MFThK, GA, 15.11.14

Sind "kritische Fragen" an Gott "ein religiös verbrämter Humanismus"?

In einem Interview mit der Tageszeitung "Die Welt" wurde der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider gefragt:
Wenn wir Individuen sind, die das Leid des Lebens erfahren: Können wir Gott sagen, dass er sich mal klar machen soll, was er uns zumutet?
Schneider antwortete darauf:
Ich bin mir sicher, dass ich mich einigen peinlichen Fragen stellen muss, wenn ich dereinst Gott gegenüberstehe. Aber ich werde auch kritische Fragen an ihn haben.
Der Chef der Katholischen Nachrichtenagentur Ludwig Ring-Eifel kommentierte diese Antwort am 11.11.2014 auf katholisch.de mit den Worten:
Theologisch ist das schräg, ein religiös verbrämter Humanismus. ... Auf die Idee, sich die finale Begegnung mit seinem Schöpfer als Dialog auf Augenhöhe vorzustellen, muss man als Theologe erst einmal kommen!
(Leider sind die Kommentare in der Rubrik "Standpunkte" auf katholisch.de nur eine Woche online. Auf die Idee, Autoren Texte schreiben zu lassen, die bereits nach einer Woche wieder gelöscht werden, muss man als Internetportal erst einmal kommen! Willkommen in der katholischen Medienwelt!)
Bei Ring-Eifels Worten drängt sich der Eindruck auf, dass der KNA-Chef den Theodizee-Diskurs in der katholischen Theologie der letzten Jahrzehnte verschlafen hat.
In seinem Nachruf auf Romano Guardini in der "Zeit" berichtete Walter Dirks im Oktober 1968:
Der es erlebt hat, wird es nicht vergessen, was ihm der alte Mann auf dem Krankenlager anvertraute. Er werde sich im letzten Gericht nicht nur fragen lassen, sondern auch selber fragen; er hoffe in Zuversicht, daß ihm dann der Engel die wahre Antwort nicht versagen werde auf die Frage, die ihm kein Buch, auch die Schrift selber nicht, die ihm kein Dogma und kein Lehramt, die ihm keine 'Theodizee' und Theologie, auch die eigene nicht, habe beantworten können: Warum, Gott, zum Heil die fürchterlichen Umwege, das Leid der Unschuldigen, die Schuld?
Die Guardini-Frage "Warum, Gott, zum Heil die fürchterlichen Umwege, das Leid der Unschuldigen, die Schuld?" wurde bereits in den 1970er Jahren von Theologen wie Heinrich Fries und Heinz Robert Schlette aufgegriffen und begann ihre Karriere als eines der meistzitierten Worte im Rahmen des Theodizee-Diskurses m.E. dann 1980 durch die Veröffentlichung des Rahner-Vortrages "Warum lässt Gott uns leiden?".
(Dieser Vortrag ist inzwischen nachzuhören in der Österreichischen Mediathek. Die Guardini-Frage kommt um 1:1:42. In der Österreichischen Mediathek findet man auch noch elf weitere Tondokumente mit Rahner. Wer einmal die Stimme Hans Urs von Balthasars hören möchte, wird hier – ab 31:33 min – ebenfalls fündig. Hörenswerter sind in dieser Sendung ab 21:54 min jedoch die engagierten Worte Rahners über das "Ende der pianischen Epoche" und "die Zukunft der Welt" ...)
Seitdem wird die Guardini-Frage in der katholischen Theologie immer wieder zitiert, u.a. von Johann Baptist Metz, Hans Kessler, Thomas Pröpper (in seinem Aufsatz "Fragende und Gefragte zugleich", ein Titel, der zur Antwort Schneiders passt) und jüngst von Walter Kasper in seinem Buch "Barmherzigkeit". Diese "mystische Unruhe der Rückfrage", wie sie bei Guardini zum Ausdruck komme, gehöre zur biblisch-christlichen Mystik, so J. B. Metz vor 25 Jahren.
Zwischen der Frage Guardinis und der Antwort Schneiders erkenne ich keinen wesentlichen Unterschied.
Ein Theologe, der behauptet, die Guardini-Frage sei "theologisch schräg" und "ein religiös verbrämter Humanismus", ist mir nicht bekannt.

Auf das Fehlen jeder sachlichen Begründung für Ring-Eifels Abfertigung der letzten EKD-Orientierungshilfe als "Preisgabe christlicher Ethik und biblischer Tradition" hat bereits V. Schnitzler in seinem Blog hingewiesen. An dieser Stelle sei nur auf die umfangreiche Dokumentation der Debatte über dieses EKD-Papier aufmerksam gemacht, die inzwischen veröffentlicht wurde. Dort könnte Ring-Eifel z.B. einen Leitartikel des HK-Redakteurs Alexander Foitzik nachlesen, der sich angesichts der EKD-Orientierungshilfe "eine offene, faire, möglichst breit geführte Diskussion zum Thema Ehe und Familie ... auch in der katholischen Kirche in Deutschland" wünscht, eine Diskussion, in der "auf vorschnelle Abwertung anderer Positionen oder ideologische Immunisierung der eigenen" verzichtet wird.
Dieser Diskussion wird seitens der KNA nicht mit Schlagworten wie "Preisgabe christlicher Ethik und biblischer Tradition" gedient.

Ceterum censeo: Wie lange beliefert Ring-Eifels KNA eigentlich noch ein privates denunziatorisches Internetportal, das ohne die Nachrichten katholischer Agenturen sowie die finanzielle Unterstützung von "Kirche in Not" wahrscheinlich schnell bedeutungslos würde?

Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)