MFThK, 15.3.2015

Pop-Splitter Folge 3
(Neue Musik von Madonna, Nena u.a.)

♦ Wolfgang Petry ist die neue Nummer 1 der deutschen Album-Charts. "Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle? (Hölle, Hölle, Hölle)" – an diese Refrainzeile erinnern sich die meisten, wenn sie den Namen Wolfgang Petry lesen. 2006 zog sich der Schlagersänger vollständig aus der Öffentlichkeit zurück. 2015 kehrt er mit dem Album "Brandneu" zurück, allerdings nicht mehr als Schlagersänger, sondern mit rockigen, zum Teil von E-Gitarren dominierten Liedern, deren Sound mehr nach Herbert Grönemeyer als nach Helene Fischer klingt. Eines dieser Lieder heißt "Mission", sein Refrain lautet:
Was ist Deine Mission, was ist Deine Version von diesem Leben, so dass es sich lohnt? Was ist Deine Passion, was ist Dein großes Ziel, was gibt Dir ein Wahnsinns-, ein geiles Gefühl? Was ist Deine Mission?
In der ersten Strophe wird Mission beschrieben als das, wofür man brennt und das letzte Hemd gibt. Als Beispiele werden Musik, Sport, ein Doktortitel und das Heimatland genannt. In der zweiten Strophe wird auch der Glauben als eine Option erwähnt:
Entzündest Du Kerzen für Deinen Glauben in Gott als Mensch, sammelst Du Herzen oder gibst Du das Deine für den Moment, lebst Du für Tochter und Sohn, kämpfst für einen höheren Lohn?
Nach diesen Fragen folgt wieder der Refrain.
Das Lied "Sich in den Arm zu nehmen" handelt von einem Realsymbol der Vergebung.
Manchmal ist es besser, nicht zu reden, manchmal reicht es, sich in den Arm zu nehmen ... Es gibt Dinge im Leben, die muss man nicht verstehen, sich in den Arm zu nehmen und einfach blind vergeben. ... die eine kleine Geste, groß genug alles zu verzeihen ...
Es sei "ein Gefühl wie aus spitzem Stein", so beschreibt das Lied "Düdedip" die Reue nach einem Partnerschaftsstreit.
Wenn das Schweigen lauter als das Wort ist, kann es schlimmer nicht mehr sein. Solange man spricht, ist die Hoffnung nicht verloren, und ist der Funke auch noch so klein. Es ist gewollt, dass wir Menschen nicht gleich sind, damit das Leben spannend bleibt ...
Das Lied "Kein Ort der Welt" besingt die Heimat. Durch keine Summe an Geld könne das Gefühl der Heimat erkauft werden.
Kein Ort der Welt ist wie Zuhaus' ... Ist die Welt auch noch so schön, so viele Wunder für ein Leben, es ist die Heimat, nach der ich mich sehn'.
Die Lieder "Spielt mich, wenn ich tot bin" und "Mio Padre" rechnen mit einer Fortexistenz nach dem Tod.
Spielt mich, wenn ich tot bin ... Ich habe ewig Zeit, wenn ich auf den Wolken reit'
singt Petry im Refrain des erstgenannten Liedes.
"Mio Padre", mit über zehn Minuten das längste Lied der Platte, ist eine Erinnerung an seinen verstorbenen Vater. Es gipfelt in der fünfmal gesungenen Zeile
Eines Tages, Mio Padre, sehen wir uns wieder.
Es gibt in der deutschsprachigen Popmusik kaum ein Album, das nicht in einem Lied auf die Begriffe Ewigkeit oder Unendlichkeit zurückgreift. Bei Petry ist es das Lied, das der Platte den Titel gibt. Eine Zeile des Refrains verspricht:
Jede Sekunde hat das Zeug zu 'nem Stück Unendlichkeit.
Ein immer wiederkehrendes Motiv in der Popmusik der Gegenwart ist auch, dass man sich selbst feiert, das Leben feiert, das "Jetzt" feiert. Bei Petry geschieht dies in dem Lied "Ich heb das Glas", welches dabei in einer Zeile eine christliche Anrede verwendet:
Wir treffen uns heute als Brüder und Schwestern.
In dem Refrain des Liedes "Epoche" singt Petry nicht von der katholischen Kirche, sondern von sich selbst (Jahrgang 1951):
Ich bin aus einem anderen Jahrtausend, mein Glanz stammt aus längst vergangener Zeit, ich bin einer der letzten Dinosaurier, wenn ich dann mal geh, ist Epoche das Wort, das dafür bleibt.
♦ Auf Platz 4 der deutschen Album-Charts ist das neue Album von Nena eingestiegen: "Oldschool".
In dem Lied "Bruder" verarbeitet Nena noch einmal den Tod ihres erstgeborenen Kindes Christopher.
Du begleitest uns, wo immer wir sind, wachst über uns im Schlaf, segnest unser Mahl. Du fehlst, aber bist immer da ... Du bist ein Fakt und keine Illusion. Oftmals schau ich zu dir nach oben. Und ich sehe, Du lächelst auf uns herunter, erinnerst uns: Jeder Tag ist ein Wunder ... Alles, was unmöglich erscheint, Geschichten, die das Leben mir schreibt, alles, was mich fordert und lenkt, wurde mir vom Himmel geschenkt. In all dem liegt ein tieferer Sinn. Du erinnerst mich an das, was ich bin. Gekommen, um zu gehen, bis wir uns wiedersehen.
In einer Rezension der Platte auf Amazon schreibt eine Mutter: "Der Song gibt mir als Sternenkindmama sehr viel Kraft und Zuversicht".
Wird nun aber alles, was geschieht, "vom Himmel" gelenkt? Dagegen wendet sich Nena in dem Lied "Schicksal":
Wär blöd, wenn die Moral von der Geschichte ist, dass alles in der Welt Schicksal ist und wir können nichts dagegen tun. Und es ist schön, so schön, wenn man es besser lenken kann.
In dem Lied "Kreis" wird die Schlechtigkeit der Menschen ("gefangen in ihren Tele-Visionen") auch mit einem religiösen Bild illustriert:
Die Engel im Himmel sind einsam, denn anscheinend gibt es mehr in der Hölle zu holen.
Das Ringen um das rechte Wort, das Theologinnen und Seelsorgern nicht fremd ist, thematisiert Nena in dem Lied "Ein Wort":
Oftmals braucht man nur ein Wort, doch das ist genau das Wort, das fehlt.
♦ Das neue Album von Madonna "Rebel Heart" ist so neu, dass es erst in der nächsten Woche in den Album-Charts erscheinen wird. In den Wochen vor der Albumveröffentlichung machte die Sängerin Schlagzeilen mit einem Nietzsche-Zitat (vgl. Die Zeit und SZ) oder einem auf Twitter verbreiteten Jesus-Bild. In einem Interview mit RTL verriet sie, sie würde "sehr gerne" Religion unterrichten, wenn sie Lehrerin geworden wäre. Die Interpretation von Liedern ihres neuen Albums wie "Messiah", "Devil Pray" (mit Zeilen wie Mother Mary, can't you help me cause I've gone astray. All the angels that were around me have all flown away) und "Holy Water" (mit Zeilen wie Jesus loves my pussy best) sei kundigeren Madonna-Exegeten überlassen. Verwiesen sei an dieser Stelle lediglich auf zwei Lieder von Madonna, die im vergangenen Dezember als Leaks im Internet auftauchten, es aber leider nicht auf das neue Album schafften. Das eine Lied heißt "God is love".
If God is love and love is God / No magician sitting in the cloud / Never let us a set of rules / Determine what you say or do.
Das andere Lied heißt "Freedom".
Never take for granted, freedom is a privilege ... Take responsability, you can't blame someone else ... Are you willing to fight for what you believe in? ... Are you willing to die for what you believe in?
I walk in the footsteps of giants. Remember a man who had a dream. I stay in the shadow of those who gave their lives so we can be free. ... You cannot blame what you see happening in the world on anybody else. ...

