Il gran rifiuto
Der Amtsverzicht von Papst Coelestin V. bei Dante und Petrarca

Von Christoph Söding, Münster

Am 11. Februar 2013 gab Benedikt XVI. bekannt, am 28. Februar sein Amt aufgeben zu wollen. Einen ähnlichen Amtsverzicht aus freien Stücken hat es zum letzten Mal vor über 800 Jahren gegeben. Damals wie heute sind die Reaktionen unterschiedlich und reichten von Bestürzung über Erleichterung bis Hochachtung. Zwei der größten Dichter und Denker der italienischen Sprache, Dante Alighieri und Francesco Petrarca, haben zu diesem ersten Fall eines freiwilligen Rücktritts eines Papstes Stellung genommen und kommen zu gänzlich unterschiedlichen Ergebnissen.

Papst Coelestin V., 1313 heiliggesprochen, wird von Dante in die Hölle eingeordnet. Dantes Divina Commedia steht wie kaum ein anderes literarisches Werk für den Ansatz des "großen Ganzen", es ist der Versuch, das gesamte spätmittelalterliche Weltbild darzustellen. Bei Dante findet jeder seinen Platz: die Engel und Heiligen (und seine Geliebte Beatrice) im Paradies, die Aufrichtigen am Läuterungsberg und die hoffnungslosen Seelen in der Hölle. Alles ist streng nach der Schwere der Vergehen sortiert; am tiefsten Punkt der Hölle sitzt Luzifer für immer im ewigen Eis fest.

Coelestin hat es vergleichsweise günstig getroffen: er hält sich direkt an den Toren der Hölle auf, noch in Sichtweite des Flusses Acheron, zusammen mit anderen "ignavi", den feigen, furchtsamen, willensschwachen Menschen. Dante sieht, als er gemeinsam mit seinem Führer Vergil dort ankommt, eine Prozession von verstorbenen Seelen an sich vorbei ziehen, gewissermaßen als Vorgeschmack auf das, was ihn noch erwartet. Einige von ihnen kennt er: "Poscia ch'io v'ebbi alcun riconosciuto, / vidi e conobbi l'ombra di colui / che fece per viltade il gran rifiuto" - ‚es kann sein, dass ich dort jemanden kannte / ich sah und erkannte den Schatten dessen / der aus Feigheit den großen Verzicht leistete' (Inf. III, 58-60). Der Angesprochene braucht nicht einmal beim Namen genannt zu werden, er ist als der in die Geschichte eingegangen, der "den großen Verzicht" durchgezogen hat, der vom Papstamt aus freien Stücken zurückgetreten ist.1


Papst Benedikt XVI. am Grab Coelestins V. in der zerstörten Kathedrale von L'Aquila am 29. April 2009

Der wesentliche Kritikpunkt ist die "viltade", die Feigheit. Aus diesem Vorwurf spricht ein erhebliches Maß an Enttäuschung auf Seiten Dantes. Er hatte sich, wie viele andere auch, von Coelestin Signale erhofft, die die Kirche über das hinausbringen, wozu sie durch die Streitigkeiten der letzten Jahrzehnte geworden war. Die zwei verfeindeten Adelsfamilien der Colonna und der Orsini hatten es fertiggebracht, die Papstwahlen über zwei Jahre hinweg zu keinem Ergebnis zu bringen.

Dantes Hoffnungen waren insbesondere dadurch enttäuscht worden, dass Coelestins Nachfolger, Bonifatius VIII., die offene Konfrontation mit Philipp IV. (dem Schönen) von Frankreich nicht scheute. Dem Streit zwischen diesen beiden entsprang die Bulle "Unam Sanctam", die das Selbstverständnis der Päpste (Stichwort: Zweischwerterlehre) gegenüber der weltlichen Macht über Jahrhunderte prägte.

Dante, Anhänger der Ghibellinen, also vereinfacht gesagt, Anhänger des Kaisers, hat selbst auf die Bulle "Unam Sanctam" reagiert. In seinem lateinischen Traktat De Monarchia (1316) entwarf er eine Vision der weltlichen Monarchie, die für alle weltlich-politischen Belange zuständig ist, und die gleichberechtigt neben der geistlichen Macht, dem Papst steht. Die, aus seiner Sicht, Fehlentwicklung der Position des Papstamtes, führte er auch auf dem Amtsverzicht Coelestins zurück.

