Der neue Roman von Saša Stanišic:
Herkunft

Ich sehe zum verfallenen Haus meiner Urgroßeltern, und ich verstehe so vieles nicht. Ernsthaft religiöse Menschen so wenig wie Menschen, die Geld und Hoffnung in Magie, Wettbüros, Globuli oder Hellseherei setzen. Ich verstehe das Beharren auf dem Prinzip der Nation nicht und Menschen, die süßes Popcorn mögen. Ich verstehe nicht, dass Herkunft Eigenschaften mit sich bringen soll, und verstehe nicht, dass manche bereit sind, in ihrem Namen in Schlachten zu ziehen. [...] Meinen Sohn frage ich gern nach seinen liebsten Dingen. "Lila ist meine Lieblingsfarbe", sagte er neulich. "Und deine auch." Das verstehe ich.

Ich hatte nie Religionsunterricht. Niemand, der mir nah war, praktizierte irgendeinen Glauben offen, es gab nicht mal jemanden, der gesagt hätte: "An einen Kirchengott glaube ich nicht, aber dass es so eine Wesenheit geben könnte, das schon." Darüber bin ich extrem froh. Ich dachte eine Zeitlang, ohne Witz, Moslem sei man, weil man Schweinefleisch nicht aß - einfach also jemand mit einer speziellen Diät. [...] Großvater Muhamed war zu sehr Menschenfreund, um an einen Gott zu glauben. Wie kannst du religiös sein, wenn du zum Anbeten zu gut bist? Freundlichkeit, Fischfang und Familie. Das zählte für Muhamed, den selbstlosesten Menschen, den ich bis heute kennen durfte.

Ich schrieb der Ausländerbehörde: Religion: keine. Und dass ich quasi unter Heiden aufgewachsen sei. Dass Großvater Pero die Kirche den größten Sündenfall des Menschen nannte, seit die Kirche die Sünde erfunden hat.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)