Zum Tod des Berliner Dichters Rolf Haufs
Zur Person von Haufs vgl. FAZ, NZZ und RBB
Die Stimme von Haufs hört man hier.

Wie sollten wir umkehren können
Kurzes Leben. Was erfinden wir nicht alles
Wie viele Fluchtwege wieviel Tarnung
Wieviel Täuschung wieviel woran wir alle
Sterben werden

Halbwach ertappen wir uns
Beim Gebet. Eben noch im Paradies
Beginnen nun die Stunden
Abzulaufen: Leben nennen wir
Was immer zu tun ist
Kein Unterschied alles läuft
Auf dasselbe Ziel: wir werden
Sterben

Die Fäden sind gerissen ich will
daß immerhin
noch einmal jemand käme
und mich verändert nähme
daß du es wärst gäb Sinn

(Aus: R. Haufs, Juniabschied. Gedichte. Reinbek bei Hamburg 1984. S. 60, 70, 84. Sinnstiftung angesichts des Todes wird hier vermutlich nicht von einem göttlichen Du erhofft, denn an anderen Stellen des Gedichtbandes heißt es "Ogottimhimmel wirst nicht finden" und "Wär gläubig ich / Wieso bin ich es nicht". Die Gedichte von Rolf Haufs sind Beispiele für eine Lyrik, die zwar noch christlich geprägt ist, aber nicht mehr mit einem lebendigen Gott rechnet.)

Trost

Wir kamen uns lächerlich vor, als wir wie Hühner hinter dem Leichnam unseres Freundes hergingen. In Gottes Namen! schrieen schwarzuniformierte Männer und ließen unseren Freund in die Erde hinab. Wir streuten Sand und sahen einen Vogel, der fröhlich über die Gräber hüpfte. Ein Flugzeug kreiste am Himmel, und in der Nähe übte die Schutzmacht das Schießen. Später kühlten die Hinterbliebenen ihre Trauer mit Eis. Mit einem der Hühner kamen wir ins Reden. Es sagte, alles sei so traurig hier, es fliege schon morgen hinweg auf die Sporaden. Nackt wolle es in der Sonne liegen, scharf auf gegrilltes Fleisch und Salat. Da wußten wir, unser Freund hatte gut daran getan, die Welt zu lassen.
(Aus: R. Haufs, Selbst Bild. München/Wien 1988. S. 52)

Kirchenlied

Laß los damit ich gehen kann
Halt fest begleite mich
Damit ich nicht entgleite

Sag ich das erste Wort so soll
Das zweite folgen und ihm ein Satz
Der mich versöhnt mit mir

Schlag ich die Nacht mir um
Das Ohr. Sei still
Die Hymnen leiern kreuzundquer

Zuguterletzt nehm ich mir raus
Was paßt. Wir trennen Schaf und Bock
Laß los ich will nicht mehr

(Aus: R. Haufs, Vorabend. Gedichte. München/Wien 1994. S. 46)

Die angesichts des Todes gemachte Feststellung "Kein Gott in Sicht / Der Wasser trennt und Erde" steht in: R. Haufs, Ebene der Fluss. Gedichte. Lüneburg 2002. S. 21. Haufs wurde von Joachim Beckmann, einem Mitglied der Bekennenden Kirche, getauft und bezeichnete sich in einem Gedicht als "armer Protestant" (Felderland. Gedichte. München/Wien 1986. S. 67). Sein Konfirmationsspruch war 1 Kor 1,30. In seinem letzten Gedichtband "Tanzstunde auf See" (2010) notierte er: "Wir redeten über Seele und / Katholizismus der uns zweitausend Jahre voraus war / Meinen rigorosen Protestantismus / Hast Du später auf deine Weise umgesetzt" (S. 94). Die letzte Strophe eines anderen Gedichts in "Tanzstunde auf See" lautet: "Als sie ihn zu Grabe trugen sangen sie christliche Lieder / Zu Recht frohlockte ich aus der Ferne / Die Atheisten sind doch die besten Christen" (S. 78).


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)