Der neue Erzählband von Jochen Schmidt:
Der Wächter von Pankow

Am Abend saß ich mit einem Kollegen aus Hamburg in einem neuen Italiener. ... Ich behauptete, daß ich einen Roman schreiben wollte, der nichts mit mir zu tun hätte, aber nicht dazu käme, weil ich noch nicht alles verstanden hätte, was mir im Leben passiert ist, und Schreiben der einzige Weg sei, das zu ändern. Er sagte: Das lohnt sich nicht, du hast kein interessantes Leben, verglichen mit einem afrikanischen Kindersoldaten. Drei Jahre später warf ich Erde auf seinen Sarg, nachdem er dem Krebs durch einen Schuß zuvorgekommen war.

Was kannte ich aus Ungarn? ... Georg Lukács, nach der Wende belegte ich an der Uni ein Seminar zu seiner "Theorie des Romans", weil ich wegen des Titels dachte, man könne hier lernen, wie man den perfekten Roman schreibt, aber ich lernte nur, daß ich unter "transzendentaler Obdachlosigkeit" litt.

Ich glaube nicht an Gott, aber ich glaube an Wunder, weil ich schon so viele im Leben gesehen habe.

In allem, was man liebt, ist der Abschied schon enthalten. Die wahren Paradiese sind die verlorenen, sagt Proust.

Jedes Leben ist ein Epos, es muss nur jemand aufschreiben, man könnte im Telefonbuch auf einen Namen tippen und hätte einen Helden.

Ich trete meiner Mutter zuliebe nicht aus der Kirche aus. Ich hoffe aber am Jahresende immer, dass ich so wenig verdient habe, dass ich dieser Christen-Sekte nichts abgeben muss.

Die Geburt ist der Beginn eines langen Abschieds.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)