Zum Tod der Lyrikerin Sarah Kirsch

Ich brauchte mich nur im Spiegel eines Wasserlochs anzusehen oder durch das hübsche Fernglas zu blicken, das einem früheren Gehirne zu verdanken doch war, oder mich an einen Vers des Gryphius zu erinnern, und es war der Hochmut vergangen. Der schnelle Tag ist hin, die Nacht schwingt ihre Fahrt. Gotteslästerungen sind mir verwehrt, weder kann ich abtrünnig werden noch als ein Renegat mit Ihm mich anlegen. Gott seine billige Planung, jeder frißt jeden zu seiner Zeit, nicht vorhalten und die unbedenkliche Verschwendung von einzelnen, eine Art für eine Weile aufsteigen zu lassen auf Kosten der anderen, bis ihr Stern den Zenit auch wieder verläßt. Es war mir nicht möglich, das Erbauliche zu finden, das in dem Gedanken lag, gegen Gott immer Unrecht zu haben. Die feige Flucht in die sanften Utopien, nein, ich konnte mich auch nicht mit dem paradiesischen Zustand als Gedankenspiel für eine kurze glückliche Frist befreunden, wo niemand Wolf oder Lamm war und Lamm nicht das Gras fraß, Gras das Moor nicht verdrängte. Nur sanfte Wellen, Gekräusel und sanfte Hauche, ich weiß nicht, was ich der Elster antworten soll, die mich nun überfliegt in ihrem schwarz-weißen Federkleid ohne verbindliche Abstufung drin, wenn sie lacht und mich fragt, was willst du, was schlägst du vor. Ich muß mit meinem Gehirn Mord und Totschlag annehmen und die Endlichkeit dieser Erde, über die der Komet wieder hinzieht, der Bethlehem-Stern.
(Sarah Kirsch)


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)