Der neue Roman von Marion Poschmann

Er wollte es mit der pastoralen Technik probieren, die darin bestand, die Leute dort abzuholen, wo sie gerade waren, eine rhetorische Floskel, die er immer unerträglich gefunden hatte, weil sie darauf hinauslief, das allgemeine Niveau auf die niedrigstmögliche Stufe zu senken.

Lange hatte er sich mit der Gottesdarstellung Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle beschäftigt. Gott, der von einer Wolke aus feisten Putten getragen wird, Gott, der so hingelagert in einer überaus lässigen Geste seine Hand zu Adam hinüberstreckt und ihm mit einer winzigen, elektrisierenden Berührung seines völlig entspannten Fingers den Lebenshauch spendet, Gott trägt Vollbart. Da Michelangelo bekanntlich Männer liebte, war die kulturelle Wirkung der Sixtinischen Kapelle auf die Homosexuellenszene für Gilberts Studie von nicht unerheblichem Interesse. Ganz entgegen dem Narzissmusklischee, das dem schwulen Mann im Bewusstsein der vorurteilsbeladenen Öffentlichkeit entgegenschlug, identifizierte sich dieser keineswegs mit Gott, sondern vielmehr mit dem jugendlich muskulösen, allerdings ausnehmend passiven Adam. Dieser Adam, nach dem Vorbild der griechischen Athletenstatuen ohne jegliche Körperbehaarung gestaltet, trug in der Gegenwart, so Gilberts Argumentation, erheblich zur modischen Erscheinung der Ganzkörperrasur bei. Gott hingegen war derjenige, der das Freudsche Berührungstabu durchbrach, war die erotisierende Macht, das ganz andere, der große Andere.

Gilbert wanderte mit Mathilda von einer Kirche zur nächsten, um die Darstellung der Gottesbärte zu vergleichen. [...] Für den Gottesbart gab es keine alternative Frisierung. Die Christusfigur konnte in der Darstellungsform des Guten Hirten nach zeittypischer römischer Mode glattwangig auftreten, Christus Pantokrator trug einen gepflegten, nicht allzu langen Herrscherbart, der leidende Christus in den düsteren Barockkirchen [...] zeigte für gewöhnlich einen leicht herausgewachsenen Dreitagebart, da er verständlicherweise in der Rolle des Opferlamms für weltliche Angelegenheiten wie die Morgenrasur keine Zeit mehr gefunden hatte. [...] Christus war in seiner Studie allerdings nur ein Nebenaspekt, Gilbert konzentrierte sich auf Gottvater, dessen Bartgestalt im Rahmen des Bilderverbots eigentlich überhaupt nicht existieren dürfte. Das Gebot der Unansichtigkeit Gottes, die Idee von Gottes Körperlosigkeit oder allenfalls der Wolke als Gottes Rückseite war mit Hilfe der Denkfigur unterlaufen worden, dass das Bild Gottes gar keine Abbildung Gottes sei, sondern nur die Abbildung einer Vision von Gott, also beispielsweise die Wiedergabe einer prophetischen Schau wie in Daniel Kapitel 7, Vers 9, wo die Vorstellung vom Alten der Tage etabliert wird: Das Kleid war schneeweiß, und das Haar auf seinem Haupt wie reine Wolle. Seither schien die Darstellung Gottes mit Weisheitsbart allgegenwärtig, und das Ergebnis seiner Studie stand von vornherein fest. Bart oder kein Bart, immer ging es um das Symbol einer höheren Macht. Mathilda störte sich an der Zurschaustellung von Virilität. Gottesbart, hatte sie geschnaubt, es geht doch ausschließlich um patriarchale Strukturen, ihre Demonstration und Erhaltung, komme, was wolle. [...] Konnte es wahr sein, dass die christliche Ikonographie Gottvater nach dem Vorbild des Zeus darstellte und dieses Bild bis zum heutigen Tage tradierte? Nach wenigen Tagen begleitete Mathilda ihn nicht mehr in die Museen und Kirchen, sie fand die düsteren Ölbilder, die blassen Fresken, die protzigen Statuen unerträglich.

Es ist vermutlich der vollständigen spirituellen Entmündigung und Entmutigung christlicher Laien durch eine pyramidal strukturierte Kirche zuzuschreiben, dass den Stufenweg der Seele zu Gott, den der heilige Bonaventura in seinem "Itinerarium mentis in Deum" beschreibt, in unserem Kulturkreis niemand geht. Bei uns ist die Reise nach innen verpönt.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)