♦ Hört die Jugend von heute Musik von Wolfgang Petry, Nena oder Madonna? Eher nicht. Die dominante Musik in dieser Altersgruppe ist Rapmusik. Aus dieser Sparte gibt es gerade ein neues Lied zum Thema Religion und Gewalt, hörenswert nicht nur für Religionslehrer: "Religion" von Blumio. Der Rapper erzählt in diesem Lied, dass seine negative Einstellung gegenüber Religion einer differenzierten Sicht gewichen ist: Meine Arroganz wich, weil ich langsam verstand: Religionen sind nicht das Böse auf der Welt ...
♦ "Niveau Weshalb Warum", das neue Album von "Deichkind", ist seit fünf Wochen in den deutschen Charts. Es sei "die beste Platte dieser Band ... Deutschland hat einen Nachfolger für Grönemeyer oder die Toten Hosen", jubelte Th. Lindemann in der FAZ. Das Album böte "dionysischen Diskurspop" und sei "ein Meisterwerk der politischen Melancholie", urteilte M. Pilz in der "Welt". Der Band geht es in ihrer Musik nicht nur um Spaß, hebt auch der Sänger Philipp Grütering alias Kryptik Joe im Interview mit der "taz" hervor: "Es geht uns um mehr. In den Texten der Songs auf dem neuen Album spielen Zweifel, Ängste und innere Zerrissenheit eine Rolle. Es geht um Situationen wie diese: Du hast Bock, einen Burger von McDonald's zu essen, weißt aber, dass das nicht gut ist. Wir wollten sogar eine Nummer schreiben, die 'Der innere Papst' heißt, aber das war uns dann doch irgendwie zu plump." Im Interview mit der "Krone" stellt Grütering fest: "Man hat alles, aber man sucht immer noch. Doch nach was? Religion und Spiritualität gehen zurück und man versucht, das mit Konsum zu kompensieren." Grüterings "Deichkind"-Kollege Sebastian Dürre sieht in den Konzerten seiner Band selbst eine Form von Spiritualität, wie er im Interview mit der "taz" betont: "Wir erschaffen dabei kleine Inseln der Freiheit. Das ist auch eine Form von Spiritualität. ... Wer sagt denn, dass es Spiritualität nur in der Form geben kann, in die sie gesellschaftlich gezwängt worden ist?"
Mit ihrem Lied "Die Welt ist fertig" bieten "Deichkind" auf ihrem neuen Album auch eine apokalyptische Vision der Zukunft der Welt:
Endlich sind die Konten voll / Alles ist zu Ende gedacht / Keine Fragen mehr / Alles unter Dach und Fach.

Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)