Einige Jahre später greift Petrarca diesen Vorwurf Dantes wieder auf: "quod factum solitarii sanctique patris, utilitari animi quisquis volet attribuat" - ‚nach dieser Tat schreibe, wer immer das will, dem einsam lebenden und heiligen Pater einen nutzbringenden Geist zu' (II. Buch, Sektion 3, Kap. 18). Wer auch immer es tun will, soll Coelestin unterstellen, er habe aus Eigennutz gehandelt. Es wird jedoch schnell deutlich, dass das nicht Petrarcas Meinung ist. Er lobt Coelestin ausdrücklich, und zwar aus mehreren Gründen. Der ganze Zweck seines Traktates De vita solitaria (1346-1356) ist, wie der Titel andeutet, ein Lob auf die Einsamkeit, auf die Zurückgezogenheit vor Gott, die Entweltlichung. "res humanae, quas multa divinarum contemplatione neglexerat, longumque solitudinis amorem" - ‚die menschlichen Dinge, die er zugunsten von ausgiebiger Kontemplation der göttlichen Dinge und einer langen Liebe der Einsamkeit vernachlässigte' (II, 3, 18). Ein großes und tiefes Verlangen nach Einsamkeit also ist es, was ihn ausmacht, und gleichzeitig die Kontemplation Gottes. Die Anlehnung der weltlichen Dinge scheint ein besonderer Fokus Petrarcas zu sein, sind sie doch auch der Grund, warum er auf das Papstamt verzichtet.

Hier liegt letztlich auch der Kern der (wohlwollenden) Kirchenkritik Petrarcas: Coelestin ist deshalb zum Vorbild geworden, weil er nicht zu den weltlichen Machtspielchen der Kardinäle passte, weil er keine Führungsstärke zeigte. Durch den größten vorstellbaren Verzicht, den auf das Amt des Stellvertreters Christi auf Erden, hat er sich, so Petrarca zum ultimativen Vorbild gemacht: "Reliquerunt alii naviculas ac retia, alii possessiunculas, […] alii etiam regna […], papatum verò, qui nihil est altius, […] quis illa aetate praesertim ex quo tanto in pretio esse coepit, tam mirabili et excelsio animo contemptit, quam Celestinus iste" - ‚manche gaben Schiffchen und Netze auf, andere kleine Besitztümer, andere auch ganze Reiche; das Papstamt aber, über dem nichts steht, die zumal in dieser Zeit demnach beginnt, so hoch geschätzt zu werden, wird verachtet von einem so wunderbaren und erhabenen Geist wie dem unseres Coelestins' (II, 3, 18). Er führt die Machtbestrebungen ad absurdum und stößt die Kirche darauf, was ihr eigentlicher Kern ist, die hoffende Erwartung des Kommens des Erlösers.

Die Parallelen zwischen Coelestin und Benedikt liegen auf der Hand. So wie einst Petrarca verbinden auch heute viele eine Hoffnung mit dem neuerlichen Rücktritt eines Papstes: Er ermöglicht die Rückbesinnung auf das Wesentliche, das Kerngeschäft der Kirche.

Anmerkungen
1 Es gibt auch Philologen, die davon ausgehen, dass es sich nicht um Papst Coelestin V. handelt, sondern etwa um Pontius Pilatus, der eigentlich das richtige habe tun wollen, aber aus Feigheit sich dem Willen des Volkes gebeugt habe. Einige Argumente für die Deutung des Ungenannten als Coelestin V. nennt der Kommentar der hier zitierten Ausgabe der Commedia, S. 99.

Literatur
Dante Alighieri, Commedia (hg. v. Anna Chiavacci Leonardi). Mailand: Mondadori, 1991.
Dante Alighieri, De Monarchia libri tres (hg. v. Federico Sanguineti). Mailand: Garzanti, 1985.
Francesco Petrarca, De vita solitaria (hg. v. Iohannes le Preux). Bern, 1600.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)