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Pop-Splitter Folge 1

Ein neues Buch von Peter Handke oder Martin Walser findet in der Theologie immer noch mehr Aufmerksamkeit als die neue Nummer Eins der deutschen Hitparade. Über die Ursachen kann sicherlich auch die Sinus-Milieuforschung Auskunft geben. Es dürfte aber kaum ein Zweifel bestehen, dass zumindest in der jüngeren Generation Pop- und Rockmusik eine viel größere Breitenwirksamkeit hat. Die sich in Pop- und Rockmusik artikulierende Freude und Hoffnung, Trauer und Angst, Sehnsucht und Zweifel der Menschen von heute finden aber in der Theologie immer noch sehr wenig Widerhall. Einem theologischen Aufsatz ein Zitat von Hilde Domin oder Ingeborg Bachmann voranzustellen, ist nicht ungewöhnlich. Aber wer eröffnet einen theologischen Aufsatz schon mit einem Zitat von Prinz Pi oder Nils Koppruch? In unregelmäßiger Folge sollen in Zukunft in einer neuen MFThK-Rubrik einige Splitter aus der Welt der Pop- und Rockmusik gesammelt und dargeboten werden.
♦ Eines der schönsten Lieder über die Fragilität des menschlichen Lebens ("Fragile") stammt von Gordon Sumner alias Sting, dem Sänger der Band "The Police". Im September veröffentlichte Sting ein neues Album. Es gelangte in Deutschland, Österreich und der Schweiz in die Top Ten. Das Titellied "The last ship" enthält Anspielungen auf die Geschichte von der Auffindung des leeren Grabes durch Maria von Magdala ("When she finds the tomb empty, the stone had been rolled ..."). Der auferweckte Herr lässt sich von Maria von Magdala nicht festhalten. Bevor er mit einem Boot verschwindet (Erwarten ihn die Jünger am See von Tiberias?), äußert er die Hoffnung: Through the teeth of this tempest, in the mouth of a gale, may the angels protect me if all else should fail. Dass der morgendliche Blick in den Spiegel für den Mann ein Anlass sein kann, über seine Sterblichkeit nachzudenken, reflektiert Sting in dem Lied "I love her but she loves someone else". Er sei schon immer ein Realist gewesen, singt er in dem Lied "Practical Arrangement". I'm not suggesting that we'd find some earthly paradise forever. I mean how often does that happen now? The answer's probably never. Eine Partnerschaft sei just a practical solution to a solitary life (Eine christliche Theologie der Ehe müsste darüber mehr sagen können ...). Gedanken über den Sinn des Lebens finden sich in dem Lied "So to speak": Our mission is love and compassion and grace. ... Love is the only true power we wield. ... Is it really an eternal life we should seek? ... An eternal love is all we should seek. In dem Lied "Language of Birds" geht es um die Befreiung der Seele from the confines of a working life to find eternity. Stings Eschatologie beschreibt eine Insel in einem gezeitenlosen Meer, a paradise we are told, where the toils of life are forgotten, and they call it the Island of Souls.
♦ Ebenfalls im September erschien das neue Album von Casper (aus diesem Anlass führten sowohl "Die Zeit" als auch das ZDF-Kulturmagazin ein Interview mit ihm). Die "Freie Presse" sieht in Casper den Sprecher "für eine ganze Generation ..., die in einer Welt nach Glück sucht, die sie doch immer und immer verzweifeln lässt." Das neue Album von Casper, der evangelisch getauft wurde, fällt durch sein Cover auf:

Casper kommentiert dieses Foto im Interview mit dem Westfalen-Blatt mit den Worten: "Religion hat eine wunderschöne Ästhetik, ich finde das aber gleichzeitig sehr unheimlich." Caspers Lieblingslied von der Platte (vgl. Juice) verarbeitet den Unfalltod seiner Halbschwester:
Ein überwältigendes Nichts, hinter blendend grellem Licht. Die größte Party von allen, hoff' es hält, was es verspricht. ...
Man sagt am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, kann es auch nicht das Ende sein. Am Ende wird alles gut und ist es nicht gut, ist es verdammt nochmal nicht das Ende - Nein!

