seinen Ärmeln und stieg auf die Kanzel. Er war wahrlich ein wohlgenährter Priester. Da er jetzt von der Lampe über ihm direkt angeleuchtet wurde, konnte ich ihn genauer betrachten. Anscheinend war er ziemlich eitel mit seinem buschigen weißen Haarkranz. Sein rosiges Gesicht leuchtete, seine Augen waren hellblau, sein Kopf wirkte übergroß wie bei einem Baby wegen seines kurzen Halses, der ganz in den Rüschen seines Kragens verschwand, und als er den Rand der Kanzel umklammerte, sah ich Ringe an seinen dicken Fingern funkeln. Als Father Corkery stirnrunzelnd ansetzte, sagte Floyd: "Er ist der Grund, warum die Mormonen die katholische Kirche die große Hure Babylon nennen." Ich hörte den irischen Akzent in seiner Stimme, als Father Corkery die liturgischen Formeln intonierte. Das Thema seiner Predigt war die Sünde. "In der Epistel für den heutigen Sonntag erwähnt Paulus das Feuer. Er meint das Höllenfeuer, als Strafe für die Sünden." Er tippte auf die aufgeschlagene Bibel. "So steht es ..." Ich konnte seinen Ausführungen nicht folgen, weil ich mich so sehr auf die Besonderheiten seiner Aussprache konzentrierte ... Er sprach über die Heiligkeit des Lebens, dass "alle Kreaturen Gott gehören". Da dies der Gedenkgottesdienst für Vater war, wartete ich darauf, dass er ihn erwähnte. "Jetzt kommt es", murmelte Floyd. "Doch manche Menschen missachten diese Vorstellung", sagte Father Corkery. "Sie sind nur darauf aus, Leben zu zerstören. Glauben Sie mir, das hat seinen Preis." Er führte aus, wie manche Leute "lebende Kinder aus den Leibern ihrer Mütter reißen. Gott liebt sie und sie spülen sie die Toilette hinunter. Und danach tun sie, als sei nichts geschehen! Gehen auf ein Fest! Machen sich etwas zu essen. Trinken ein Bier! Amüsieren sich!"
"Verstehst du, was er macht? Worüber er redet?", sagte Floyd. "Nicht über Pädophilie. Zauberer nennen so etwas Aufmerksamkeitslenkung." Obwohl Father Corkery gegen Abtreibung wetterte, Abtreibungsbefürworter als Mörder bezeichnete, Kliniken als Vernichtungslager "schlimmer als Auschwitz", und erklärte, die Dinge müssten sich ändern, lauschte ich nur fasziniert seinem Akzent. Er fuhr mit seiner Predigt fort, redete über "Ärzte, die sorglos auf ihren Terrassen Tonic trinken, und doch sind sie im Zustand der Sünde". Wir könnten etwas dagegen tun, sagte er. Diesen Herbst würden Wahlen stattfinden. "Gehen Sie ins Wahllokal und machen Sie Ihr Kreuz. Stimmen Sie für den Kandidaten, der verspricht, die Sünde der Abtreibung abzuschaffen. Sagen Sie es Ihren Freunden und Nachbarn. Sagen Sie ihnen, Father Corkery will es wissen. Bringen Sie den Standpunkt des Kandidaten zu diesem Thema in Erfahrung."
"Ayatollah", sagte Floyd. Mutter hatte den Kopf im Gebet gesenkt. "Man beachte, wie viel Zeit er den Kinderschändern widmet", murmelte Floyd. Mir war aufgefallen, dass Father Corkerys Stimme immer lauter wurde, während von draußen eine Art Singsang durch die Buntglasfenster hereindrang, aber es war nicht zu erkennen, was da gesungen wurde. In den Fürbitten, die auf die Predigt folgten, erwähnte Father Corkery die Menschen, die von uns gegangen waren, und hob seine Augen, als ob ihre Seelen durch das Dach von St. Joe direkt in den Himmel geflogen wären. Unter den drei oder vier Verstorbenen nannte er auch Vaters Namen, sprach ihn aber falsch aus. Floyd schlug das Kreuzzeichen und murmelte: "Im Namen des Seniors, des Juniors und des eiligen Geistes. Armen."
Aus den gedämpften Stimmen draußen wurden Schreie, und im nächsten Moment wurden die Türen der Kirche aufgerissen, und Leute mit roten Köpfen stürmten in den Mittelgang. Ihre Stimmen überschlugen sich, als sie "Heuchler! Heuchler!" schrien. Sie protestierten dagegen, dass die pädophilen Priester geschützt wurden, aber wir zuckten zusammen – alle taten es –, weil wir das Wort auf uns bezogen. Der Gottesdienst kam zu einem abrupten Ende – aber er war ja sowieso so gut wie vorbei. Der Priester raffte seine Röcke, sprach hastig einen Segen und floh dann.

Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)