Roger Aubert ist tot


Einer der bedeutendsten Historiker für die Geschichte der römisch-katholischen Kirche im 19. und 20. Jahrhundert ist im Alter von 95 Jahren gestorben: Roger Aubert. Er starb am 2. September 2009 bei der Zelebration der täglichen Eucharistie. Vgl. hier.
Aubert wurde am 16. Januar 1914 in Ixelles-Bruxelles geboren und 1938 in der Diözese Mecheln zum katholischen Priester geweiht. Er studierte an der Universität Löwen, wo er 1933 in Geschichte und 1942 in Theologie promovierte. Von 1952 bis 1984 war er Professor für Kirchengeschichte an der Universität Löwen. Er war Ehrendoktor der Universitäten Nimwegen (1963), Mailand (Sacro Cuore, 1965), Tübingen (1967), Graz (1985) und Sherbrooke (1997). Er leitete die Zeitschrift Revue d'Histoire Ecclésiastiques und das Dictionnaire d'histoire et de geographie ecclesiastiques. Die Begräbnisfeier für Aubert ist am 9. September um 11 Uhr in der Kirche Saint-Francois in Louvain-la-Neuve.
Anlässlich der Emeritierung von Roger Aubert am 10. Mai 1984 urteilte der Freiburger Historiker Oskar Köhler über ihn: "Er steht in der ersten Reihe jener katholischen Kirchenhistoriker, die seit der Mitte dieses Jahrhunderts mit aller Entschiedenheit die hagiographischen Übermalungen abtrugen, die noch immer mehr oder weniger das geschichtliche Kirchenbild bestimmten, wie es aus der Zeit der Reaktion gegen die Französische Revolution und des Zentralismus im Geist des Ersten Vatikanums hervorgegangen war. Gewiß hatte sich die Historische Theologie und ihre Methode (Albert Ehrhard, 1922) längst gegen die manchmal verdächtigende Abwertung der kirchlichen Historiographie zur bloßen Hilfswissenschaft durchgesetzt (immerhin wurde erst 1934 eine eigene Fakultät an der Gregoriana in Rom errichtet) und hatten sich, nicht zuletzt unter protestantischem Einfluß, seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bedeutende kritische Darstellungen der Kirchengeschichte gemehrt. Doch die katholische kirchliche Historiographie der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zeichnet sich zunehmend durch jene Unbefangenheit und Souveränität aus, die auch das Werk von Roger Aubert charakterisiert. Dieser Kirchenhistoriker, promoviert zum Dr. phil. und Dr. theol., weiß sich in aller Selbstverständlichkeit als katholischer Theologe und hat auch systematische Arbeiten vorgelegt, 1945 Das Problem des Glaubensaktes, 1953 Die katholische Theologie in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Doch die theologische Eigenart seiner historischen Werke äußert sich nicht in Reflexionen, sondern im sicheren Blick auf die geschichtliche Identität der katholischen Kirche, auf die hin er die einzelnen Erscheinungen ortet, ohne Scheu auch jene, in denen sich ein hybrides Bewusstsein von Orthodoxie äußert. ... Aubert zeigt nachdrücklich die strangulierenden Wirkungen des Ultramontanismus, zugleich aber auch seine Bedeutung für die Überwindung des kirchlichen Nationalismus, der die Autonomie gegenüber Rom mit Abhängigkeit vom Staat bezahlte. ... Ob man aus der Geschichte lernen kann oder nicht: Jedenfalls ist zu lernen aus der Art, in welcher der belgische Historiker mit der Geschichte der Kirche umgegangen ist, zum Nutzen in den Nöten der Gegenwart."
Im deutschen Sprachraum wurde Roger Aubert bekannt durch seine Darstellung des Pontifikats von Pius IX. (Paris 1952, erschienen als Band 21 der von Augustin Fliche und Victor Martin herausgegebenen Histoire de l'Eglise), durch den zwölften Band der von Gervais Dumeige SJ und Heinrich Bacht SJ herausgegebenen Geschichte der ökumenischen Konzilien über das Erste Vatikanische Konzil (Mainz 1965), durch seine Beiträge für das von Hubert Jedin herausgegebene Handbuch der Kirchengeschichte, durch seine Artikel für das LThK (2. und 3. Aufl.) und die TRE, durch seine Aufsätze für die Festschriften für Karl Adam und Hugo Rahner SJ sowie durch den fünften Band der von ihm mitherausgegebenen Geschichte der Kirche (Einsiedeln 1976).
Roger Auberts Buch über das Vaticanum I sei "inhaltlich ... ein großer Wurf", lobte Alois Grillmeier SJ. "Hervorragend ist der zeitgeschichtliche Hintergrund dargestellt. Sehr gelungen ist die Zeichnung einzelner Persönlichkeiten oder der verschiedenen Gruppen des Konzils. Für die Vorgänge auf dem Konzil konnte Verf. auch bisher nicht veröffentlichte Quellen benützen .... Als Wichtigstes kann man wohl die Deutung der Definition der päpstlichen Infallibilität und des Zustandekommens ihres endgültigen Textes bezeichnen. Er zeigt nämlich auf, dass durch die Bemühungen der Minorität des Konzils die Definition gegenüber den ersten Entwürfen 'merklich nuanciert und präziser gefasst worden war' ... Durch die vorliegende Arbeit und andere Studien, vor allem zu Pius IX., hat sich Verf. als führender Fachmann für die Geschichte des Vaticanum I ausgewiesen."