♦ Eine Fülle biblischer Anspielungen (vor allem auf das Buch Exodus) findet sich in dem Lied "Schwarze Sonne" aus "Hoch 2", dem neuen Album des österreichischen Rappers Raphael Ragucci, das im Juli auf Platz Eins der deutschen Album-Charts einstieg. Ragucci versteht sich als "Krieger des Lichts", sein Anspruch ist es, Paulo Coelho in Musik umzusetzen, wie er im Interview bekennt.
♦ "Der Thron ist leer, keiner kommt und teilt das Meer, niemand sagt uns, wie es geht, niemand weiß den geraden Weg" – Exodus-Bezüge finden sich auch in dem Lied "Deine Zeit", der vierten Single aus dem ersten Nummer-Eins-Album der Berliner Band "Seeed", "der stärkste Song des Albums" (Süddeutsche Zeitung).
♦ Durch den kommerziellen Erfolg von Lukas Strobel alias Alligatoah (sein Lied "Willst du", das als Kritik an Drogenkonsum interpretiert werden kann, wurde auf YouTube schon zehn Millionen Mal angeklickt. Zum Erfolg Strobels vgl. auch Media-Control) findet auch seine Thematisierung des Zusammenhangs von Religion und Gewalt neue Aufmerksamkeit. Strobel sagt im Interview, das Lied sei "nichts Religionskritisches, sondern Fanatismuskritisches".
♦ Frida Gold, deren Fragen Woran können wir glauben? Was kommt und bleibt? Wo sind wir zu Haus'? immer noch im Ohr klingen, erlangten mit ihrem neuen Album "Liebe ist meine Religion" in diesem Sommer ebenfalls die Nummer Eins der deutschen Charts. Das Titellied thematisiert laut Interview mit der "Stuttgarter Zeitung" den "Spannungsbogen zwischen Rebellion und Religion": "Manchmal muss man für die Liebe aufstehen und rebellieren ... Auf der anderen Seite hat Liebe viel mit Glaube zu tun." Im Zentrum des Plattencovers steht ein kleines Kreuz.
Die Gesangskarriere von Sängerin Alina Süggeler begann im katholischen Kirchenchor in Hattingen, wie sie im Interview mit der "Badischen Zeitung" erzählte. Im Interview mit der "Wiener Zeitung" sagte sie: "Ich war in der katholischen Gemeinde sehr aktiv in meiner Kindheit. Das war mein erster Anknüpfungspunkt mit Musik, da habe ich das erste Mal gemerkt, da ist eine Stimme in mir, die bei anderen etwas auslöst. Und es ist ja auch so: Wo wird Gemeinschaft praktiziert? Die Kirche ist die Institution, die das tut. Ganz egal, was man jetzt von den übergeordneten Strukturen hält und von vielen Dingen, die so was von überholt sind." (Vgl. auch das Interview mit der "Zeit": "In der Kirche habe ich erlebt, wie es ist, wenn man Menschen mit seinem Gesang berührt"). Auf die Gretchenfrage antwortete Alina Süggeler in einem anderen Interview: "Ich bin christlich erzogen worden. Natürlich kann ich mit den meisten Punkten der katholischen Kirche als Institution nicht übereinstimmen, und dieses System sollte dringend neu überdacht werden, aber ich glaube an etwas Höheres und an das Prinzip der Nächstenliebe." Im ersten Lied des neuen Albums singt sie: Ich bin eine aus sechs Billionen auf der Suche nach dem Sinn. In hunderttausend Visionen versuch ich mich zu finden. Ihre Antwort auf die Sinnfrage: Du bist, ich bin, du bist ich, ich bin du. Die Antwort sind wir. Dafür sind wir hier.
♦ Im April veröffentlichte der Pastorensohn Tilmann Otto alias Gentleman, Deutschlands erfolgreichster Reggae-Sänger, ein neues Album, das in Deutschland, Österreich und der Schweiz in die Top Ten gelangte. Die erste Single "You remember" versteht er als Appell zu einem verantwortlichen Umgang mit modernen Medien. Bei aller Zukunftseuphorie dürfe man die Vergangenheit nicht vergessen, erläuterte er im Interview mit dem WDR. Er singt, dass man auch eins nicht vergessen dürfe: "See that the world need a spiritual healing".
♦ "Meine Eltern hatten mit Religion nie was zu tun. Die fanden es echt nicht witzig, dass ich Theologie studiert habe", erzählte der Ostberliner Hitparadenstürmer Tim Bendzko ("Nur noch kurz die Welt retten") im Interview mit Publik-Forum. Im Interview mit dem "Stern" kritisierte er an seinem früheren Studium: "Bei den Theologen wird mir zu viel geredet". Im Titellied seines neuen Albums singt er über die Fragilität des Lebens: "Jeder Atemzug hängt am seidenen Faden – nur solange bis wir da sind". Das Plattencover des Nummer-Eins-Albums "Am seidenen Faden" evoziert die Frage: Was passiert, wenn die Fäden reißen?

