Das neue Buch von Andreas Urs Sommer

Als die religiöse Absicherung und Rechtfertigung der Moral zerschlissen, jedenfalls nicht mehr verallgemeinerungsfähig waren, kamen die Philosophen im 19. Jahrhundert auf Werte.

In der Moderne müssen Werte Religion substituieren, weil sie im Unterschied zu traditionellen Religionen mit ihrem Hang zur Trägheit und Sklerose hochgradig anpassungsfähig und damit hochgradig leistungsfähig sind.

Werte sind regulative Fiktionen, die unserer Phantasie entspringen. Es ist nicht möglich, ihnen Absolutheit und Universalität zuzuschreiben. Redet man von Werten, dann gerade, weil man mit ihnen vom metaphysischen Gespenst des Universalismus loskommt. Werte bedeuten, kritisch verstanden, den Abschied vom absoluten Guten.

Die Moderne hat eine Welt, in der Gut und Böse, in der Tugenden regierten, in eine Welt verwandelt, in der stattdessen Werte zählen. Das ist ein gewaltiger moralevolutionärer Schritt, dessen Bedeutung freilich jene Absolutheitsnostalgiker verdunkeln, die dem binären Gut/Böse-Code oder den lebensbestimmenden Tugenden lautstark nachtrauern.

Die Gut-Böse-Moral ist ein in die Gegenwart hineinragendes Relikt alter Weltbilder, die der gegenwärtigen Welt nicht mehr angemessen sind.

Das Christentum hat den Wert des Leidens in der Nachfolge des leidenden Erlösers großgeschrieben, so lange dieses Christentum noch eine ernstzunehmende Alternative zur Diesseitsbejahung dargestellt und sich noch nicht in Wohlfühl- und Nettigkeitsplattitüden aufgelöst hat.

Offenbar erschien Kant seine Strategie der metaphysischen Immunisierung der Würde des Menschen so schwach, dass er sich religiöser Tabuisierung bedienen musste, indem er von der Heiligkeit der Würde sprach. "Heiligkeit" ist aber kein Argument, sondern ein brachiales Mittel, mundtot zu machen.

Der Mensch ist ein wurzelloses Tier, das Mut zur Wurzellosigkeit haben sollte.



Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)