Der neue Roman von Ralf Rothmann


Aus den Aufzeichnungen von Bredelin Merxheim, einem fiktiven Chronisten des Dreißigjährigen Krieges

Mehr noch als Hunger, Seuchen und Angst vor den Barbaren, weiß Gott welcher Fahne, zehrten fürderhin Trauer und Schwarzgalle die Menschen auf, der Blick in den Himmel ohne Trost. Niemand glaubte mehr an einen guten Gott bei all dem Elend, das ihm in die Augen stach.

Was, sage er's frei, soll denn ein Bethaus im Dorfe, so niemand mehr betet?

Die Gebete, die wir in den Himmel schicken, rieseln als Asche in unsere Augen zurück, und nun sei's genug mit den frommen Litaneien, dem süßen Gesang, nun braucht's eine Kirche für Flüche!

Dass im Glücke immer auch Schuld, im Leid jedoch meistens Unschuld sei, die Erkenntnis war dem Schreiber dieser Zeilen, den die Furien des Hungers quälten, bisweilen tröstlich Brot. Der Gram verzitterte ihm die Schrift, aber auch in Zeiten ohne Geist muss geschrieben werden zum Zeugnis für Künftige, dass klüger und blickiger werde der Mensch. Nicht ausrichten an der Schneide der Gier und dem Lärm der Schlacht soll er sein Inneres, als vielmehr an der Sanftmut, wie sie in den Weibern lebt, und an der Stille Klang, der nichts anderes ist als die Stimme unseres Herrn.

Wem die Vision eines Werkes eingegeben, dem eignet noch lange nicht Kraft und Glück der Umstände, es zu vollenden. Alles liegt beim Herrn, so wir auch gezwirbelt und gerädert werden. Uns bleibt das Nichtverstehen, mit dem er jeden am Ende beschenkt wie einen Fisch mit einer Münze. Uns bleibt die vage Hoffnung, dass unser Leben zumindest bei ihm einen Sinn ergibt.

Aus der Erzählung über die zwölfjährige Luisa

"Warum sind Sie denn überhaupt Nonne geworden?", fragte Luisa Schwester Mathilde.
"Ach Gott ... Ich glaube, man ist es immer schon, man weiß es nur nicht. Aber dann gehen einem die Augen auf. Als ich neun Jahre alt war, erfuhr ich eines Winterabends, dass es jenseits unseres armen Alltags noch ein anderes Leben zu geben schien, eine Welt voller Wohlwollen, Schönheit und Eleganz ... Ich wusste in dem Moment, dass ich dem Geheimnis sehr nah war, und nahm mir vor, ihm so rasch wie möglich noch näher zu kommen." [...]
"Und das Opfer ist Ihnen nicht schwergefallen?" fragte Luisa.
Sie wiegte den Kopf. "Na ja, anfangs schon, klar. Bei meiner Profess war ich zweiundzwanzig, die ersten Freundinnen wurden schwanger. Aber dann auch wieder nicht, denn eigentlich existiert gar kein Opfer, nicht wirklich. Wenn du dich überwindest und etwas dir Liebes oder Kostbares aus reinem Herzen von dir gibst, ein für alle Mal, wenn du es also mit Überzeugung und ohne jeden Rückhalt opferst, wirst du ja in derselben Sekunde beschenkt, verstehst du? Das geht gar nicht anders!"
Luisa nickte zwar, doch in Wahrheit hatte sie bestenfalls eine Ahnung davon, was es bedeuten könnte. Gerade dieses leise Nichtverstehen aber war es, das ihr das gleiche Behagen bereitete wie der Gedanke an etwas Gutes oder Köstliches, das man sich für später aufgehoben hat.
Sie sagte: "Ich möchte auch Nonne werden."

Historische Nachbemerkung

Zeit der Handlung des Romans sind die letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges. Ein Ort der Handlung ist ein Karmelitinnen-Kloster in der Nähe von Kiel. Nach Auskunft von Oliver Auge und Katja Hillebrand, Verfasser des Buches "Klöster in Schleswig-Holstein", hat es in Schleswig-Holstein nie ein Kloster der Karmelitinnen gegeben.
Über das Karmelitinnen-Kloster des Romans erfährt man:
• Das Kloster, in Backsteingotik erbaut, wurde im Zweiten Weltkrieg in ein Lazarett für verwundete Soldaten umgewandelt.
• Die Priorin wurde inhaftiert.
• Alle Nonnen mussten "ihren Schleier und den wallenden braunen Habit gegen die Uniform der Deutschen Schwesternschaft tauschen".
• "Den Karmelitinnen war befohlen worden, das Kreuz an dem Treppengiebel zuzumauern – was sie mit brandneuen Ziegeln gemacht hatten."
• "Wie alle Madonnen- oder Heiligenbilder war auch das Wandkreuz am Ende des Flurs auf Geheiß der Behörden abgenommen worden".
Eine Frage an die Ordenshistoriker, die über Nonnenklöster im Nationalsozialismus geforscht haben: Wie historisch plausibel ist dieses Schicksal eines Klosters im Dritten Reich?


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)