Der neue Roman von Arnold Stadler:
Rauschzeit

Ob Gott von mir wusste, wusste ich nicht. Auch wenn er von mir vielleicht gar nichts wissen mochte, so wusste er doch von meiner Liebe.

Wir wollen die Welt so ernst nehmen wie sie ist, aber nicht ernster.

Das Wort Glück war nur als Kompromiss mit dem Wort Leben möglich.

Jedes Leben müsste so aufhören, als wäre es das erste und das letzte gewesen.

Das Wort "Kontingenz" füllte damals in Freiburg noch ganze philosophische Hörsäle. Das hieß auf gut Deutsch: was hätte sein können. Oder auch nicht. Kontingenz war keine Frage der Logik. Also die Liebe ...

Die Liebe war etwas Wunderbares, so nutzlos wie das Warten auf den ersten Schnee als Kind, der nie kam. Was war die Liebe? Eines Tages, und das war jetzt, wusste ich, dass die Liebe das Warten auf die Liebe war. Ich mit meinem Samen und meiner Sehnsucht und sonst nichts.

Die Liebe, wenn es Liebe war, war etwas so Großes, dass sie nur in einem Satz mit dem Tod genannt werden konnte.

Das Glückskleeverlangen wird auf der Weltwiese niemals erfüllt.

Meinen Großvätern war Wichsen noch streng verboten, von den Medizinern wie von den Theologen, denn es führte zum Tod. Die Schulmedizin galt damals und noch nicht wieder als Scharlatanerie und Aberglaube. Nur die Theologie soll heute für alles herhalten, und die Medizinmänner waren immer noch die Halbgötter in Weiß. Andererseits, metaphysisch wie biologisch, stimmte es ja, dass Wichsen zum Tod führte.

Die Hirnforscher waren die Theologen unter den Darwinisten.

Bei der Beerdigung redete der Pfarrer vom Gehen. Vielleicht hatte auch er den Auferstehungsglauben aufgegeben und redete nun in allgemeinverständlichen Mitläufersätzen auf der Höhe des Jahres 2004 und wusste, wie man es ihnen sagt. So viel Unglaube musste sein, sonst war man heutzutage als Christ nicht mehr glaubwürdig.

Es gab immer noch Menschen, die hierhergekommen waren, um den Dom zu sehen, hineinzugehen, das war ja nicht selbstverständlich, viele gingen aus Prinzip nicht mehr hinein, weil es eine Kirche war und einer Verbrecherorganisation gehörte, wie sie von der Humanistischen Union wussten.

Als das Trampolin die Sängerin nach ihrem Sprung in den Tod noch einmal ganz kurz, aber für alle sichtbar nach oben katapultierte, fühlten sich die Zuschauer, die mit ihr gestorben waren, um den Tod betrogen. Der Fehler ging vermutlich auf die Sängerin zurück. Vielleicht wollte sich die Technik aber auch nur lustig machen über die Oper und das Publikum. Vielleicht auch noch, weil sich ein Techniker von der Humanistischen Union lustig machen wollte über den Auferstehungsglauben, ja beweisen, wie leicht es bei der Liebe war, etwas vorzuspielen, wie bei den letzten Dingen, bei Glaube, Hoffnung und Liebe zu mogeln, selbst bei der Auferstehung. Und dass es kein Jenseits gab, nur jenen Himmel, von dem der Mensch abstürzen konnte, den John Lennon ersehnt und besungen, und von dem Gagarin behauptet hatte, er sei dort gewesen und habe Gott nicht angetroffen, der Himmel sei leer. Imagine.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)