Der neue Roman von Peter Sloterdijk:
Das Schelling-Projekt

Ich musste gestern nach Berlin fliegen zu einer Podiumsdiskussion an der Katholischen Akademie über mein vor kurzem erschienenes Buch "Religion in der Moderne: Umrisse einer Allgemeinen Dichtungstheorie". ... Dort mache ich den Vorschlag, Theologie als Poetik neu zu formulieren. Die Reaktionen der Betroffenen sind bisher distanziert zustimmend, was mich ein wenig wundert, da Theologen meistens wie Pflichtverteidiger Gottes agieren. Vom Besserwissen lassen sie sich nicht abbringen. An manchen Tagen wäre ich auch gern gläubig. Dann würde alles, was ich lese, zur Hilfswissenschaft bestehender Überzeugungen. Da ich den Zweifel für tiefer halte als den Glauben, wird bei mir alles Hilfswissenschaft des Gegenteils.

Wer Gott nie für plausibel hielt, wenn auch nicht für bewiesen, müsse ein toter Pfosten sein, wer ihn als gegebene Tatsache auffaßt, ein Simpel.

Kitsch und Wahrheit, sind sie nicht ein altes Paar? Sie laufen nebeneinander wie Parallelen, die sich angeblich im Unendlichen schneiden.

Menschen sind generell bereit, sich vor Bewundernswertem zu verbeugen. Sie bewundern, was sich ihrem Verständnis nicht ohne weiteres fügt. Vielleicht ist Religion eine Form der Unterwerfung, die sich am Nichtverstehen entzündet. Ich verstehe nicht, also ist Höheres im Raum. Bewunderung, die kleine Schwester des Glaubens an das Göttliche, besitzt in der Regel die Form des Aufblicks zum Unbegreiflichen. Man macht sich nicht hinreichend klar, wie schnell Menschen bereit sind, das Wirken höherer Mächte anzunehmen, sobald sie etwas nicht durchdringen!

In der Welt sein und glauben, recht zu haben, das reimt sich auf ganzer Strecke. Nietzsche hatte die empfindliche Stelle richtig angepeilt und doch im Entscheidenden danebengetroffen. Der Wille zur Macht, mein Gott, was wollte diese amateurische These besagen? Macht, wenn man sie wirklich innehat, erweist sich als etwas kolossal Lästiges. Wie sollten die vielen je den Willen zu ihr haben können? ... In Wirklichkeit wollen die Tröpfe doch etwas ganz anderes: Sie möchten wie sie gehen und stehen gerechtfertigt sein. Mit allen Mitteln streben sie danach, die Einsicht in ihre Minderwertigkeit zu vermeiden. Kein Preis ist ihnen zu hoch, um den Kopf über die anderen zu heben. Was ihnen Antrieb liefert, ist der übermächtige Drang, zu den Guten zu gehören. Gut ist, wer anklagen darf, ohne anklagbar zu sein. Nein, nein, in diesem Punkt sehen wir seit einer Weile klarer als unser Freund Nietzsche. Machtstreben ist nur bei den wenigsten das treibende Motiv. Die vielen wollen vor sich selbst und in den Augen der anderen zu den Guten zählen. Das Universum soll sie zum Mitarbeiter des Monats machen. Ihnen schwebt vor, beim Einzug der Heiligen in die Aula das Barett zu tragen, die Robe der Ewigkeit auf den Schultern. I want to be in that number.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)