MFThK, 6.12.2014

Pop-Splitter Folge 2

♦ Was haben der irische Sänger Chris de Burgh und der Essener Kirchenhistoriker Hubertus Lutterbach gemeinsam? Beide haben sich von der Hohenzollernbrücke in Köln inspirieren lassen. Lutterbach widmet den dort hängenden Liebesschlössern ein Kapitel in seinem gerade erschienenen Buch "Vom Jakobsweg zum Tierfriedhof", Chris de Burgh schrieb für sein Ende Oktober veröffentlichtes Album "The hands of man" (Platz 8 der deutschen Album-Charts) das Lied "The bridge", welches laut KStA-Interview "von der Hohenzollernbrücke und all den Liebesschlössern" handelt. In weiteren Liedern der neuen Platte Chris de Burghs geht es um Reliquien ("I have heard the tale of when King Richard was granted a relic of the Holy Cross") oder um die für Kinderrechte ihr Leben riskierende Malala Yousafzai ("All of the holy men who are at her door are frightened that their power will be lost forevermore. ... Show that you will never spend a lifetime on your knees!"). In "The hands of man", dem Titellied des Albums, kann man einen christologischen Bezug entdecken: There was one that gave his only son / And these are the wounds ... of love. Religionsgeschichtlich interessant ist zudem Chris de Burghs Glaube, er habe heilende Hände.
♦ Die Düsseldorfer Band "Broilers" schaffte in diesem Jahr mit ihrem neuen Album "Noir" den Sprung auf Platz 1 der deutschen Album-Charts. "Die Songs ... sind ... getragen von einer melancholischen Sichtweise auf das Leben, in dem der Mensch sich immer wieder neu über seinen Standpunkt klar werden muss und dabei erkennt, dass es dafür keine einfachen Antworten und Lösungen gibt." (Michael Schönleber, Religionslehrer in Hildesheim). Auf Platz 27 der deutschen Single-Charts stieg im Oktober das Lied "Nur nach vorne gehen", die dritte Single der Platte, ein. Es enthält die Textzeilen: "Niemand kann mir diktieren, wohin es für mich geht. Niemand über den Wolken und niemand, der hier unten lebt." Auf dem Album "Noir" beschäftigt sich das Lied "Das da oben" ausschließlich mit der Frage nach Gott ("Wie soll ich denn glauben? Ich glaub' mir nicht mal selbst!"). In einem Zeitungsinterview gab der Sänger und Texter Sammy Amara zu diesem Lied folgende Erklärung ab: "Bei dem Lied 'Das da oben' wollte ich eine verhältnismäßig neutrale und objektive Sicht auf die ganze Sache werfen. Es ist gar nicht klar, ob da etwas ist. Und ja, gerade in Momenten, in denen es dir schlecht geht, wäre es schön, wenn da etwas ist. Ich finde diese Vorstellung, dass wir uns alle irgendwann auf rosa Wolken wiedertreffen, wunderbar. Aber ich weiß es nicht. Und ich habe nicht das Gefühl, dass ich damit Religion verunglimpfe oder jemanden verletze."
♦ Das neue Album des griechisch-orthodox erzogenen und später zum Islam konvertierten Sängers Yusuf (früher Cat Stevens) "Tell 'em I'm gone" stieg in Österreich auf Platz 15 und in Deutschland auf Platz 22 der Album-Charts ein. Die Platte enthält ein Lied mit dem Titel "I was raised in Babylon", ein Lied, "whose lyrics scold a variety of civilizations for various wrongs committed in religion's name", so die "New York Daily News". Religiös geprägt ist auch das Lied "Doors": God made everything just right. Zum Erscheinen des neuen Albums von Yusuf / Cat Stevens schrieb der Religionswissenschaftler Manuel Gogos im "Tagesspiegel" einen "Essay über Konvertiten, Krieger und Erleuchtete".
♦ Mit der Veröffentlichung von Bob Dylans "The Basement Tapes", welche im November Top-Ten-Platzierungen in Deutschland und Österreich erlangten, ist das Lied "Sign on the cross" von Bob Dylan zum ersten Mal auf einer offiziellen Platte erschienen. Laut dem Dylanologen Heinrich Detering von der Universität Göttingen kann mit dem "Zeichen auf dem Kreuz" nur "I.N.R.I." gemeint sein. "Die Schlüsselposition dieses Textes für Dylans religiöses Werk wird, scheint mir, oft unterschätzt", beklagte er 2007 in der "Edition Suhrkamp".
♦ Bereits im Februar diesen Jahres erschien mit "Tales from the Realm of the Queen of Pentacles" ein neues Album von Suzanne Vega. Drei Lieder dieses Albums verdienen Aufmerksamkeit. Das Lied "Horizont" entstand aus der Reflexion über einen Satz von Vaclav Havel: "Gott ist der Horizont" (vgl. DLF). Das Lied "Jacob and the Angel" thematisiert den Kampf Jakobs in Gen 32. In dem Lied "Laying on of hands/Stoic 2" singt Vega über Mutter Teresa. Warum Vega bzw. ihr lyrisches Ich niemals Weiß trägt, erfährt man auf CBS.
