Der neue Roman von Eric-Emmanuel Schmitt:
Die Liebenden vom Place d'Arezzo

Diesmal sprach Diane beim Essen nicht über Sex, sondern ließ sich über ein Thema aus, das sie faszinierte: die griechische Patristik der frühen Jahrhunderte. Sie hatte doch tatsächlich beschlossen, eine Doktorarbeit über Origenes zu schreiben. Wie war sie auf Origenes gekommen? Warum hatte sie angefangen, sich mit ihm zu beschäftigen? ... Die Gedanken ihres Mannes Jean-Noel zerstreute Diane mit ihren Reden über diesen alexandrinischen Theologen aus dem dritten Jahrhundert nach Christus, der sich entmannt hatte, um sich Gott zu widmen, was in Dianes Augen zwar ein Fehler war, aber von beachtlichem Temperament kündete.
"Markus hat gesagt: 'So dich aber deine Hand ärgert, so haue sie ab!' Sich selbst kastrieren, um keine Versuchung mehr zu spüren, Origenes setzt es in die Tat um. Schließlich hat er als junger Mann auch mit angesehen, wie sein Vater vor seinen Augen geköpft wurde. Das ist keiner von den Feiglingen, den Traurigen und den Schläfrigen, das ist ein krasser Typ in einer krassen, gewalttätigen Welt. Ich will herausfinden, was er gedacht hat. Ob er recht oder unrecht hatte, ist dabei gar nicht wichtig."
Wieder einmal war Jean-Noel von Diane fasziniert. Wer, außer einem knochigen Gelehrten, der im Staub der Bibliotheken nach einer Leerstelle suchte, um Karriere zu machen, konnte sich heute noch für Origenes, Ammonios Sakkas oder Gregorios Thaumaturgos begeistern?

Lange hatte Diane den Monotheismus abgelehnt, Judentum, Christentum, Islam, um sich nur mit dem indischen Polytheismus oder der tibetischen Spiritualität zu beschäftigen; aber seit der Buddhismus in Europa Einzug hielt, hatte sie ihren Blick abgewandt und angefangen, die griechische Patristik zu studieren, und Origenes war zu ihrem Helden geworden.

Bei Orion genügte ein Wort, um einen ganzen Strom von Gedanken auszulösen. So hatte er sich einmal in das Tischgespräch eingemischt, als die Anwesenden gerade über Religion diskutierten: "Jesus? Toller Typ, dieser Jesus! Immer schön, immer jung. Habt ihr schon mal einen hässlichen Jesus in einer Kirche oder auf einem Gemälde gesehen? Nein. Niemand hat ihn je hässlich gesehen, alle Künstler stellen ihn als wunderschönen Menschen dar. Was für ein Riesenerfolg! Das Christentum ist schon nicht schlecht, oder?" Was war das für eine Seele, aus der solche Worte sprachen? Was für Gedanken beschäftigten diesen ungewöhnlichen Menschen? Orion blieb allen unbegreiflich.

Tom: "Glaubst du etwa an Gott?"
Nathan: "Was weißt du denn schon?"
Tom: "Darum frage ich dich ja."
Nathan: "Stopp! Nur weil du mich vierhundertmal gebumst hast, heißt das noch lange nicht, dass du Zugang zu meiner intimsten Intimität hast."

Nathan: "Viele Leute wollen mit Liebe nichts am Hut haben. Sie leben besser ohne sie. Meistens wird Liebe gerne angenommen, doch kaum einem liegt was daran, sie auch zu geben. Die Liebe ist etwas Destabilisierendes, ein Angriff auf den Egoismus, der Zusammenbruch einer Festung, das Ende einer Herrschaft: Ein anderer zählt mehr als man selbst! Was für eine Katastrophe ... Zudem kann durch die Bresche, die die Liebe geschlagen hat, die Selbstlosigkeit eindringen und das innere Gleichgewicht verändern."
Tom: "Du spinnst ja!"
Nathan: "Willst du einen Beweis dafür, wie unerträglich Liebe ist?"
Tom: "Her damit ..."
Nathan: "Es ist die Geschichte von einem tapferen jungen Mann, einem Junggesellen, der seinen Beruf als Zimmermann aufgibt, um herumzureisen und den Leuten zu sagen, dass Gott sie liebt und dass sie einander lieben sollen. Und dann verhält sich der Typ auch noch seinen Worten gemäß: Ehe man sich versieht, heilt er die Leprakranken, gibt dem Blinden sein Augenlicht zurück, holt er seinen Kumpel Lazarus zurück ins Leben, rettet er eine Unglückliche, die angeblich mit einem anderen Kerl fremdgegangen ist, vor der Steinigung und so weiter und so fort. Wunder, kluge Worte, haufenweise gute Taten, das ist sein jesusmäßiges Programm. Und was bringt ihm das Ganze am Ende, dem jungen Mann? Mit dreiunddreißig Jahren wird er verhaftet, weil die Leute ihn nicht mehr ertragen, und nach einem Scheinprozess wird er an Bretter genagelt. Was für eine Belohnung soll das denn sein? Kein Wunder, wenn sich seitdem kaum noch jemand zur Barmherzigkeit berufen fühlt. Man muss schon ein Heiliger sein, um danach noch Jesus zu spielen."
Tom: "Was willst du mir beweisen, Bruder Nathan?"
Nathan: "Dass Liebe Sprengstoff ist, dass sie revolutionär ist. Dass Leute, die von Liebe reden, wie Terroristen wirken in einer Gesellschaft, die von Eigennutz und Angst beherrscht wird. ..."

Wir sind nichts weiter als Körper, die hin und her laufen und sich schütteln, bis der Tod sie erlöst.

Sie legte die Hände auf ihren Bauch, strich sanft darüber und flüsterte: "Siehst du, in was für eine Welt du bald kommst? Willst du das wirklich? Ich hätte dich gewarnt, die Welt ist voll von Bekloppten, zu neunundneunzig Prozent. Und das eine Prozent, das nicht verrückt ist, das sind ein paar autistische Genies, an die man nicht herankommt, Künstler, denen du niemals begegnen wirst ... und Mama."


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)