Der neue Roman von Heinz Strunk: Der goldene Handschuh

Sein Bungalow ist neu und groß, der Garten grünt und blüht aufs Befriedigendste. Ein richtig schöner Ziergarten, wie aus dem Katalog. Sein Gärtner sorgt dafür, dass es auch so bleibt. Er ist ganz anders als die Menschen, mit denen Karl von Lützow für gewöhnlich zu tun hat. Einfach und bescheiden, bringt mit eigener Hände Arbeit seine Familie durch, glaubt an Gott und Vaterland, will nicht mehr vom Leben, als es zu geben bereit ist. Karl gefällt das. Er empfindet für seinen Gärtner so etwas wie Mitgefühl und Solidarität. Solange das so ist, denkt er, bin ich noch nicht durch und durch verdorben. Karl kann nicht sagen, ob er von Natur aus auch irgendwie gut ist oder nur schlecht oder grausam. Er ist wahrscheinlich einfach nichts. Zwar ist er davon überzeugt, dass jeder Mensch einen unveränderlichen Wesenskern hat, er weiß aber nicht zu sagen, welches seiner wäre. Auch mangelt es ihm an Überzeugungen, echten, wahren Grundüberzeugungen. Es ist heutzutage ja so, dass unzählige Überzeugungen zur freien Verfügung stehen, aber für ihn war bislang keine dabei, da konnte er prüfen und abwägen und drehen und wenden, so lange er wollte. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass er von nichts überzeugt sein will, dass ihm die damit verbundenen Einschränkungen und Verpflichtungen zuwider sind. Denn worum es geht: das Leben herumzubringen mit einem Minimum an Schmerz, Leid, Not. Ganz einfach. Man übersieht die Wahrheit, weil man immer nach etwas Großem, Komplizierten sucht. Nach ihm ist nichts, und vor ihm auch nicht. Das ist alles.

Inge hasst Pfaffen und Betschwestern und den Papst und die Heilsarmee und alles, was mit Kirche zu tun hat. Das sind aus ihrer Sicht die wirklich armen Irren, glauben ernsthaft, dass man noch was ausrichten könnte. ... "Der einzige Unterschied zwischen uns und den Leuten auf 'm Friedhof is, dass wir im Sitzen vergammeln. Was ist das eigentlich für ein Gott, der so was zulässt. Grunzend wie 'ne Sau. Eine Sau mit goldenen Flügeln. Nur 'n Windstoß hoch in der Luft, so schwebt unser Herrgott über uns und guckt runter auf die Schweinerei, die er da angerichtet hat."

Gisela redet auf Agnes ein, wobei sie immer wieder ihre bewährten Sätze einbaut. ... Gisela weiß aus der Erfahrung, dass die gut ankommen. Sie hat schon viele Sätze ausprobiert, aber die hier kommen besonders gut an. ... "Gott besucht uns häufig, aber meistens sind wir nicht zu Hause." Agnes nickt. "Fäuste kann man nicht falten." Agnes nickt. "Wer meint, für Gott keine Zeit zu haben, nimmt sich viel Zeit für Nebensächlichkeiten." Agnes nickt. "Warum zerbreche ich mir den Kopf so oft über andere, und nicht über mich?" Agnes lächelt. Ob tatsächlich etwas bei Agnes ankommt, ist schwer zu sagen. Man könnte glauben, dass Hopfen und Malz verloren wären, aber das stimmt nicht, Gisela weiß es besser. Außerdem würde sie nie einen Menschen verlorengeben. "Jesus will in deinem Leben eine ganz kleine Nummer sein: Nummer 1." Agnes nickt. ... "Suche nicht große Worte, eine kleine Geste genügt." Agnes räuspert sich. "Auch Gott ist ziemlich heruntergekommen. In Jesus." Agnes nickt. Langsam entspannt sie sich. "Wo schlafen Sie eigentlich heute Nacht?" Agnes zuckt mit den Schultern. Sie weiß es wirklich nicht. "Dann kommen Sie doch mit. Ich sorge dafür, dass Sie sich mal wieder richtig ausschlafen können und satt essen." Das wäre schön! ... Rasch sucht sie ihre paar Sachen zusammen.

Was ist das für ein kleiner, hässlicher Gott, der so etwas zulässt. Gott ist nichts, er wird nur von Sekunde zu Sekunde erzeugt durch die Not.

Während er die Spuren seines Mordes beseitigt, krächzt er leise vor sich hin: "Meine ganze Beruhigung liegt darin, wenn ich beim lieben Gott bin, dann muss der sagen, das hast du nicht wollen. Wenn ich vor Mutter stehe und vor Christus, dann kann ich sagen, dass ich rein bin." Und wieder von vorn: "Meine ganze Beruhigung liegt darin ..."

Bei der Beseitigung der Leiche murmelt er wieder religiöses Zeug, das er irgendwo aufgeschnappt hat: "Ich kann Jesus und sein blutendes Herz nicht vergessen. Unter dem starren Blick des Himmels, vor Gottes kaltem Auge haben wir nicht mehr viel Zeit."


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)