Über achtzig Prozent des Bandes VI/1 des Handbuches der Kirchengeschichte (Freiburg-Basel-Wien 1971) stammten aus der Feder von Roger Aubert. Der Kirchenhistoriker Klaus Schatz SJ notierte in seiner Rezension: "Von Aubert als dem Autor des klassischen Werkes über den Pontifikat Pius' IX. erwartet man mit Spannung eine vergleichbare Darstellung über die Kirche in der Franz. Revolution, unter den Restaurations-Päpsten und unter Gregor XVI.; und man wird nicht enttäuscht. Man findet dort die gleichen gelungenen Synthesen, die gleiche Kombination von solider, auf ausgiebiger Verarbeitung der einschlägigen Literatur gestützter Einzelforschung und der Fähigkeit zu zusammenfassenden Ausblicken, wie man sie von seinen früheren Arbeiten her gewohnt war. Die differenzierte Darstellung der Nuancen, die ausgewogenen Gesamturteile, die oft bezeichnende Erhellung der Situation durch ein zeitgenössisches Zitat oder das Urteil eines anderen Autors machen die Ausführungen sowohl für den Fachhistoriker ergiebig wie für den Nicht-Fachmann interessant."
In Band VI/2 (Freiburg-Basel-Wien 1973) behandelte Roger Aubert das Pontifikat von Pius X., dem Namensgeber und Lieblingspapst der Pius-Brüder. Über dessen Kampf gegen den Modernismus stellte er fest: "Hinsichtlich der Unterdrückung des Modernismus ... ist es unbestreitbar, dass es besorgniserregende Aspekte in den vielgestaltigen Reformströmungen gab, die sich zu Beginn des 20. Jh. entwickelten, und dass das unaufrichtige Vorgehen mancher Bahnbrecher dieser Bewegung es notwendig machte, an die Prinzipien und gewisse Warnungen vor Entgleisungen zu erinnern. Man muss jedoch zugeben, dass die Bilanz der verschiedenen Maßnahmen, die zur Eindämmung des Einflusses des Modernismus ergriffen wurden, heute als negativ zu bewerten ist. Zahlreiche der Kirche ergebene Männer wurden unbarmherzig verdammt, und nur wenige wurden dann wieder relativ rasch rehabilitiert, wie z.B. Pater Lagrange. Noch schwerwiegender als diese persönlichen Schicksale waren jedoch andere Tatsachen: die undifferenzierte Unterdrückung des Modernismus hielt für lange Zeit die Masse des Klerus von der geistigen Auseinandersetzung ab. Verhindert wurde dabei, dass sich eine allmähliche Klärung vollzog und dass man lernte, in dem geistigen Gärungsprozess, der sich in der katholischen intellektuellen Welt bis ums Jahr 1900 herum vollzog, das Gesunde von Übertreibungen oder gar von Irrtümern zu unterscheiden. Der Graben zwischen der Kirche und der modernen Kultur wurde vertieft. Die Lösung fundamentaler Probleme wurde hinausgeschoben, wobei dadurch, dass man sie sozusagen einfach ignorierte, nichts gewonnen wurde, im Gegenteil Schaden entstand. ... Nicht nur die Deutschen allein fürchteten die verhängnisvollen Folgen der antimodernistischen Unterdrückung für die echte katholische Wissenschaft. Übereinstimmend stellt man heute fest, dass die Erneuerung, die sich unter Leo XIII. angebahnt hatte, hierdurch fast über eine ganze Generation hinweg ernsthaft gehemmt wurde. Vor allem in Italien, wo die Unterdrückung besonders schonungslos erfolgte, wurde durch sie fast der gesamte Klerus von ernsthaften Studien abgehalten, wodurch sich der bedenkliche Rückstand auf dem Gebiet der zeitgenössischen Kultur, der bis auf unsere Tage eine der großen Schwächen des italienischen Katholizismus geblieben ist, noch weiter vergrößerte. Aber auch anderwärts veranlasste die Befürchtung, die christliche Forschung könne sich möglicherweise in Bahnen bewegen, die von den kirchlichen Autoritäten als abenteuerlich angesehen werden, zahlreiche katholische Theologen dazu, sich auf rein historische Arbeiten zurückzuziehen, oder, was noch schlimmer war, sich auf das Wiederkäuen von Lehrbuchformeln zu beschränken und nur über völlig ungefährliche Randfragen im Rahmen eines ziemlich engherzigen Neuthomismus zu spekulieren."
Bei Roger Auberts Behandlung der kirchlichen Unterdrückung des Modernismus werde nicht nur erkennbar, so Klaus Schatz in seiner Rezension, "wie immer mehr eine bis zur Psychose gesteigerte Belagerungsmentalität in den Vordergrund trat. ... Aufgrund der Forschungen vor allem E. Poulats zeigt der Autor, dass einerseits das oft überschätzte 'Sodalitium Pianum' Benignis nur ein, wenngleich krasses Einzelphänomen innerhalb der viel umfassenderen Gesamterscheinung des 'Integralismus' war. Für letzteren ist vor allem kennzeichnend, dass er ... nicht nur gegen klar formulierbare Häresien, sondern pauschal gegen 'modernisierende Tendenzen' und gegen eine ganze Mentalität kämpfte, sich damit also bewusst gegen das ganze Anliegen und nicht nur gegen 'irrige' Lösungsversuche sperrte. Anderseits kann man heute nicht mehr Pius X. durch Abgrenzung von seiner 'integralistischen Umgebung' reinwaschen. Seine unmittelbare Verantwortung, auch für das 'Sodalitium Pianum', ist größer als man wahrhaben wollte. ... Die Lektüre kann jedem empfohlen werden, der sich bemüht, zu verstehen, wie - im Positiven wie im Negativen - das Heute kirchlicher Wirklichkeit geworden ist."
Siehe hier eine Würdigung von Roger Aubert durch Godfried Kardinal Danneels und hier eine Hommage durch Jean-Pierre Delville (mit Curriculum vitae).


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)