Der Debütroman von Zia Haider Rahman

Wenn die Menschen sagen, dass die Religion nur eine Krücke ist, frage ich mich unweigerlich, was dieses nur bedeutet, denn wer wollte bestreiten, dass eine Krücke es uns erlaubt, unser Alltagsleben weiterzuführen, humpelnd zwar, aber doch besser als ohne, während gleichzeitig die Entlastung des verletzten Körperteils den Prozess der Heilung unterstützt. Natürlich weiß ich, dass dies nur als Metapher beschworen wird, aber mir scheint, dass auch Metaphern niemals nur etwas sind.

Die wunderbare Feststellung, auf der das Christentum basiert, ist die, dass die größte Liebe nicht erkämpft oder verdient werden kann. Das ist keine ethische Norm, sondern eine empirische Beobachtung, ein wissenschaftlich überprüfbarer Lehrsatz, und auf diesem Fels wurde eine ganze Religion erbaut, eine prächtige Kathedrale der Hoffnung.

In der östlichen Tradition gibt es Kirchen, wo man eine andere Version des Nicänischen Glaubensbekenntnisses spricht als die in englischsprachigen anglikanischen oder römisch-katholischen Kirchen verwendete. Es heißt nicht: wir glauben. Es heißt nicht einmal: ich glaube. Sondern es heißt: ich vertraue. Ich habe gehört, dass die Verwendung des Wortes glauben im englischen Glaubensbekenntnis nur daher rührt, dass man keine entsprechende Übersetzung gefunden hat. Jedenfalls kann ich nicht von Glauben sprechen. Ich kann nicht sagen, dass ich an Gott glaube, dessen Namen man nicht nennen soll oder dessen Prophet am Kreuz gestorben ist oder dessen Erzengel einem Analphabeten befahl zu lesen. Ich kann nicht einmal sagen, dass ich an den einen wahren Gott glaube. Aber in jener langen, kalten Nacht in Dubai, als ich auf den Knien lag, nicht zum ersten Mal und sehr wahrscheinlich nicht zum letzten Mal, wollte ich gerne auf ihn vertrauen. Vertrauen ist das kostbarste Gut, das wir einander schenken können. Abrahams Opfer war nicht Isaak; es war Vertrauen.

Gödel war Lutheraner. Er sagte, er sei Theist und glaube an einen persönlichen Gott. Einstein sagte von sich, er glaube an einen abstrakten Gott, den Gott Spinozas, der sich anscheinend in der Harmonie alles Existierenden offenbart; er glaubte nicht an einen Gott, der sich mit Schicksal und Taten der Menschen befasst.
Und Gödel glaubte auch daran?
Nein. Die beiden diskutierten über Gott, nimmt man jedenfalls an; niemand weiß genau, worüber sie geredet haben. Nein, Gödel, vermutlich der größte Logiker aller Zeiten, glaubte an einen persönlichen Gott, mit dem man sprechen kann.

Das Ganze ist zu abstrakt, die Sache, dass unser Leben noch eine weiterreichende Bedeutung haben soll. Wir wissen nur, dass wir nicht wollen, dass es nichts bedeutet. Also stürzen wir uns kopfüber ins Heldentum, werden ein großer Macher in der Wall Street oder ein Rockstar oder ein wahnsinnig erfolgreicher Menschenrechtsanwalt. Und dabei geht es fortwährend darum, dass unser Leben eine Bedeutung haben soll, die unsere Intelligenz fassen kann, damit wir nicht dem ins Auge sehen müssen, von dem wir fürchten, dass es wahr sein könnte [...], und zwar, dass wir einfach nur ein Stück Fleisch sind, Hammelfleisch ohne Bedeutung.

Zafar hatte sich dem Streben nach Wissen verschrieben, nicht, um sich "weiterzubilden", wie man so schön sagt, sondern um einen Boden zu schaffen, auf dem seine Füße stehen konnten; um also heimkehren zu können, irgendwohin, und dort Wurzeln zu schlagen. Ich glaube, er war an dieser Aufgabe gescheitert und hatte erkannt, wie er selbst so oft sagte, dass unser Leben uns keine Erkenntnis schenkt, dass Antworten nur neue Fragen hervorbringen können, dass Ehrlichkeit kein Glaubensbekenntnis verlangt, sondern ein Bekenntnis der Unwissenheit, und dass die einzige von uns zu vollbringende Aufgabe - eine, die uns auferlegt wird, falls dabei überhaupt jemand die Hand im Spiel hat - darin besteht, zuzulassen, dass Fragen sich entfalten, dem Fluss zu folgen, ohne zu wissen, ob er zum Meer führt, und zu akzeptieren, dass wir dem Leben dienen sollen.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)