Das neue Buch von George Steiner:
Ein langer Samstag

Eine Zivilisation ohne die Möglichkeit der Transzendenz [...], eine Zivilisation, in der man nicht mehr wie Wittgenstein sagen kann: "Wäre es mir möglich gewesen, ich hätte meine philosophischen Untersuchungen Gott gewidmet", eine Zivilisation, die diese Möglichkeiten verlöre, wäre meiner Ansicht nach in großer Gefahr.

Den Atheismus kann ich ebenso verstehen wie den Glauben an eine Transzendenz, an ein letztes Mysterium der Schöpfung. Was ich jedoch nicht akzeptieren kann, das sind jene, die sagen: "Die Frage stellt sich nicht mehr. Warum überhaupt davon sprechen?" Mir scheint, wenn diese Menschen überhandnehmen, [...] wenn es darauf hinausliefe, dass gesagt wird: "[...] Gott, kenne ich nicht", und eine Kultur entstünde, in welcher, wie in einer jüngeren Umfrage, David Beckham ganz oben auf der Liste der zehn unsterblichen Engländer stünde, [...], wenn die Situation sich also darstellte als eine Art Verweltlichung, als äußerste Vulgarisierung, ja dann will mir scheinen, würden keine Werke von Bedeutung mehr entstehen. Neun Zehntel unserer Kunst, unserer Architektur hat einen religiösen Hintergrund, ein religiöses Thema – sei es Beethovens Missa solemnis oder Bachs Musik, seien es unsere Kathedralen, Gebäude, Städte oder Gesetze. Wenn mir jemand sagt: "Diese Frage stellt sich nicht mehr!", wenn das, was Dostojewski als "einzige Frage von Bedeutung" bezeichnet – jene nach der Existenz oder Nichtexistenz Gottes – , nicht mehr wert wäre, dass man über sie nachdächte, [...] dann würden wir meiner Ansicht nach in der Tat in ein Stadium eintreten, das ich als Epilog – im eigentlichen Sinne – bezeichne: das, was nach dem Wort, nach dem logos kommt. "Am Anfang war das Wort". Es könnte sein, dass am Ende das Lächerliche stünde. Vielleicht stehen wir am Anfang einer großen Epoche des Hohns und des Spotts.

Ich lese regelmäßig die Bibel, weil sie so unvergleichliche Poesie, so viel Ironie ... und Unverständliches enthält. [...] Die Bibel ist ganz und gar unerschöpflich. [...] Ein Dokument von immensem Reichtum. Auch deswegen bin ich so betrübt über die heutige Erziehung – die ich als geplante Amnesie bezeichnen würde –, weil die Bibel immer weniger gelesen wird, immer weniger bekannt ist [...] Wir vergessen, in welchem Ausmaß wir Kinder dieses Textes sind, vergessen seine Bedeutung innerhalb der westlichen Geschichte.

Da ich glaube, dass Gott der Onkel Kafkas ist (davon bin ich fest überzeugt), macht er uns das Leben nicht eben leicht.

Dreimal hat der Jude quälenden Druck ausgeübt auf den Menschen. Zuerst mit den Mosaischen Gesetzen. Der Monotheismus ist das Unnatürlichste der Welt. Wenn die Griechen sagen, dass es zehntausend Götter gibt, dann ist das logisch und natürlich, wunderbar erfreulich, das erfüllt die Welt mit Schönheit und Versöhnung. Der Jude aber antwortet: "Unvorstellbar! Man kann sich von Gott kein Bild, keine Vorstellung machen, es sei denn, diese ist ethischer, moralischer Natur." Dieser Gott ist ein allmächtiger Gott; er rächt sich bis in die dritte Generation etc. Das Mosaische Gesetz, diese monotheistische Moral, ist schrecklich: die erste Erpressung. Die zweite Nötigung: das Christentum. Hier tritt also Jesus auf, der Jude, der vorschreibt: "Ihr werdet den Armen alles geben, was ihr besitzt. Der Altruismus ist keine Tugend, er ist eine Pflicht für den Menschen. Ihr werdet demütig leben." Das ist eine fundamental jüdische Botschaft [...] Das dritte Mal ist es Marx, der geltend macht: "Wenn ihr ein schönes Haus besitzt mit drei leeren Zimmern und es um euch herum Menschen gibt, die keine eigene Wohnung haben, gehört ihr zu den allergrößten Lumpen." Der menschliche Egoismus, die Habgier, die Libido des Geldes, des Erfolgs lassen sich auf keinerlei Weise rechtfertigen. [...] Dreimal hat der Jude vom Menschen verlangt: "Werde Mensch. Werde menschlich." Das ist unerträglich. [...] Wenn Hitler in den sogenannten Tischgesprächen verkündet: "Der Jude hat das Gewissen erfunden", hat er absolut recht. Das ist sogar eine tiefgründige Einsicht dieses bösen Herrn.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)