♦ "Vielleicht gibt es oben doch einen Gott", singt Tim Bendzkos Westberliner Kollege Max Prosa auf seinem im April veröffentlichten zweiten Album. Die Zeile stammt aus der ersten offiziellen deutschsprachigen Version von Leonard Cohens Klassiker "Hallelujah", getextet von Rio Reisers Freund Misha Schoeneberg. Die Osnabrücker Bloggerin K. D. Leuck findet den Text gelungen, kritisiert aber Prosas Aussprache von "Hallelujah". Christusmotivik findet sich in dem Lied "Charlie". Wenn man den Namen "Charlie" durch "Christus" austauscht, lautet der Refrain: Christus ist der Feind für euch, weil er eine andere Wahrheit kennt. Wer wirft den ersten Stein auf diesen heiligen Moment? Gefangen in dem Netz der Lüge, das ihr webt, hungert ihr nach Leben und kreuzigt den, der lebt. Wenn man in dem Lied "Chaossohn" ein Wort austauscht, lautet der Text: Hier stehe ich, ihr kennt mich schon, des Vaters geliebter Sohn. Vor euch, die ihr Strippen zieht und dann vor dem Elend flieht. Vor euch, die ihr spüren lasst, wie sehr ihr euch selber hasst. ... Hier stehe ich, ihr kennt mich schon, des Vaters geliebter Sohn. Ich weiß, dass die heile Welt selten Versprechen hält. Doch bis die Wahrheit, wie das Licht, durch alle Risse bricht, stehe ich immer wieder hier, seid sicher, ihr hört von mir. ... Das lyrische Ich versteht sich als prophetische Stimme, die Elend, Umweltzerstörung und Krieg anprangert. Ihr, die unentwegt nur im Luxus lebt, esst Kuchen statt Brot. ... Der Geist, der euch quält: Ein Dämon, das Geld! Auf Max Prosas Homepage findet sich das Gedicht "Glauben an ...", welches auch den Glauben an Gott thematisiert.
♦ Im September erschien das siebte Album der Band "Placebo". In Deutschland, Österreich und der Schweiz platzierte es sich in den Top Ten. Das Lied "Too many friends", die erste Singleauskoppelung, setzt sich kritisch mit Social Media auseinander. "Es ist ein Lied über moderne Einsamkeit, die als Betriebsamkeit getarnt ist", erklärte Brian Molko, der Sänger der Band, im Interview mit der "Presse". Facebook erlebe er als "sehr entmenschlichend". Im Interview mit dem "Kurier" äußerte er die Befürchtung, "dass Technologie die Religionen als 'Opium fürs Volk' verdrängt". Aus einer "tiefen Identitätskrise" habe ihm die Begegnung mit dem Buddhismus geholfen. Im Interview mit der "Teleschau" bejahte er die Frage, ob er ein spiritueller Mensch sei, und sagte: "Ich bin nicht religiös, aber mein Leben hat mittlerweile schon eine spirituelle Dimension. Ich interessiere mich sehr für Esoterik und habe mich über die letzten Jahre mehr und mehr mit Buddhismus und Meditation beschäftigt." Er meditiere inzwischen jeden Morgen. Am Ende von "Hold on to me", dem vierten Lied des Albums, wird die esoterische Autorin Solara zitiert.
♦ Seit seiner Veröffentlichung im April diskutiert man im Internet über den ersten Song der Urbesetzung von "Black Sabbath" seit 35 Jahren: "God is dead?". Ozzy Osbourne singt hier am Ende des Liedes: "Is God really dead? I don't believe that God is dead". Das Plattencover der Single zeigt einen Philosophen aus Deutschland. Das der Single folgende Album wurde Nummer Eins in Deutschland, der Schweiz, Großbritannien und den USA.
♦ "I caught myself believin' that I needed god", singt Eddie Vedder, der Frontmann von "Pearl Jam", der nach "Nirvana" wohl erfolgreichsten Grunge-Band der Welt, auf der ersten Single ihres im Oktober erscheinenden neuen Albums. Die Band drehte zu diesem Lied ein Apokalypse-Video, das mit einem Tischgebet beginnt und in dem aus dem Himmel die Hand Gottes erscheint. Das Plattencover der Single thematisiert das Verhältnis von Religion und Gewalt.
♦ Auf das Nummer-Eins-Album von Reinhard Mey wurde bereits an anderer Stelle hingewiesen.
♦ Im März veröffentlichte Eric Burdon, der Sänger der "Animals" ("House of the Rising Sun"), ein neues Album. In dem Lied "Devil and Jesus" singt er: "Don't be a fool and say it's not true either the devil or Jesus will tell you what to do". Am Anfang des Liedes "The River is rising" zitiert er Gen 1,2: "And darkness was upon the face of the deep. And the Spirit of God moved upon the face of the waters". Dem Bibelzitat fügt er die Bitte an: "Oh Lord, please don't put a cross on my door (?)".
♦ "Letzten Endes ist es meiner Meinung nach Gottes Gnade, dass uns so eine lange Karriere gewährt wurde. Ich danke Gott dafür, dass er uns auf diese Weise gesegnet hat", sagte Philip Bailey, Sänger der Band "Earth, Wind & Fire", im Interview mit der SZ. "Meine Musik ist kein Selbstzweck, sie ist ein Vehikel, durch das Gott seine Botschaften auf die Reise schickt."
♦ Der Sänger der "Smashing Pumpkins", Billy Corgan, sagte im August im Interview mit CNN: "I think God's the great, unexplored territory in rock and roll music."

Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)