♦ Begrüßenswert wäre es, wenn die Musik, die die Mehrheit der Jugendlichen heute hört, auch in der Religionspädagogik stärker in den Blick genommen würde: Rap und HipHop. Die heutigen Jugendlichen hören nämlich nicht Chris de Burgh, Bob Dylan oder Herbert Grönemeyer, sondern eher Bushido, Casper, Cro, Haftbefehl, Kollegah, Shindy u.ä. Auch in den Hitparaden sind diese Rapper inzwischen genauso erfolgreich wie Grönemeyer. Selbst bei den Gangster-Rappern, die vor allem über Sex, Gewalt und Drogen rappen, findet man gelegentlich nachdenkliche Zeilen, so z.B. auf dem Album "King" des zum Islam konvertierten Rappers Kollegah, das im Mai diesen Jahres an der Spitze der Album-Charts in Deutschland, Österreich und der Schweiz stand:
Warum seh'n wir Glück als Selbstverständlichkeit? Vergessen, dass die Welt vergänglich bleibt, warum? Warum wenden wir uns Gott nur zu bei Unheil und Verzweiflung statt zu danken für Gesundheit oder Reichtum, warum? Warum seh' ich Menschen ohne Chance im Leben? Warum seh' ich Menschen, die wie Bonzen leben? Die leben, als würd's für sie im Jenseits ein Konto geben? ... Die Fläche meiner Rolex reflektiert den hellen Schein des Mondes – sinnloser Luxus, der verwelkt wie eine Rose. Doch wir leben blind, tun alles für Reichtum oder Fame. Aber nehm'n uns nicht mal fünf Minuten Zeit für ein Gebet. Warum lassen wir die Seele verkümmern? Draußen ist Ablenkung, doch sind wir allein, spür'n wir die Leere im Innern.
♦ Gerade bei Rappern mit Migrationshintergrund ist Religion nicht uncool. Ein aktuelles Beispiel ist "Haftbefehl" (alias Aykut Anhan), dessen neues Album "Russisch Roulette" Ende November erschienen ist. Auf "Spiegel Online" wurde die Platte zum "Album des Jahres" erklärt und konstatiert: "HipHop ist die neue deutsche Volksmusik." In der FAZ wurde die Platte als "absolut großartig" und "einfach perfekt" gelobt und der Erfolg des Rappers bei Hipstern und Studenten mit dem "Wunsch nach irgendwas Existentiellem" erklärt. "Haftbefehl" sei "der deutsche Dichter der Stunde", an dessen Namen Michel Foucault seine Freude gehabt hätte, las man in der "Zeit".
Kein Geld der Welt, sondern nur er entscheidet, der Herr entscheidet ... Du musst dein Brot teilen, guck, dass du Fairness zeigst. Wenn du 'n scheiß Millionär bist, musst du 's mit Ärmeren teilen. Weil alles nur vergänglich auf der Erde bleibt. Jeder wird mal sterben und beerdigt ... Gott ist der, der dich von Leid und Schmerz befreit. Bete jeden Tag und du wirst leuchten wie ein Stern, mein Freund. ... Stell dir vor, dein Körper ist nur ein Kleid, das der Herr dir leiht. ...
(Haftbefehl im Lied "Seele")
♦ Im Juni wurde hier die Frage gestellt, ob der Rapper Cro ein Vertreter der "Generation Maybe" ist. Einen Monat später brachte Cros Freund Teesy - was ich wirklich nicht wusste - ein Lied und Video mit dem Titel "Generation Maybe" heraus, Vorbote seines Ende August veröffentlichten Albums "Glücksrezepte" (Platz 34 der deutschen Album-Charts). Im folgenden einige Zitate aus Teesys Sozialskizze der "Generation Maybe":
Ich hangel' ich mich von Freitag zu Freitag. Ich streich' die Tage im Kalender durch und warte auf irgendwas das kommt und mir den gottverdammten Atem raubt. ... Ich kann mich auch mit 40 entscheiden. ... Woll'n Geborgenheit, doch ficken uns um den Verstand. ... Einer macht es vor, alle müssen nach. ... Keiner denkt mehr nach, weil der Scheiß schon stimmt. Hast du iPhone 4, brauchst du iPhone 5. ... Hab'n mit 14 Sex, pubertieren noch mit 20. ... Wir hab'n Zeit, aber laufen hektisch. Reißen Bibliotheken ab und bau'n 'nen McFit. ... Vielleicht sind wir Helden, doch vielleicht sind wir nur Statisten einer Marlboro-Werbung ... "Sicher ist nichts" ist sicherlich sicher.
♦ Die in Münster gegründete Band "Erdmöbel" veröffentlicht seit 2007 in jedem Jahr ein Lied zum Weihnachtsfest. In ihrem neuen Lied bringen sie nicht nur Hare Krishna, sondern auch die Zeile "Der kleine Jesus sucht seinen Papa – kommen Sie schnell zur Information" unter. Im Video spielt der Bassist Ekki Maas "einen Mann, der gleichzeitig Penner und Gott ist".
Das geschmackloseste Weihnachslied diesen Jahres hat die Supermarktkette "Rewe" zu verantworten. Eine schrecklichere Verhunzung von "O du fröhliche" ist kaum vorstellbar. Die Werbeagentur ließ eine Opernsängerin dafür sogar in einer Kirche auftreten.
♦ Auf dem neuen Album der Berliner Band "Einstürzende Neubauten", die im Titellied ihrer Platte "Haus der Lüge" noch vom Selbstmord Gottes berichtete, ist der flämische Renaissance-Komponist Clemens non Papa mit seiner Motette "Pater Peccavi" zu entdecken. In der Version der "Neubauten" erklingen Stimmen von Kriegsgefangenen, die das Gleichnis vom verlorenen Sohn rezitieren (Die Entstehung des Liedes erklärte Blixa Bargeld in der Zeitschrift "Spex"). Das Original findet man hier.

Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)