Der erste Roman von Nis-Momme Stockmann:
Der Fuchs

Es war Sonntag, der 26.7.1792.
"Wir sind Teil eines größeren Zusammenhangs. Wer weiß, was man zu irgendwas beiträgt, welche Rolle man spielt. Gottes Wege sind unergründlich", sinnierte Broder.
"Ja: das, oder einfach nicht besonders gut durchdacht."
"Das ist gotteslästerlich", sagte Broder leise.
"Oder vielleicht sagt man diesen Spruch ja auch immer nur, weil Gottes Wege so unglaublich chaotisch, unnachvollziehbar, regelrecht unlogisch sind - was seltsamerweise die vergangenen 1800 Jahre kein Grund dafür gewesen ist, es als Indiz zu nehmen, dass es sie und mit ihnen den ganzen Zirkus vielleicht gar nicht gibt. Und sie einfach nur die Legitimation für die Schweinereien sind, die die herrschende Klasse hier auf unseren Rücken austrägt."
Broder schwieg und sah ihn an. ...
"Und wenn es Gott doch gibt, baut er nur Scheiße. Von Gnade und Vergebung und Wundern habe ich noch nicht einmal was gesehen. Und wenn er mir mit dem Leben, das ich führen muss, irgendwas sagen will, dann ist er einfach nur ein Arschloch, dass er es mir – in seiner großen erhabenen Heiligkeit – verdammt noch mal nicht anders sagen kann."
Broder schwieg.
"Sag so was nicht", sagte er viel zu leise.
"Weißt du, was in Frankreich los ist? Da machen solche Leute wie wir Revolution. Da sind solche Leute wie wir, die jahrhundertelang ausgebeutet wurden, die neuen – und verdammt noch mal – wohlverdienten Könige. Die sind genau wie dein Christus durch die Scheiße gegangen."

Ich traute dem Universum nichts anderes zu, als dass es mich zufällig ausgekackt hatte, ich traute ihm nicht zu, dass ich wichtig war. Weil ich mir das nicht zutraute.

Hat es niemanden unter Jesu Jüngern gegeben, der ihn in seiner Liebe begehrt hat mit Erektionen und feuchten Scheiden? Nachts wachliegend hoffend, dass er noch vorbeikommen wird? Wie kann denn Jesus erwartet haben, dass sich nichts regt, also tief unten, wenn man ihn mit allem, also ganz und gar, liebt?

Ich habe das Gefühl, dass alle Menschen bei allem immer nach Entmystifizierung streben. Allem einen Sinn abzutrotzen, dessen Endzweck es ist, den Zauber der Dinge auszumerzen.

Leute sagen, es ist Unsinn, wenn man ihnen davon erzählt, dass die Sprache verbraucht ist, aber es ist kein Unsinn. Der beste Beweis für die Verbrauchtheit der Sprache ist es, wenn man über Rache spricht. Oder über Romantik. Oder Hass. Oder Liebe. Oder Elend. Diese Worte sind so endlos verbraucht und verstellt, dass sie eine Chiffre für sich selbst werden. Die Gefühle, die ihnen zugrunde liegen und die uns schließlich irgendwie ausmachen und letztendlich auch das sind, worauf unsere Kultur sozusagen aufbaut ... – die erreichen wir nicht mehr, oder sie erreichen uns nicht mehr, zu denen gibt es keinen Zugang mehr. Die Verbindung zwischen Sprache und Gefühl ist verschüttet, durch eine abgeschmackte unromantische und emotional begradigte Welt, der allzu heftige Gefühle im Weg sind. Die Wörter dürfen ihre volle Kraft nicht mehr entfalten. ...
Dass Liebe so ziemlich das Krasseste ist, was uns Menschen bewegen kann, dass man wegen Liebe Kriege führen kann (und sollte), das erreicht uns in unserer semantischen Betäubung nicht. Jemand, der das nicht weiß, war entweder immer schon ein Zombie ... oder erinnert sich nicht daran, was es bedeutet, auf eine transformierende, überhaupt erst das Selbst gebärende, den Charakter herausplastinierende Art und Weise zu lieben. Oder er tut es ab und macht es klein und macht sich klein und weiß nicht, was es bedeutet, das kleinzumachen. Der Liebe auf den Kopf spucken ist dem Leben auf den Kopf spucken – das ist ja das Hauptding, was dieser Planet zu bieten hat. Es ist, sich selbst als Liebender und einer Welt, in der Liebe einen Platz haben sollte, auf den Kopf zu spucken. Dem einzig tauglichen Kitt in der Mauer des menschlichen Projekts auf den Kopf spucken. Pfui.

"Die Gedanken sind frei." Jaja, schon klar - aber ne, mit Zusatz: "Es ist halt scheißegal, was gedacht wird." Denken ist Meinen, und Meinen ist mehr Selbstbeschwichtigung und Zeitvertreib als irgendwas. Schützt einen vorm Handelnmüssen sozusagen. Ja: Unser Scheitern ist ein Scheitern des Denkens. Der Ikeaisierung der Denkräume. Jeder Stein in der Mauer war lückenlos verlegt. Der Mörtel gut verarbeitet und trocken. Bestes Handwerk. Für den Turmbau zu Babel.

Ich stelle mir schon früh die Frage, ob das eigentlich so wichtig ist: "vernetzt sein". Alles ist verbunden, sagen die ganz forschen Zukunftswichtel. Aber nichts berührt sich mehr – möchte man als Fußnote dazusetzen.

Klar: "Die Wirklichkeit ist konstruiert", das ist ein alter aufs Schockieren abzielender Satz der Postmoderne. Das haut niemanden mehr um: "Gott ist tot", "Jeder wird fünfzehn Minuten berühmt sein", "I hate myself and I want to die": Wenn man bei einer gepflegten bürgerlichen Tischgesellschaft aufsteht, mit dem Löffel an sein Wasserglas schlägt und sagt: "Hört, hört: Die Wirklichkeit ist konstruiert", dann sind Achselzucken und Lächeln noch die wildesten Affekte.

Gerade dann, wenn man zu glauben anfängt, an den großen Überbau, an Werte, an ein Konstrukt, das trägt, wartet auf einen die hässliche Kröte Dekonstruktion.

Und bei allem die Lehre: Schütze dich. Kapsel dich ab. Bleib fern von der Welt, die dir immer nur wieder in Varianten vorführt: Du täuschst dich. Da gibt es keinen Halt. Da gibt es keinen Gott. Und Sinn schon gar nicht. Keine Geschichte, mit Feinden und Freunden und finaler Moral. Und was bleibt da noch übrig? Du bleibst. Am Ende gibt es nur dich.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)