Der neue Roman von Peter Stamm: Weit über das Land

Astrid ging über die flache Hochebene. Dort, wo das Gelände anstieg, stand eine kleine offene Kapelle. Lange betrachtete Astrid den Gekreuzigten. Ihre Großmutter hätte hier bestimmt um Hilfe gebetet, ihre Mutter hätte sich bekreuzigt und wohl das diffuse Gefühl gehabt, es helfe ihr in der Not. Für Astrid war das Kruzifix nur ein Stück Holz und Metall.

Thomas schaute zurück auf die perfekte Ordnung des kleinen Dorfes unter ihm. Wie viel Kraft nötig sein musste, diese Ordnung aufrechtzuerhalten, jeden Morgen früh aufzustehen und die immer gleichen Arbeiten zu verrichten, die Kühe zu melken, den Stall zu misten, die Wiesen zu düngen und zu mähen und das Heu einzubringen. Die Arbeit war durch die Mechanisierung in den letzten hundert Jahren leichter geworden, aber es war nicht die Körperkraft, an die er dachte, sondern die Zuversicht, das Vertrauen in die Richtigkeit von allem. Auch er war Teil dieses stillen Übereinkommens gewesen, hatte funktioniert, wie es von ihm erwartet worden war, ohne dass dies jemals ausgesprochen worden wäre. Er hatte neun Jahre lang die Schule besucht, eine Lehre gemacht, hatte den Militärdienst absolviert und danach in seinem Lehrbetrieb weitergearbeitet. Er hatte Astrid geheiratet, sie hatten Kinder bekommen, waren in das Haus seiner Eltern gezogen und hatten es nach und nach eingerichtet. Es hatte viel Kraft gekostet, das alles aufzubauen, und jetzt wohnten sie in diesem Haus, das langsam verfiel, unmerklich nur, aber unaufhaltsam. Ein Gebäude, hatte er irgendwo gelesen, sei erst fertig, wenn es zur Ruine zerfallen sei. Vielleicht galt dasselbe für Menschen.
Jeden Tag ging Thomas ins Büro und trug das Seine bei, machte die Buchhaltungen seiner Kunden, erstellte ihre Abschlüsse und füllte ihre Steuerformulare aus. Manche der Kleingewerbler scheiterten an sich verändernden Märkten, an ihrer eigenen Unfähigkeit oder an fehlendem Unternehmergeist, aber die meisten schafften es durchs Leben ohne größere Katastrophen, erreichten einen gewissen Wohlstand, gingen irgendwann in Rente. Dann saßen sie ihm gegenüber, der Schreiner oder Schlosser oder der Metzger und sein Sohn, der das Geschäft übernehmen sollte. Sie redeten über Geld, über Liegenschaften und Inventare und nötige Investitionen, aber nie darüber, worum es wirklich ging. Weshalb das alles?
In der täglichen Anstrengung war keine Zeit, sich solche Fragen zu stellen, vielleicht fürchteten sie sich auch davor oder sie hatten eingesehen, dass diese Fragen nicht zu beantworten waren und deshalb nicht gestellt werden durften. Thomas wusste nicht, ob er sie dafür bewundern oder verachten sollte.

Irgendwann im Sommer spürte sie aus ihrer Umgebung eine wachsende Ungeduld, und es war ihr, als werde von ihr erwartet, dass sie sich beruhigte, wieder mehr unternahm und sich allmählich nach einem neuen Partner umschaute. Als sei es ihre Pflicht, Thomas zu vergessen und neu anzufangen. Jetzt war seit seinem Tod ja schon fast ein Jahr vergangen, sie war erst vierundvierzig, eine attraktive Frau, und auch für die Kinder wäre es besser, wieder einen Vater zu haben. Sie haben einen Vater, sagte Astrid. Niemand schien zu begreifen, dass die Beziehung zu Thomas für sie nicht zu Ende war, nur weil er nicht mehr da war. ...
Nachts im Bett, wenn sie nicht einschlafen konnte, dachte sie an Thomas und war ganz sicher, dass er nicht tot war. Es war eher ein Gefühl als ein Gedanke. Einen Gedanken hätte sie mit Fakten widerlegen können, aber gegen ein Gefühl kam sie nicht an. Sie wollte nicht dagegen ankommen, es half ihr mehr als die Trauer, die nichts heilte, nichts erklärte, keine Hilfe war und kein Beweis. Die nächtlichen Phantasien waren keine Wunschbilder, die sie sich ausdachte, um sich zu trösten. Thomas war weg, daran bestand kein Zweifel, aber er war nicht tot.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)