Der neue Roman von Alexander Schimmelbusch

Mit Victorias Mama war Victor übereingekommen, die Sache mit dem lieben Gott so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, denn der frohen Kunde von der Zufälligkeit, der Vergeblichkeit, der Unwirklichkeit, der Sinnlosigkeit und so weiter, der erschütternden Wahrheit also, die das Leben der Erwachsenen überschattet, würde Victoria noch früh genug auf die Schliche kommen. Auf keinen Fall würden sie ihrer Tochter initiativ mitteilen, dass man irgendwann ohne Grund einfach verschwindet und vergessen wird und nie mehr wiederkommt, um sie nicht unnötig zu deprimieren, aber auch für den Fall, dass sie eine schwere Krankheit bekäme – denn was sollte man einem Kind erzählen, wie sollte man ihm die Angst nehmen, wenn es keinen Himmel gäbe? Wenn auf die tapfere kleine Persönlichkeit nur ein gefrorenes Vakuum wartete?

Die Idee selbstbestimmten Handelns war nur als Wahnvorstellung zu bezeichnen. Er hätte auch als Bauernmädchen im Panjshir-Tal geboren werden können, das mit neun Jahren, obwohl es sich auf eigene Faust und nur anhand des Korans Lesen und Schreiben beigebracht gehabt hätte, mit einem hartherzigen 83-jährigen Hammelhirten verheiratet worden wäre.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)