Eva Strittmatter ist tot

Gedicht aus dem Band "Wildbirnenbaum"

Immer in Abend und Dämmerung
Möchte ich heulen wie eine Hyäne,
Berstend von Frevel und Lästerung.
Aber ich blecke nur freundlich die Zähne.
Jetzt weiß ich endlich, was Leben ist
Und was die Versuchung zur Selbstzerstörung.
Der in der Hölle verlorene Christ
Ohne die Hoffnung auf Gott und Erhörung
Müßte mir gleichen, wenn es ihn gäbe.
Aber mich gibt es. Mein Leben gerinnt
Um einen Kern aus Tod. Doch ich lebe!
Und statt zu heulen, sing ich im Wind.

Gedicht aus dem Band "Mondschnee liegt auf den Wiesen"

Ich leb mein Leben ohne Gott,
Aber mit seiner Negation
Und treibe mit ihm keinen Spott.
Ich kenne keine Religion,
Der ich mich unterwerfen würde.
Aber ich achte das Prinzip:
Nehmt voneinander eure Bürde
Und: Habt den andren Menschen lieb,
Er ist wie ihr. Alttestamentlich
Geprägter schöner Gleichheitssatz.
Und wär das Weltall auch unendlich,
Die Erde hat für alle Platz.
Und Gott war diesseits oder gar nicht,
Verkörperung für ein Gesetz.
Wir wollen Flieger sein mit Klarsicht,
Artisten ohne Seil und Netz

Gedicht aus dem Band "Zwiegespräch"

Sonntag, der heilige Tag, und Gott ruhte.
Und auch wir Atheisten ruhn:
Unerlöst vom Erlöserblute.
So müssen wir wohl was Besseres tun
Als Beten und Singen und Händefalten
Was kann für uns der Sonntag sein?


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)